Ev. Kirchengemeinde Am Groß-Glienicker See

Blog: Unterm Schilfdach

An dieser Stelle schreibt Pfr. Alexander Remler regelmäßig über das Gemeindeleben der Schilfdachkapelle. 

 

Wenn Sie seinem Blog in der WhatsApp-Gruppe "Unterm Schilfdach" folgen wollen, wenden Sie sich unter Angabe ihrer Mobilfunknummer an ihn unter remler@schilfdachkapelle.de.

 

Fr 26.2.21, 11:54: Die Älteren unter uns werden sich vielleicht noch erinnern können – aber vor etwas mehr als einer Woche war noch Winter. Und das war schön, denn die Kinder konnten im Schnee so richtig Spaß haben. Verblüffenderweise war dann aber am Wochenende plötzlich Sommer. Und bei T-Shirt-Wetter stellte sich höchstens die Frage: Wo war noch mal die Sonnencreme? Aber Moment: Zwischen Winter und Sommer war doch was. Ja, der Frühling. Ich merke: Ich wäre dann so weit. Es könnte losgehen. Und wie gut, dass Montag tatsächlich Frühlingsanfang ist, zumindest der meteorologische. Lebenslust, Sehnsucht nach Wärme und der Wunsch nach Farben sind jedenfalls schon da – und so feiern wir am Sonntag einen „Gottesdienst voller Farben“. Das Farbspektrum wird dabei vom Violett der Passionszeit bis zur Farbpalette des Regenbogens reichen, der uns an die Zusage Gottes erinnert: „Erscheint der Bogen in den Wolken, gedenke ich des Bundes, der besteht zwischen mir und euch.“ Das kann ja bunt werden? Allerdings. Der Gottesdienst findet drinnen und draußen statt. Christian Deichstetter begleitet uns an der Orgel. Inge Kronfeldt ist Lektorin. Reinhard Schütz hat Kirchdienst. Und Lekanka Gaiser erwartet alle Kinder gut gelaunt und mit vielen Farben am Basteltisch. Ich freue mich auf diesen farbenfrohen Sonntag.

Di 23.2.21, 13:08: Das Homeoffice gewährt hin und wieder Einblicke, die nicht geplant waren. „Ach, der Herr Pfarrer in Jogginghose?“, habe ich mir bei einer Videokonferenz neulich anhören dürfen. Mit unverkennbarer Ironie. Und wirklich, ich hatte vergessen, mir was anderes anzuziehen. Mist. Dabei mag die Jogginghose vielleicht Anlass für Spott sein, sie ist aber für mich das Kleidungsstück der Stunde. Auch wenn der Name täuscht. Ich zum Beispiel glaube, dass meine Jogginghose gar nicht joggen kann. Von ihrer sportlichen Herkunft ist höchstens geblieben, dass sie das Anziehen am Morgen auf unter zehn Sekunden verkürzt. Dafür schmiegt sie sich situationselastisch in den Tageslauf. Sie ist eher Ausdruck einer Geisteshaltung als alles andere. Das erinnert mich an die Bibel. Auch hier stehen Kleidungsstücke häufig für eine innere Haltung: „Geduld“ etwa wird mit einem Hemd verglichen, „Wahrheit“ mit einem Gürtel. Und wenn es um die geistige Erneuerung des Menschen geht, wird das in der Sprache des Kleiderwechsels beschrieben („…zieht an den Herrn Jesus Christus“, Röm 13,14). Im Vergleich dazu hört sich das Gemecker eines Karl Lagerfeld doch profan an, nach dem derjenige, der das Haus in Jogginghose verlässt, die Kontrolle über sein Leben verloren habe. Na also, wie gut, dass wir im Homeoffice meistens drinnen bleiben.

So 21.2.21, 13:22: Bei frühlingshaften Temperaturen haben wir heute Gottesdienst gefeiert. In der Schilfdachkapelle waren rund 20 Besucher, draußen auf dem Vorplatz haben den Gottesdienst noch einmal 50 Menschen mit erlebt. Es war eine sonnenschöne Stimmung. Vielen Dank an alle, die dazu beigetragen haben! In der Predigt ging es zunächst um nationale Klischees, dann folgte eine „Presseschau“: Der Autor Maurice Frank, ein Engländer, der seit 20 Jahren in Berlin lebt, fragte jüngst in der Berliner Zeitung: „Deutsche sind ordentlich und effizient?“ Und gab sich selber die Antwort: „Alles nicht wahr!“ Und wo immer man derzeit auch hinblickt im Blätterwald, das Bild vom effizienten Deutschland hat längst Risse bekommen. So sieht die Wochenzeitung „Die Zeit“ unser Land vom zackigen Preußen geschrumpft zum deutschen Michel, von der Pickelhaube zur Schlafmütze. Anlass genug, über den Bibelvers „Meine Kraft vollendet sich in der Schwachheit“ (2. Kor 12,19) nachzudenken. Über das Verhältnis von Stärke und Schwäche in unserem Leben. Über die Entlastung, die in dem Vers zum Ausdruck kommt, nicht allzeit perfekt sein zu müssen. Und über den Anspruch, den der Apostel Paulus zugleich formuliert, trotzdem immer unser Bestes zu geben. Als Entschuldigung für Bequemlichkeit, Trägheit und Inkompetenz ist er eher nicht geeignet. Eher so: Einatmen, ausatmen, weitermachen.

Fr 19.2.21, 11:36: Ich schaue auf den Wetterbericht für Sonntag. Und da steht wirklich: 15 Grad und Sonne. Ah, wie schön. Ich freue mich für alle, die in den vergangenen Monaten beim Gottesdienst regelmäßig draußen gesessen haben: Bei Wind und Wetter, bei Schnee und Regen, bei Schneeregen. Noch vorigen Sonntag hat ein wackeres Grüppchen den Gottesdienst bei minus fünf Grad auf dem Vorplatz verfolgt. Aber nun wird das endlich wieder ein Genuss. Und wir haben unser Konzept „drinnen & draußen“ tatsächlich den ganzen Pandemie-Winter über durchgezogen. Danke an alle, die das möglich gemacht haben. Ich würde sagen: Am Sonntag feiern wir einen Vorgeschmack auf den Frühling. In der Predigt soll es um einen Gott gehen, der uns alle Zeit begleitet – und auch in den schwachen Momenten zu uns hält, wenn er spricht: „Meine Kraft vollendet sich in der Schwachheit.“ Und irgendwie muss in die Predigt auch noch ein Wiedersehen mit alten Freunden rein, bei dem es um Klischees und eine Kiste Bier ging. Den Gottesdienst begleiten musikalisch unsere Chorleiterin Marina Philippowa sowie Matthias Reinke, Michael Hoeldke sitzt an der Orgel. Tanja Gieschen ist Lektorin,  Anja Helm hat Kirchdienst. Und Lekanka Gaiser freut sich am Basteltisch auf alle Kinder. Was für ein schöner Sonntag!

Mi 17.2.21, 16:16: Die Zahl der Narren ist unendlich“, heißt es in einem schönen Bibelwort nach einer alten Übersetzung (Pred 1,15). Es gilt auch, aber nicht nur für die Karnevalszeit. Daran schließt sich die Vermutung an, dass es immer mehr Narren gibt. Unabhängig von der mathematisch oder philosophisch zu beantwortenden Frage, ob eine Unendlichkeit überhaupt zu- oder abnehmen kann, sind Karnevalsnarren coronabedingt diesmal nur schwer zu zählen gewesen. Dafür haben mich viele Fastenprojekte erreicht, die einen gewissen Anteil an Verrücktheit aufweisen. Da wollen manche nach dem Prinzip „16/8“ ab nachmittags um vier bis zum nächsten Morgen nichts mehr essen – weil auf diese Weise die Kilos plumpsen wie die Abwehrspieler von Hertha beim Versuch, gegnerische Mittelstürmer aufzuhalten. Von anderen habe ich gehört: „Schlank mit Kohlsuppe“. Aber: Sieben Wochen lang? Ich stelle mir vor, wie ich unterzuckert am Esstisch sitze und hungrig auf den Nudelteller der Kinder schaue. Nein! Ich habe entschieden, Fastenprojekten diesmal eine Absage zu erteilen. Mein Leben ist pandemiebedingt schon genug fremdbestimmt. Dafür freue ich mich auf das Projekt „behütet & begleitet“, bei dem in der Schilfdachkapelle und in der Dorfkirche in der Passionszeit ein Segensbogen und Engelsflügel aufgebaut sind. Wer zur „offenen Kirche“ kommt, erhält dazu ein segensreiches Wegewort. Herzlich Willkommen!

So 14.2.21, 12:36: Valentinswochende – und hinter uns liegen zwei ganz bewegende Gottesdienste. Gestern Abend für Menschen mit Trauer- und Verlusterfahrung, heute Vormittag eher für fröhlich Verliebte. Und heute haben wir im Gottesdienst zwei Liebenden beim Liebesgeflüster zugehört. Ein Ausschnitt aus der Predigt: „‚Lege mich wie ein Siegel auf dein Herz, wie ein Siegel auf deinen Arm‘, sagt ein Verliebter zu seiner Verliebten (Hld 8,6). Vor 3000 Jahren schon. Und das war und ist so schön, dass es Eingang gefunden hat in die Bibel, ins Alte Testament. Und der Verliebte sagt weiter zu seiner Verliebten: ‚Viele Wasser können meine Liebe nicht auslöschen noch Ströme sie ertränken.‘ Da sagen zwei Ja zueinander. Und wir sind live dabei. ‚Liebe ist stark wie der Tod‘, haucht er ihr noch ins Ohr. Und sie flüstert: ‚Ihre Glut ist feurig und eine gewaltige Flamme.‘ Doch, doch, wir sind hier noch in der Bibel, in der Abteilung erotische Literatur. Das ist das Hohelied Salomos. Danke, Valentinstag, dass du uns die Gelegenheit gibst, das im Gottesdienst zu lesen. … Dieses Grundbekenntnis von uns, die wir an den Gott der Liebe glauben: Dass nur dann etwas wirklich gilt, wenn es aus Liebe geschieht. Oder wie Paulus sagt: ‚Alle eure Dinge lasst in der Liebe geschehen.‘“

Fr 12.2.21, 11:06: Man soll die Feste bekanntlich feiern, wie sie fallen. Ein schönes Lebensmotto, finde ich. Und ich fand das auch schon zu einer Zeit, als Feste noch nicht reihenweise ausgefallen sind wie in den vergangenen Monaten. Nun steht der Valentinstag bevor. Der Gedenktag an den Heiligen Valentinus, der sich als „Tag der Liebenden“ durchgesetzt hat. Und das völlig zu recht, denn Valentinus hat reichlich Liebespaare getraut, deren Eheschließung nach römischem Recht gar nicht erlaubt war. Den „Tag der Liebenden“ wollen wir in der Schilfdachkapelle aber nicht nur den Pralinenherstellern und Floristen überlassen. Wir feiern Valentinstag gleich mit zwei Gottesdiensten. Am Sonnabend steht ein Abendgottesdienst um 18 Uhr unter der Überschrift: „Die Liebe höret nimmer auf.“ Dazu sind alle eingeladen, die schon einmal eine Verlust- und Trauererfahrung erleben mussten. Der besinnlich-meditative Gottesdienst wird musikalisch von Merle Remler und Michael Hoeldke begleitet, Tanja Gieschen ist Lektorin, Angelika Fiukowski hat Kirchdienst. Am Sonntagvormittag um 11 Uhr steht ein  „Gottesdienst voller Liebe“ auf dem Programm, ein Fest mit roten Herzen und roten Rosen, ein „Rausch in Rot“. Mit dabei: Michael Hoeldke an Orgel und Keyboard, Julia Grieb als Lektorin, Angeli Wicke hat Kirchdienst, Manfred Gummi überträgt wie gewohnt nach draußen. Herzliche Einladung zum Valentinswochende!

Mi 10.2.21, 12:13: Das Thema digitale Sicherheit ist wichtig. Und wird immer wichtiger. Auch wenn es bei mir häufig nur bei guten Vorsätzen bleibt. Mit Schrecken denke ich an den Versuch zurück, meine Festplatte zu verschlüsseln, was mir eine tagelange, komplizierte Computer-Reparatur eingebracht hat. Vielleicht schiebe ich auch immer weiter auf, mir endlich sichere Passwörter auszudenken. Es muss ja nicht gleich so sein wie bei einem ehemaligen Kollegen. „Mein Passwort ist das Jahr, als Erzbischof Theodericus von Ravenna als päpstlicher Legat in Jerusalem eintraf“, hat er stets gesagt. Und gewartet, bis man artig nachgefragt hat, wann das denn gewesen sein soll. „1234.“ Aber Spaß beiseite: Sogar im Gemeindekirchenrat (GKR) haben wir neulich über verantwortungsvolle Mediennutzung und digitale Bildung beraten. Und über WhatsApp gesprochen, für dessen Nutzung zwar die weite Verbreitung spricht, aber dagegen die Datenschutzproblematik. Unser Blog „Unterm Schilfdach“ wird deshalb auch als Email versendet oder kann auf unserer Homepage eingesehen werden. Und nun  bieten wir den Blog zusätzlich auf dem freien Messenger „Signal“ an. Wichtig bleibt nur, als Gemeinde so öffentlich wie möglich zu kommunizieren. Ein Auftrag, den wir direkt aus der Bibel ableiten, wo es heißt: „Was euch gesagt wird in das Ohr, das verkündigt auf den Dächern“ (Mt 10,27).

Mo 8.2.21, 13:21: Auch wenn es draußen nicht so aussieht: Die Winterferien sind vorbei. Und mein erster Arbeitstag hat mich morgens gleich auf den Landschaftsfriedhof geführt: Trauerfeier im Schneetreiben, es hätte auch weniger eisig losgehen können. Danach Krankenbesuch im Pflegeheim, Gespräch mit einer Ärztin. Über Fehlorganisation, Fehleinschätzung und Fehlkalkulation beim Impfprogramm. Der Anteil der Ü80-Risikogruppe bei den Infektionen ist immer noch doppelt so groß wie in anderen Altersgruppen. Unverständlich die politischen Entscheidungen, beim Vakzin-Einkauf zu geizen, für FFP2-Masken nur das Nötigste auszugeben und weniger PCR-Tests durchzuführen als möglich. Auf dem Weg ins Büro ein Stopp an der Mary-Poppins-Grundschule, Lernmaterialien fürs „Homeschooling“ abholen. Zufallsgespräch mit einer Lehrerin: Warum werden die Schnelltests, die es seit Monaten gibt, nicht täglich in Kita, Schule, in überhaupt allen Einrichtungen eingesetzt? Ergebnis in 15 Minuten, Isolation für positiv Geteste, Quarantäne für Kontakte – so könnte ein Baustein für das Leben mit Corona aussehen. Stattdessen berät die Politik übermorgen: Lockdown oder Lockerungen. Nein, verantwortliches Handeln beginnt bei der Suche nach einer dritten Möglichkeit. „Niemanden zurücklassen“, lautet ein diakonischer Auftrag an uns als Kirche. Doch die Schwächsten leiden häufig am meisten: Kinder, Kranke, Alte und Einsame. Es wird Zeit, das mehr in den Blick zu nehmen.

Fr 29.1.21, 11:12: Heute ist mein letzter Arbeitstag vor den Winterferien. Doch bevor ich nachher nach Hause gehe, zünde ich in der Schilfdachkapelle noch ein Licht an und stelle es gut sichtbar in eins der Kirchenfenster. Auch wir beteiligen uns an den „Lichtfenstern“, der Aktion, die Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ins Leben gerufen hat, um an die Verstorbenen und das Leid in der Corona-Pandemie zu erinnern. Die Lichtfenster sollen Wärme spenden und Mitgefühl zeigen, ein Zeichen sein für Solidarität und Nächstenliebe in diesen dunklen Wochen. Und ich denke noch einmal an die Geschichten dieser Pandemie. An Schmerzen und Leid, Hoffnung und Vertrauen. Ich denke an die trauernden Angehörigen, die ich begleitet habe. Ich bin in Gedanken abermals in den Krankenhäusern unterwegs, auf den glänzenden Linoleumböden gehe ich die leeren Gänge entlang zu einem Krankenbesuch, nehme den besonderen Geruch wahr. Und ich denke an uns alle, die wir schon so lange mit den Einschränkungen leben müssen und die Hoffnung nicht verlieren dürfen. Gott, nimm die Verstorbenen in deine Arme, gib den Trauernden Kraft und schenke den Kranken Genesung, stärke alle, die helfen, pflegen, trösten: Du bist da. „Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat's nicht ergriffen.“ Herr, erbarme dich.

Mi 27.1.21, 9:43: Heute ist Gedenktag. Denn heute vor 76 Jahren wurde das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau befreit. Und so denke auch ich heute an Menschen, die dort ums Leben kamen, deren Lebensweg brutal beendet worden ist. Ich denke an Jugendliche, die zum ersten Mal verliebt waren und sich nie wieder sehen konnten. An Mütter, die ihre Kinder nicht haben aufwachsen sehen. An Verlobte, die niemals heiraten konnten. An Freundinnen, Nachbarinnen, Großväter, Kollegen und so viele andere Menschen, deren Adresse ausgelöscht, denen Würde und überhaupt alles genommen worden ist. Auch nach diesen langen Jahren sind die Verbrechen der Nazis nicht zu begreifen. Und es ist eine bleibende Aufgabe auch für uns als evangelische Kirche, die Erinnerung wach zu halten und wachsam zu sein bei aktuellen Menschenrechtsverletzungen, bei Diskriminierung, Rassismus und Antisemitismus. Ich erlaube mir in dieser kunst- und kulturlosen Corona-Zeit, Werbung zu machen für das Projekt „Lebensmelodien“. Heute Abend gibt es aus Anlass des Gedenktages ab 20.04 Uhr einen Livestream auf rbbKultur aus der Synagoge in der Pestalozzistraße. Auf dem Programm steht jüdische Musik aus der Zeit zwischen 1933 und 1945. Zehn Konzerte, die größtenteils in Vergessenheit geraten waren, sollen auf diese Weise lebendig werden. Initiator dieser Konzertserie ist der Ev. Kirchenkreis Tempelhof- Schöneberg.

Di 26.1.21, 9:22: Also, an den Lockdown haben wir uns alle wohl irgendwie gewöhnt. Aber eine andere Einschränkung des Lebens kann ich einfach nicht akzeptieren – den „Sockdown“. Dieses unerklärliche Phänomen, dass Strümpfe zunächst paarweise auftreten, aber einer von beiden bald verschwindet. Einer tieferen Einsicht folgend, habe ich gestern beispielsweise das Flusensieb der Waschmaschine geöffnet – und wen sehe ich da? Richtig, eine schwarze Baumwollsocke. „Nicht mit mir, Freundchen“, habe ich zu ihr gesagt und sie in die „Single-Kiste“ geworfen, einen ehemaligen Schuhkarton, mein „Sockensurium“ von Einzelstrümpfen. Ich verstehe, dass die Menschen in der Bibel häufig lieber gleich ganz barfuß gehen. Als Mose einen brennenden und doch nicht verbrennenden Dornbusch sieht, sagt Gott: „Zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort ist heiliges Land.“ Barfüßigkeit als Frömmigkeit, das gefällt mir. Neulich übrigens war ich zu einem Taufgespräch. Artig habe ich, wie gewünscht, schon an der Haustür meine Schuhe ausgezogen. Daraufhin brüllt ein achtjähriger Junge begeistert los: „Du hast ja unterschiedliche Socken an!“ Stimmt, peinlich. Beim Sortieren schon nicht aufgepasst, morgens im Dunkeln in den Schrank gegriffen, so was passiert. Zum Glück sagt Gott: „Ich werde mit dir sein.“ Das gilt auch an Tagen, an denen ich einen blauen und einen schwarzen Strumpf trage.

So 24.1.21, 12:33: „Wenn wir Barmherzigkeit mit Macht und Macht mit Recht verbinden, dann wird Liebe zu unserem Vermögen und wird zum Erstgeburtsrecht unserer Kinder.“ Das sind die Worte von Amanda Gorman, der 22-jährigen Dichterin, die am Mittwoch bei der Amtseinführung von Joe Biden und Kamala Harris dabei war. Ihre Worte haben in unserem „Gottesdienst über das Lesen“ am Anfang gestanden. Heute ging es um Bücher, um das Lesen und die Botschaft der Bibel (Danke für das Foto, Cindy!). Ein kurzer Gedanke aus der Predigt: „‚Mit der Bibel kannst du alles begründen‘, hat einmal ein Theologie-Professor zu mir gesagt. Und damals dachte ich: Das ist ja schrecklich! Heute würde ich sagen: Das ist Ausdruck von Freiheit im Glauben. Das ist anspruchsvoll. Das ist evangelisch. Das bedeutet, selber zu denken. Und darüber zum Glauben zu kommen. Sich zu überlegen: Was richtig ist – und zu ahnen, dass man auch zu ganz anderen Ergebnissen kommen könnte. Oder: Dass es bei vielen Fragen kein einfaches ‚Ja‘ oder ‚Nein‘ gibt, sondern immer gute Gründe für die eine wie für die andere Seite. Das ist anstrengend. Und manchmal wünscht man sich mehr Klarheit. Eindeutigkeit. Aber niemand hat gesagt, dass das Leben und der Glaube einfach ist.“

Fr 22.1.21, 13:02: Am Sonntag feiern wir wie gewohnt Gottesdienst. Wir halten also weiter an unserem Konzept „drinnen und draußen“ fest. Das ist ein Ergebnis unserer Beratungen, die wir gestern Abend in unserer Gemeindeleitung (GKR) geführt haben. Bei allen Überlegungen haben wir einmal mehr die Verantwortung gespürt, auch als Kirchengemeinde unseren Beitrag zur Pandemie-Bekämpfung zu leisten. Aber auf der anderen Seite auch gesehen, für wie viele Menschen der Sonntagsgottesdienst eine Bedeutung hat – sei es als Zeit des Innehaltens, des Trostes oder der Gemeinschaft. Sonntag für Sonntag können wir viele Besucher begrüßen, voriges Mal mehr als 60 Menschen, von denen ziemlich genau die eine Hälfte in der Schilfdachkapelle, die andere Hälfte lieber draußen an den Feuerkörben Platz genommen hat. – Kurzum: Herzliche Einladung für Sonntag, wir haben uns einen „Gottesdienst über das Lesen“ vorgenommen. Mal schauen, was das für die Predigt bedeuten wird… Ich freue mich, dass Lekanka Gaiser und Alina Kühn Lektorinnen sein werden. Christian Deichstetter sitzt an der Orgel. Manfred Gummi überträgt nach draußen. Reinhard Schütz hat Kirchdienst. Ein Lied wird uns ganz besonders durch den Gottesdienst begleiten: „Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott, sei mit uns in allem Leiden. Voll Wärme und Licht im Angesicht, sei nahe in schweren Zeiten.“

Do 21.1.21, 10:51: Diese Pandemie fordert, zumal nach den Corona-Beschlüssen vom Dienstag, weiter ein hohes Maß an Flexibilität von uns allen. Dazu gehört, dass wir unseren Alltag ständig neu sortieren müssen. Wir müssen uns auf Neues einstellen und auf Gewohntes verzichten. Und als Kirchengemeinden in Kladow hinterfragen wir uns ständig, wie wir beispielsweise unsere Konfirmanden-Arbeit noch gestalten können. Bisher verzichten wir auf Videokonferenzen. Das haben unsere Jugendlichen schon beim Distanzlernen genug. Aber Präsenzzeiten in der Gruppe gehen auch nicht. Oder nur sorgfältig vorbereitet, so wie gestern. Im Konfi-Jahr sind wir inzwischen bei der Kurseinheit „Bekenntnis“ angekommen. Dafür haben wir eine „Glaubensschlange“ unter der Überdachung an der Waldallee ausgelegt. Unsere Konfis sollten dann zwischen 14 und 19 Uhr einzeln vorbei kommen, um ein Teelicht an die Stelle im Glaubensbekenntnis zu legen, die ihnen Hoffnung gibt (die meisten standen schließlich beim „ewigen Leben“). Dann sollten sie einen Stein dorthin legen, wo sie die meisten Schwierigkeiten haben („zu richten die Lebenden und die Toten“). Interessantes Ergebnis. Nächste Woche schicken wir sie auf die Suche nach Glaubensbekenntnisse, die wir auf dem Gemeindegelände im Dorf verstecken. So hangeln wir uns „coronakonform“ von Woche zu Woche. Meist ohne persönlichen Kontakt, aber verbunden als Gemeinschaft im Glauben.

Mo 18.1.21, 10:55: Seit Tagen begleitet mich ein Zitat, das mir nicht mehr aus dem Kopf geht. „Mancher klopft mit dem Hammer an der Wand herum und glaubt, er treffe jedesmal den Nagel auf den Kopf.“ Stammt von Goethe und hat nichts mit gegenwärtigem Regierungshandeln zu tun. Oder? Morgen treffen sich BK’in und MPs zum nächsten Corona-Gipfel. Und wenn ich Vorüberlegungen von nächtlichen Ausgangssperren bis zum Mega-Lockdown so höre, scheint manchem die ganze Welt zum Nagel geworden zu sein. „Lebensfremd“, nennt das Margot Käßmann. Und ich finde es auch befremdlich, wie strategielos wir durch diese Krise taumeln. Aller Hochmut aus dem Frühjahr ist verflogen. Geblieben sind Fragen: Warum gelingt es uns immer noch nicht, die Altersgruppe Ü80 zu schützen, aus der mehr als zwei Drittel aller Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19 stammen? Wer in Alters- und Pflegeheimen unterwegs ist, ahnt warum. Stattdessen: Kitas und Schulen zu – Lockdown verschärft. „Das ist Wissenschaft als Schamanismus“, schreibt der konservative Kolumnist Jan Fleischhauer. Mit Schamanismus kenne ich mich als Pfarrer nicht aus, aber mich erinnert das an den Tanz ums Goldene Kalb. Doch ich  möchte weiter glauben, dass der Politik mehr einfällt als zuzusperren – und auf Impfungen bzw. die wärmeren Temperaturen im Frühjahr zu hoffen.

So 17.1.21, 13:29: Heute im Gottesdienst haben wir uns bedankt, bei Peggy Trommer für ihre schöne Kollektion „Schilfdach“ (Danke für das Foto, Cindy!). – In der Predigt ging es um flüchtige Bekannte: „Wer schon mal im Ausland gelebt hat oder einfach nur umgezogen ist, kennt das Gefühl, dass sich ein Ort zum ersten Mal nach einem neuen Zuhause anfühlt, wenn man mit jemandem ins Gespräch kommt, den man schon flüchtig gesehen hat. (…) Aber wo sind in dieser Pandemie unsere flüchtigen Bekannten hin? Die Bedienung in dem Café, in dem man sonntags gerne gefrühstückt hat, die anderen Kursteilnehmer beim Sport am Dienstagabend oder Gottesdienstbesucher, denen man immer zugenickt hat? (…) Wo sind die Menschen, die mehr sind als Fremde, aber weniger als Freunde? Uns ist das Ausmaß häufig noch gar nicht bewusst, wie diese Pandemie auch unser Sozialleben verändert hat. Wir sind erst ganz am Anfang zu verstehen, welche sozialen Folgen diese Pandemie auf unser Zusammenleben hat. (…) Ich merke, wie sehr mir Menschen fehlen, die bis vor kurzem zu meinem Leben dazu gehört haben. Nicht weil sie so eine große Rolle gespielt hatten, sondern weil sie flüchtige Bekannte waren. Ich weiß nicht, wann es wieder wie früher wird. Aber, Leute, das wird ein Wiedersehen.“

Fr 15.1.21, 11:21: Nein, allzu viel Anlass für unbeschwerte Freude gibt es in diesen Tagen wahrlich nicht. Schon gar nicht angesichts neuer Überlegungen, die bestehenden Einschränkungen weiter zu verschärfen. Aber: In aller Schwere liegt das Leichte verborgen. Umso mehr freue ich mich, am Sonntag ganz unbeschwert und fröhlich sein zu können. Den Anlass gibt uns das Projekt „Schilfdach“, das Peggy Trommer ins Leben gerufen hat. Peggys Idee, vor allem aber ihrer unermüdlichen Arbeit ist es zu verdanken, dass wir der Finanzierung unseres Schilfdaches ein großes Stück näher gekommen sind. Viel näher, als ich jemals erwartet hätte! Durch die „Kollektion Schilfdach“ haben wir bisher stolze 3.107,65 Euro eingenommen, unglaubliche 16.156 Euro haben wir seit dem Ersten Advent an Spenden und Kollekten erhalten – und an unseren Förderkreis gingen weitere 2.175 Euro zweckgebunden für das Schilfdach. Die Sanierung ist damit deutlich realistischer geworden. Ist das nicht wirklich ein Grund, Danke zu sagen? Deshalb feiern wir am Sonntag einen „Gottesdienst voller Dank“. Drinnen und Draußen. Michael Hoeldke wird uns am Digitalpiano begleiten. Unsere Vorsitzende Inge Kronfeldt ist Lektorin. Manfred Gummi überträgt zu den Feuerkörben nach draußen. Lekanka Gaiser freut sich am Basteltisch auf Kinder. Und Peggy Trommer wird mit Neuzugängen ihrer Kollektion dabei sein. Ich freue mich!

Mo 11.1.21, 10:36: Obstsalat, einfach nur Obstsalat. Das hatte ich mir für gestern Abend vorgenommen: Was Gesundes, Vitamine und so. Und wenn ich mir etwas vornehme, dann mache ich das wirklich, wirklich, wirklich, wirklich auch so. Gut, es wurden dann Beeren. Also, Trauben. Na schön, ich habe gestern Wein getrunken. Aber gibt es denn ein biblischeres Getränk als Wein? Genau. „Der Wein erfreut des Menschen Herz“, weiß schon einer der schönsten Psalmen der Bibel, Psalm 104. Wein ist mehr als trinken – oder wie sonst ist die Stellung des Weins beim Abendmahl zu erklären? Wie sonst ist zu erklären, dass schon Jesus ein Weintrinker war. Einen „Weinsäufer“ nennt ihn sogar das Matthäusevangelium (Mt 11,19). Weithin unstrittig ist, dass Jesus nach Johannes sogar ein Weinwunder vollbracht hat. Bei einer  Hochzeitsgesellschaft in Kana hat er Wasser aus sechs steinernen Krügen mit bis zu 120 Litern Fassungsvermögen in Wein verwandelt. Das muss ein „Zeichen“ gewesen sein, schreibt Johannes. Wobei ein Weiser des Alten Testaments  auch schon wusste: „Wenn man zu viel trinkt, bringt der Wein Herzeleid, weil man sich gegenseitig reizt und miteinander streitet“ (Jesus Sirach 31,32-36). Schon wahr. Und ich versuche meist auch vernünftig zu sein – aber ich kann doch nicht immer auf mich aufpassen!

So 10.1.21, 12:44: Heute im Gottesdienst ging es um Joan Baez, die gestern 80 Jahre alt geworden ist, um Martin Luther King und um Demonstranten, die das Kapitol in Washington wie Vandalen gestürmt haben. Wir haben einen Gottesdienst voller Hoffnung gefeiert. Hier ein Gedanke aus der Predigt: „Jesus Christus ist die Hoffnung. Das steht schon in der Bibel. Der Christus in uns schenkt Hoffnung auf Herrlichkeit (Kol 1,27). Der Christus in uns lässt uns hoffen auf den Gott der Hoffnung (Röm 15,13). Hoffnung zu haben ist schön, aber auch Arbeit. Denn niemand kann ausschließen, dass es ganz anders kommt als wir hoffen. Und dann? Wenn sich Hoffnung nicht erfüllt, schlägt die Enttäuschung mit umso größerer Härte zurück. Und wir fühlen uns doppelt betrogen. Um die Zukunft, auf die wir gehofft haben, wie um die Vergangenheit, die wir nicht wahrgenommen haben, als sie noch Gegenwart war. Vielleicht kommt Hoffnung deshalb nie unbeschwert daher. Hoffnung ist grüblerisch, bedenkenträgerisch, ambivalent. Hoffnung ist eine Diva… Die Hoffnung will umworben werden. Bedingungslos. Wir können sie nur einladen, in unser Leben zu kommen, und vertrauen, dass sie uns finden wird. Und dann an ihr festhalten wie ein Ertrinkender am Strohhalm, auch wenn uns das Leben alle Hoffnung nehmen möchte.“

Fr 8.1.21, 11:21: In dieser Woche haben wir einen der Tiefpunkte der amerikanischen Demokratie erleben müssen. Umso lieber erinnere ich mich an eine der Sternstunden, an einen der berühmtesten Sätze der Weltgeschichte: „I have a dream.“ Martin Luther King hatte diesen Traum. Und diese Hoffnung. Damals, 1963, auf den Stufen des Lincoln Memorials. „Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe beurteilt.“ Wie gehen wir mit Hoffnungen um, und wie mit Enttäuschungen? Darum geht es am Sonntag in einem Gottesdienst voller Hoffnung. In der Predigt geht es um die Frage: „Und wovon träumen wir?“ – Wir feiern auch an diesem Sonntag wie gewohnt drinnen und draußen. Und ich denke beeindruckt an den vorigen Sonntag zurück, an die Gruppe wetterfester Besucher, die bewiesen hat, dass selbst Schneeregen und Temperaturen um null Grad kein Hinderungsgrund sein müssen (siehe Foto). Wobei: Diesmal sind die Aussichten freundlicher. Mit etwas Glück schaut sogar die Sonne vorbei. Kissen, Decken und Feuerkörbe haben wir trotzdem parat. Dazu sitzt Michael Hoeldke wieder an der Orgel, Tanja Gieschen ist Lektorin, Lekanka Gaiser hat den Kirchdienst und baut für alle Kinder gerne einen Basteltisch auf. Ganz herzliche Einladung!

Wahrscheinlich liegt es an den Entscheidungen, die gestern auch zu den Kitas und Schulen getroffen worden sind. Jedenfalls denke ich heute etwas nostalgisch an den Dreikönigstag vor einem Jahr zurück. An den 6. Januar 2020, als ich in meiner Religionsklasse stand, einer fünften Klasse, und die Schüler nach den Namen der Heiligen Drei Könige fragte. "Balthasar, Baldrian und dann noch einer", war die erste Antwort. Ich musste lachen. Und fand das gar nicht so schlecht. Schließlich bleibt auch die Bibel bei der Dreikönigsgeschichte ziemlich unbestimmt. Wer nach den Namen der Könige sucht, wird sie nicht finden. Überhaupt ist auch von Königen gar nicht die Rede. Und die Zahl drei spielt ebenfalls keine Rolle. Aber das sind nur typisch evangelische Einwände. Ich mag die Geschichte um die "Weisen aus dem Morgenland" (Mt 2,1) trotzdem sehr gerne. Ein mächtiger König war ihnen angekündigt worden. Aber mit einem Kind in der Krippe hatten sie nicht gerechnet. Doch so ist das nun mal mit den Sternen, die uns Orientierung versprechen. Da machen wir uns auf den Weg, und plötzlich kommt es im Leben doch ganz anders. Wie schön ist es dann, wenn wir die Überraschungen so umarmen können, wie das die Heiligen Drei Könige gemacht haben. Deshalb wünsche ich mit allen "Sternsingern", die heute unterwegs sind: 20*C+M+B*21. Oder auch: Gottes reichen Segen für 2021!

So 3.1.21, 12:50: Jeder zweite Deutsche startet mit Vorsätzen ins neue Jahr. Aber 90 Prozent aller Neujahrsvorsätze werden nicht in die Tat umgesetzt. Das ist nichts Neues. Schon die Bibel hat gewusst, wie leicht man vom Ankündigungsweltmeister zum Umsetzungszwerg wird. Ein Gedanke von heute aus der Predigt: „Die Jünger hatten auch einen Vorsatz. Sie wollten bei Jesus bleiben. Ihn begleiten. Bis zum Ende. Und also haben sie das letzte Abendmahl gefeiert und sind dann los gegangen. Bis zum Ölberg, wo Jesus noch beten wollte. Und Petrus und Jakobus und Johannes hat Jesus sogar noch ein Stück weiter mit genommen. Und ihnen ganz ausdrücklich gesagt: 'Bleibt hier und wachet!' Und die drei nehmen sich auch das zu Herzen. Aber dann kommt es auch bei ihnen, wie es kommen muss. Sie halten nicht durch. Sie schaffen es nicht, ihre Vorsätze durchzuhalten. Sie bleiben nicht wach, sie schlafen ein. Jesus sagt enttäuscht: 'Simon, schläfst du? Vermochtest du nicht eine Stunde zu wachen?' Und er setzt einen Satz hinzu, der quer durch alle Zeiten bis zu unseren Neujahrsvorsätzen führt: 'Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach.'" Barmherzigkeit ist das Motto der Jahreslosung für 2021. Und das heißt auch: Seid barmherzig mit euch und euren Vorsätzen.

Fr 1.1.21, 12:05: Am Ende war es dann doch nicht ganz so still wie gedacht. Aber die paar Raketen, die gestern in den Nachthimmel über Kladow aufgestiegen sind, konnten doch nicht die Seufzer der Erleichterung überlagern, dass dieses schwierige Jahr 2020 endlich hinter uns liegt. Und mir geht es so: Ab sofort brauche ich auch keinen Rückblick mehr, sondern nur noch Ausblicke, am besten schöne und erfreuliche. Deshalb erst einmal: Frohes neues Jahr und viel Segen für alles, was kommt! „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ – so hat es Hermann Hesse einmal gedichtet. Und so gibt es wohl wirklich keinen besseren Moment, auch einen inneren Neustart zu wagen, als den Anfang des Jahres: 365 Tage liegen erst einmal vor uns. Vieles ist denkbar, aber was ist möglich? Und was bleibt von den vielen Neujahrsvorsätzen, die auch in diesem Jahr die Hälfte aller Menschen gefasst hat? Das sind so Fragen, denen ich am Sonntag im Gottesdienst nachgehen möchte. Um 10 Uhr bin ich bereits in der Dorfkirche Kladow. Um 11 Uhr wie gewohnt in der Schilfdachkapelle. Wir feiern wieder drinnen und draußen. An der Orgel sitzt Michael Hoeldke, Lektorin ist Leoni Rademacher, den Kirchdienst hat Reinhard Schütz übernommen. Ich freue mich. Herzliche Einladung!

Do 31.12.20, 12:26: Ein seltsamer Jahreswechsel hat begonnen. So ohne das ganze Geknatter, Gequalme und Gedonner. Stattdessen lautet die Vorhersage für heute Abend: „Stille Nacht“. Eigentlich ein passender Anlass, noch einmal den Weihnachtsklassiker anzustimmen, so wie vorige Woche, Heiligabend, am Weihnachtsbaum vor der Schilfdachkapelle. Die Stille am Silvesterabend hat viele  Freunde. Die meisten Haustierbesitzer etwa, mit denen ich am Rande des Hundeauslaufgebiets in den vergangenen Tagen gesprochen habe. Kaum ein Hund wird heute vor herumfliegenden Heulern unter dem Küchentisch Schutz suchen müssen. Keine Katze wird befürchten müssen, eins ihrer sieben Leben an einen „Black Dragon“ oder „Berthas Bazooka“ zu verlieren. Doch andere sehen dem „Silvester der Tiere“ auch mit Schrecken entgegen. Der Jahreswechsel ohne Böller? Für manchen fast so schlimm wie die Endzeitvisionen aus der Johannes-Apokalypse, wo es immerhin auch ordentlich kracht und raucht. Nicolas Budde und ich haben uns trotz der offenkundigen Parallelen zu einer außer Rand und Band geratenen Silvesterfeier heute gegen die Apokalypse entschieden. Am Altjahresabend werden wir gleich um 16 Uhr vor der Dorfkirche Kladow die Jahreslosung in den Mittelpunkt unserer Silvester-Andacht stellen. „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“ (Lk 6,36). Denn: In der Tat, einen barmherzigen Umgang können wir im neuen Jahr gut gebrauchen.

Di 29.12.20, 9:38: Diese Tage zwischen Weihnachten und Neujahr haben etwas Zauberhaftes für mich. Allein schon dieser Name: "Zwischen den Jahren". Diese Tage, an denen ich immer zweimal überlegen muss, welcher Wochentag gerade ist. Diese Tage, an denen es mir so leicht fällt wie sonst nie, Aufgaben auf morgen zu vertagen, besser noch: aufs nächste Jahr zu verschieben. Das nächste Jahr? Noch ganz weit weg. Das alte Jahr? Kaum noch mehr wert als drei Worte: Bitte nicht nochmal. Und die Welt schlummert vor sich hin. Zwischenzeit. Sogar die Corona-Krise verliert an Schrecken. Und sei es nur, weil auch die Gesundheitsämter in den Meldestreik getreten sind und der Blick auf die täglichen Infektionszahlen keinen Sinn mehr ergibt. Dabei weiß der Kopf natürlich, dass die Pandemie keine Pause macht. Und auch die Zeit nicht still steht. "Zwischen den Jahren" ist ein Gefühl. Und mit "den Jahren" sind auch nicht 2020 und 2021 gemeint, sondern alle Jahre. Aber: Wann können wir durchatmen, wenn nicht jetzt? Wann können wir Kraft schöpfen, wenn nicht jetzt? Mir kommt ein altes Lied aus der Bibel in den Sinn: "Meine Zeit steht in deinen Händen, nun kann ich ruhig sein, ruhig sein in dir." Das neue Jahr muss warten. Alle Herausforderungen kommen noch früh genug. Jetzt ist: "Zwischen den Jahren".

Fr 25.12.20, 9:53: Nein, das war so vorher nicht abzusehen gewesen. Zu viele Unsicherheiten haben die Vorbereitungen auf Weihnachten in diesem Jahr begleitet. Aber dann war der Heiligabend an der Schilfdachkapelle doch so schön, dass ich glaube, auch viele der Besucher werden die Krippenspiele und die Christnächte in guter  Erinnerung behalten. Und vor allem das „Krippenspiel in Stationen“ wirft nicht nur für mich die Frage auf, warum wir das nicht immer so machen – unabhängig von Corona. Aber auch die Lichtaktion am geschmückten Weihnachtsbaum bei den Christnächten hat mich berührt. Alle Gottesdienste sind aber nur möglich gewesen, weil sich so viele Menschen beteiligt haben. Das war für mich das schönste! Deshalb einen ganz herzlichen Dank an tolle Krippenspieler, engagierte Kirchdienste und unsere beruflichen Mitarbeiter. – Und so geht es nun weiter: Gleich, um 11 Uhr, feiern wir auf dem Vorplatz der Kapelle einen verkürzten Gottesdienst mit der Möglichkeit, Kerzen an der Krippe zu entzünden. Morgen, wiederum um 11 Uhr, spielen Michael Hoeldke und der Posaunenchor Weihnachtslieder nach Wunsch – mit Katrin Buchholz und Lekanka Gaiser. Am Sonntag findet der Gottesdienst, diesmal mit Pfarrer Nicolas Budde, drinnen und draußen statt. Ach so, die Schafe übrigens bleiben noch bis Sonntag und freuen sich über Besuch. Allen gesegnete Feiertage!

Mi 23.12.20, 15:48: Seit wenigen Minuten macht die Schilfdachkapelle ihrem Namen „Zum Guten Hirten“ wirklich alle Ehre. Denn gerade sind vier vergnügte Schafe angekommen, die in den nächsten Tagen zwischen den Emmaus-Jüngern und dem Geräteschuppen vor der Schilfdachkapelle grasen werden. Ich bin mir nicht sicher, ob ihnen bewusst ist, dass sie morgen in den Krippenspielen tragende Hauptrollen übernehmen werden. Aufgeregt sehen sie bisher eher nicht aus. Ganz im Gegensatz zu mir. Wir sind in diesen Minuten gerade in den Generalproben für morgen. Und außer den Schafen sind hier auch Hirten und Engel, Soldaten und Herolde unterwegs. Und im Minutentakt schaue ich auf die Wetter-App meines Handys. Die Aussichten für morgen sind durchwachsen. Aber wir nehmen es, wie es kommt. Alle Gottesdienste finden draußen statt. Teilnehmen kann nur, wer sich angemeldet hat. Die Krippenspiele sind leider alle ausgebucht. Nur für die beiden Christnächte um 22 und um 23 Uhr gibt es noch wenige Plätze. Den ganzen Tag gilt das „Einbahnstraßenprinzip“: Wir bitten alle Besucher, das Gemeindegelände an der Waldallee zu betreten und nach den Gottesdiensten am Gottfried-Arnold-Weg wieder zu verlassen. Wir achten auf Mundschutz und Abstand und halten uns auch sonst an die aktuellen Corona-Regeln. Ich freue mich.

Mo 21.12.20, 11:34: Am Donnerstag ist Heiligabend. Nur noch drei Tage… Und die Frage wird immer drängender, ob wir unsere Weihnachtsgottesdienste wie geplant feiern. Wir Spandauer Pfarrerinnen und Pfarrer haben uns heute zum Sonder-Konvent getroffen. Per Zoom-Konferenz, natürlich. Dabei wurde noch einmal deutlich, wie wir alle mit der richtigen Entscheidung ringen. Wie wir einerseits die Last der Verantwortung spüren, auch als Kirche unseren Beitrag zur Pandemie-Bekämpfung zu leisten. Und wie wir andererseits auch für diejenigen da sein wollen, die gerade jetzt Halt und Trost brauchen. Und für mich persönlich hat der Vorwurf aus dem Frühjahr schon Eindruck hinterlassen, dass wir als Kirche die Menschen damals alleine gelassen haben sollen. Aber was folgt jetzt daraus? Wie passend, denke ich bei mir, dass ausgerechnet heute Thomastag ist. Also der Gedenktag für den Jünger, dem der Auferstandene zunächst nicht erschienen war, der deshalb Zweifel hatte an den Berichten der Augenzeugen. Der 21. Dezember steht als dunkelster Tag des Jahres ganz im Zeichen des Zweifels, der Unsicherheit, der Zerrissenheit. „Mensch, wo bist du?“, ruft uns Gott immer wieder. Und ich frage heute, mehr als sonst, zurück: „Gott, wo bist du? Wo soll deine Kirche sein?“ Stand heute finden die Gottesdienste wie geplant statt.

So 20.12.20, 12:32: Heute im Gottesdienst ging es um etwas, was in dieser Vorweihnachtszeit kaum zur Sprache kommt: um die Vorfreude. Ein Gedanke aus der Predigt: „Die Weihnachtsgeschichte erzählt, dass uns Gott so nahe sein möchte, dass er Mensch wird, ein kleines Kind wird, das uns berühren, uns heilen kann, durch die Kraft der Liebe. Ein Kind kann alles ändern. Das wissen alle Eltern, aber nicht nur Eltern. Ein Kind ändert alles, nicht durch Stärke, sondern durch Liebe. ‚Wer ein Kind anschaut, hat Gott auf frischer Tat ertappt’, sagt Martin Luther. Das ist die Botschaft vom Kind in der Krippe. Dass ein Kind die Kraft hat, uns zu verändern. Das Kind in der Krippe gibt uns die Gelegenheit, unser inneres Kind anzuschauen, das wir so bemüht sind, ein Leben lang zu beschützen, weshalb wir Mauern hochziehen, uns stark machen wollen, unverletzlich sein wollen. Doch das Kind in der Krippe erinnert uns, dass unsere scheinbare Stärke die größte Schwäche ist. Das weiß jeder, der sich schon einmal mit einem geliebten Menschen gestritten hat. Dass ein solcher Konflikt nicht nach der Mechanik von Sieg und Stärke, sondern nur heilsam beendet werden kann, wenn dieses innere Kind zur Sprache kommt. Und nicht Stärke zeigt, sondern Schwäche. Vergebung und Versöhnung.“

Fr 18.12.20, 12:16: Nun sind wir mitten drin in der Vorweihnachtszeit. Und ich bin froh, wenn morgens im Radio mal nicht „Last Christmas“ zu hören ist. So wie heute. Stattdessen gab es „Driving Home For Christmas“, auch so ein Dudel-Pop-Lied. Wobei ich das sogar ganz gut finde. Die Vorstellung, dass da einer allein im Auto sitzt, auf dem Weg zu seinen Lieben nach Hause im Stau steht, und plötzlich entdeckt, wie verbunden er sich den anderen Autofahrern fühlt. „I take a look at the driver next to me/ He's just the same/ He's driving home for Christmas.“ Wir sind alle auf dem Weg zur Weihnacht – und es stellt sich nur die Frage: Wie feiern? Oder: Mit wem feiern? Schon in normalen Jahren ist das nicht leicht. In diesem Jahr aber richtig kompliziert. Deshalb ist die  Predigt für Sonntag überschrieben: „Was soll der Stress?“ – Wir feiern den Gottesdienst wie gewohnt drinnen und draußen. Unsere Vorsitzende Inge Kronfeldt ist Lektorin, Reinhard Schütz hat den Kirchdienst übernommen. Christian Deichstetter spielt die Orgel. Robert Gummi hat versprochen, wieder Stockbrot für die Feuerkörbe vorzubereiten. Nina Merkle und Niko Ekhtiari sind musikalisch auch wieder mit dabei. Herzliche Einladung zum Vierten Advent: „Freuet euch! Der Herr ist nah.“

Mi 16.12.20, 13:54: Das öffentliche Leben ist seit heute wieder stark eingeschränkt. Dafür zeichnet sich für uns als Kirchengemeinde nun immer mehr ab, wie wir die Gottesdienste an Heiligabend feiern können. Die gute Nachricht: Sowohl die „Krippenspiele in Stationen“ am Nachmittag als auch die beiden Christnächte am Abend können stattfinden. Stand heute, muss man wohl anfügen. Es gibt nur eine wichtige Neuerung: Eine Anmeldung ist nötig. Die Krippenspiele werden unter Einhaltung der geltenden Corona-Regeln draußen, auf dem Gemeindegelände, aufgeführt. Es geht los unter der Überdachung am Gemeindehaus an der Waldallee. Die Krippenspiele finden alle 20 Minuten um 15 Uhr, 15.20 Uhr, 15.40 Uhr, 16 Uhr, 16.20 Uhr und 16.40 Uhr mit jeweils höchstens 25 Besuchern statt. An den beiden Christnächten, rund halbstündigen Andachten am geschmückten Weihnachtsbaum auf dem Vorplatz der Kapelle, dürfen jeweils höchstens 100 Besucher teilnehmen. Für den Nachmittag und den Abend bedeutet die Teilnehmerbegrenzung, dass wahrscheinlich nicht alle dabei sein können, die das gerne würden. Umso mehr bitte ich alle, die interessiert sind, sich möglichst bald bei mir per Mail (remler@schilfdachkapelle.de) anzumelden. Ich werde dann zurückschreiben, ob die Anmeldung noch rechtzeitig angekommen ist. Ich hoffe sehr, dass wir uns Weihnachten sehen!

Mo 14.12.20, 10:29: Jetzt also doch. Es kommt, was alle vermeiden wollten. Der Lockdown. „Das öffentliche Leben wird heruntergefahren“, heißt es. Und ich frage mich: „Heruntergefahren“? Was für eine unpassende Formulierung. Als wären wir Computer, die man mal eben runterfahren könnte, um Ruhe zu haben. Aber wir leben weiter. Und die Frage ist doch höchstens, wie wir durch die nächsten Wochen kommen. Mich beunruhigt dabei sehr, wie viele Menschen ich erlebe, die alleine sind, die ihre Kinder und Enkelkinder vermissen – und nicht wissen, was erst an den Feiertagen werden soll. Umso schöner finde ich die Idee, die mich aus zwei Religionsklassen des Kant-Gymnasiums erreicht hat. Eine Idee, die für mich die dunkle Jahreszeit heller leuchten lässt. Die 11- bis 13-jährigen Schülerinnen und Schüler der Religionsklassen meiner Frau Merle wollten anderen Menschen gerne eine Freude machen. Sie haben angefragt, ob sie eine Namensliste bekommen können. Natürlich haben sie eine Liste bekommen, eine lange Liste ist es geworden, zu lang. Aber einige Menschen aus unserer Gemeinde haben nun Post bekommen. Mit viel Mühe gestaltete Weihnachtskarten. Mit wunderbaren Worten, die von Herzen kommen. Und ich bin ganz gerührt. Und freue mich über diesen weiteren Mosaikstein, mit dem wir Nähe und Gemeinschaft aufrecht erhalten wollen.

So 13.12.20, 13:19: Auch wenn es im Moment nur wenig zu lachen gibt, wenn wir die Nachrichten hören. Im Gottesdienst heute ging es um das Lachen. Um ein freundliches älteres Ehepaar namens Sara und Abraham zum Beispiel, er so an die 100 Jahre alt, sie auch schon rüstige 90. Hier kommt ein Gedanke aus der Predigt: „Die beiden bekommen Besuch vom Engel des Herrn, der ihnen ankündigt, dass sie bald ein Kind bekommen. Und Sara fragt sich daraufhin belustigt: ‚Nun, da ich alt bin, soll ich noch Liebeslust erfahren?‘ Und ich sehe sie beinahe vor mir, wie sie ungläubig den Kopf schüttelt. ‚Darum lachte sie‘, heißt es wörtlich, es ist die älteste Bibelstelle zum Thema Lachen überhaupt (Gen 18, 12). Sara lacht. Dann lachen Sara und Abraham gemeinsam. Und dann lacht auch Gott mit ihnen… Diese Geschichte zeigt einen freundlichen Gott, der den lachenden Zweifel und unseren Kleinglauben aushält – und ihn in ein glückliches Lachen der Freude verwandelt. Denn Sara wird tatsächlich schwanger und bringt einen Sohn zur Welt. Und jetzt die schönste Pointe dieser Geschichte: Der Sohn heißt Isaak. Und das ist Hebräisch nichts anderes als die Übersetzung von: ‚Er lacht’ oder ‚Er wird lachen‘. Alle lachen. Das ist schön. Und das tut gut.“

Fr 11.12.20, 11:10: „Humor ist, wenn man trotzdem lacht.“ Das ist nicht nur ein schönes Zitat von einem Schriftsteller mit dem noch schöneren Namen Otto Julius Bierbaum. Es ist auch eine Lebensweisheit, die weiß: Lachen befreit die Seele, gerade dann, wenn einem nicht danach zumute ist. Gestern erst habe ich der Berliner Morgenpost ein Interview gegeben über unser „Krippenspiel in Stationen“, das wir für Heiligabend vorbereiten. Das Interview soll am Sonntag erscheinen. Aber nun sitze ich im Büro und frage mich: Was machen wir Heiligabend wirklich? Keiner weiß, was kommt. Sind alle Pläne für die Tonne? Ach, es ist zum… Lachen! Genau. Schlechte Nachrichten gibt es genug. Deshalb soll es bei uns am Dritten Advent fröhlich werden. In der Predigt geht es um das Lachen, in der Bibel und überhaupt. – Wir feiern drinnen und draußen, mit Stockbrot und Feuerkörben, mit Kissen und Decken – mit allem, was unsere Herzen erwärmen kann. Julia Grieb und Alina Kühn sind am Gottesdienst beteiligt, Lekanka Gaiser übernimmt den Kirchdienst. Michael Hoeldke spielt die Orgel. Und ganz besonders freue ich mich, dass Niko Ekhtiari und Nina Merkle uns musikalisch begleiten. Ein Lied, das die beiden spielen, passt wie kein zweites zu dem Gottesdienst am Sonntag: „Joy To The World“!

Mi 9.12.20, 11:37: Er wollte leben. Und nicht sterben. Er hatte noch viel vor, wollte noch so viel machen. Aber dazu sollte es nicht mehr kommen. Helmut Luther ist gestorben, er ist 81 Jahre alt  geworden. Und traurig zurück bleiben seine Frau Heike und die drei Kinder Ralf, Doris und Jan mit ihren Familien. Helmut Luther war über Jahrzehnte ein vertrautes Gesicht unterm Schilfdach. Die ganze Familie war hier engagiert, Helmut Luther selber war im Gemeindekirchenrat aktiv. Kein Wunder also, dass mich viele Fragen nach der Trauerfeier erreicht haben – nur dass in Corona-Zeiten keine große Feier stattfinden konnte. Es hat mich deshalb besonders berührt, am Montag viele vertraute Gesichter am Straßenrand gesehen zu haben, als wir im Anschluss an die Trauerfeier in der Dorfkirche Kladow hinter dem Sarg her zum Friedhof gezogen sind. Das hat auch Heike Luther getröstet. Sie durfte in Helmuts letzter Nacht in Havelhöhe bei ihm bleiben. Den letzten Atemzug schildert sie als friedlichen Augenblick: „Wie eine entspannte Geburt“. Und wer könnte das besser beurteilen als sie, die als Hebamme gearbeitet hat? Helmut Luther ist in ein neues Leben hineingeboren. Am Sonntag werden wir im Gottesdienst für ihn beten und eine Kerze entzünden. Die Familie wird auch dabei sein.

Di 8.12.20, 14:04: Gestern war mal wieder einer dieser Tage. Das hatte sich schon am Wochenende abgezeichnet, mit diesen langen Adventsnachmittagen im Sternzeichen Kuchen, Aszendent Kekse. Na gut, dachte ich, machste halt Sport am nächsten Abend. Und so bin ich dann morgens motiviert in den Tag gestartet. Noch am Mittag war ich überzeugt, mir abends die Schuhe zu schnüren und um den Groß Glienicker See zu laufen. Am Nachmittag aber kamen die Zweifel. Der Berg auf meinem Schreibtisch wurde nicht geringer, die Altarkerzen hingen im Paketzentrum Börnicke fest, und vor dem Abendessen hab ich mir beim Speckschneiden in den Daumen geschnitten. Da hilft nur Schokolade, fand ich. Denn: Schokolade ist für mich eine Art Gottesbeweis. Sie kann vielleicht keine Wunder vollbringen, aber in nullkommanix meine Stimmung aufhellen. Mit der lila Schokolade in der Hand fiel mir ein, dass Milka schon in der Bibel vorkommt. Wirklich! Zwar nur als Frauenname, Abrahams Schwägerin heißt so, aber immerhin. Und ich  erinnerte mich, dass im Buch der Sprüche derjenige als gottlos bezeichnet wird, der grundlos durch die Gegend rennt (Spr 28,1). Und da soll ich um den See laufen? Nein. Ich bin dann nur noch einmal aufgestanden. Um mir ein Stück Kuchen aus dem Kühlschrank zu holen.

So 6.12.20, 12:42: Heute, im Gottesdienst, ging es um das Warten. Und um die Frage: „Ja, worauf warten wir denn noch?“. Ein Gedanke aus der Predigt: „Ich gebe zu: Ich hasse es zu warten. Und verstehe mich dabei häufig selber nicht. Ist das wirklich so schlimm, mal ein paar Minuten nichts zu machen? In einer Warteschlange zu stehen zum Beispiel? Ein paar Minuten lang keine Kontrolle zu haben über meinen Tagesverlauf? Ja, ist so schlimm, scheinbar… Und ich schließe von mir auf alle anderen und sage: Wir können nicht mehr warten. Wir wollen Erdbeeren im Winter. Lebkuchen im Sommer. Wir wollen alles allezeit. Und nicht zu seiner Zeit. Wir wollen die ständige Verfügbarkeit… Warten als Kränkung unseres modernen Lebens. Wobei, einen Bereich des Lebens gibt es mindestens noch, wo sich der moderne Kampf gegen das Warten noch nicht durchgesetzt hat. Ich denke an die ‚freudige Erwartung‘. Die Schwangerschaft. Hier ist Wartezeit zumindest auch die Zeit der Vorfreude, eine gespannte Vorfreude auf die Geburt. So versuche ich auch den Advent zu verstehen. Als Zeit der Vorfreude auf das, was kommen mag… ‚Tochter Zion, freue dich!/ Jauchze laut, Jerusalem!/

Sieh, dein König kommt zu dir! Und allen eine gesegnete Adventszeit und Zeit der Vorfreude.’“

Fr 4.12.20, 13:22: Wartezeit ist verlorene Zeit. So heißt es doch, und es stimmt auch: Warten nervt. Morgens an der Bushaltestelle, wenn der X34er wieder Verspätung hat, genauso wie mittags im Stau auf der Stadtautobahn, wenn nur noch Bremslichter zu sehen sind – und abends an der Kasse im Supermarkt erst recht, wenn alle nur noch nach Hause wollen. Warten nervt, und manchmal denke ich: Wie schön wäre es doch, wenn man etwas schneller warten könnte. Nun sind wir auch noch mitten im Advent, der nächsten Wartezeit. Das gibt es doch nicht, kommen wir denn aus dem Warten gar nicht mehr raus? Doch, doch, schon. „Ja, auf was warten wir noch?“ Das ist die Frage, um die es am Sonntag im Gottesdienst am Zweiten Advent gehen soll. Drinnen und draußen werden wir wieder feiern. In der Schilfdachkapelle und auf dem Vorplatz an den gerade erst eingeweihten Feuerkörben. Decken hat Susanne Rademacher noch einige mehr gekauft. Und auch Kissen sollten reichlich zur Verfügung stehen. Hoffentlich bleibt draußen die Stimmung gut. Gespannt bin ich sehr auf „Horn und Orgel“, auf Susanne Kabelitz und Michael Hoeldke, die den Gottesdienst musikalisch mit Händels „Wassermusik“ bereichern. Das wird ein Genuss! Herzliche Einladung, wir starten wie immer um 11 Uhr.

Do 3.12.20, 10:49: Morgen, am 4. Dezember, ist der Namenstag der Heiligen Barbara. Und einmal mehr heißt es: „Kurz ist der Tag, grau ist die Zeit, der Winter kommt, der Frühling ist weit.“ Die Tage werden dunkler, die Bäume sind schon kahl, auch die Kirschbäume. Dennoch werden wir morgen Kirschzweige verteilen. Auf dem Vorplatz der Schilfdachkapelle geben wir sie als Barbarazweige aus, an alle, die zwischen 15 und 16 Uhr vorbeikommen. Dazu gibt es einen Barbarasegen. Die Kladower Gemeinden feiern diesen Brauch, um die dunklen Tage mit dem Schein der Weihnacht zu erhellen. Und wir erinnern uns an das Leben von Barbara, die im dritten Jahrhundert wegen ihres christlichen Glaubens verfolgt und von ihrem Vater in einem Turm eingesperrt worden ist. Auf dem Weg dorthin, so erzählt es die Legende, verfing sich ein Kirschzweig in ihrem Kleid, dem sie fortan Wasser gab. Am Tag, an dem sie zum Tode verurteilt wurde, geschah etwas Wundervolles: Der Zweig fing an zu blühen. Der Barbarazweig als Hoffnungszweig. Auch für uns: „Er wird blühen in leuchtender Pracht mitten im Winter in der Heiligen Nacht.“ – Ich freue mich auf alle, die kommen. Herzlichen Dank an Annette Guyot und das Team von Mauerblümchen Floristik, die uns die Kirschzweige geschenkt haben!

Mi 2.12.20, 10:24: Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat lange gebraucht. Dann hat sie das Wort des Jahres gekürt. Herausgekommen ist… tadaaa: „Corona-Pandemie“. Ach, wie originell. Schade, dass ich den Einsendeschluss verpasst habe. Mein Vorschlag wäre gewesen: „Brrr!“ Ja, richtig gelesen. Kein Wort sage ich zurzeit häufiger. Und nur Sprachpuristen könnten einwenden, dass es sich dabei lediglich um einen Ausruf bei Kälte handelt. Mir egal. Wo ich bin, sage ich: „Brrr!“ Egal ob in der Mary-Poppins-Grundschule, wo ich beim Religionsunterricht mit Angelika Fiukowski alle 20 Minuten die Fenster aufreiße: „Brrr!“ Oder in unserer Küsterei, wo wir bei angekipptem Fenster arbeiten: „Brrr!“ Den Konfirmandenunterricht haben wir ganz nach draußen verlegt: „Brrr!“ – so viele lange Unterhosen kann ich gar nicht anziehen. Nur unseren Haus- und Kirchwart habe ich ertappt, wie er kurzärmelig zur Arbeit erschien. Aber das zählt nicht, er hat eine sibirische Vergangenheit. Zur Zeit der Bibel haben die Menschen auch gefroren. „Des Tages kam ich um vor Hitze und des Nachts vor Frost“, berichtet Jakob. Und Petrus hat sich am Feuer gewärmt, als Jesus vor Gericht stand. Unverständlich ist mir, warum es in den Stücken zu Daniel heißt: „Frost und Kälte, lobt den Herrn.“ Dazu sage ich nicht Amen, ich sage: „Brrr!“

So 29.11.20, 12:53: Erster Advent, Familiengottesdienst vor der Schilfdachkapelle. Bei eher durchwachsenem Wetter ging es um einen König, der seine Ankunft bereits angekündigt hat. Rund 100 Besucher waren dabei. Ein Gedanke aus dem Anspiel: „Der König, der versprochen hat, Weihnachten zu uns zu kommen, kommt ohne großes Gefolge. Ohne großes Tamtam. Manchmal ist er sogar leicht zu übersehen. Weil er in einem kleinen Stall zur Welt kommt. Bei kleinen Leuten. Maria und Joseph. Und trotzdem beginnt mit diesem Kleinen, diesem Baby, etwas Großes. Es beginnt der Frieden auf der Welt. Er erzählt von der Liebe. Das haben die Hirten als erste verstanden. Und wir können es immer noch erleben. Immer, wenn zwischen Menschen etwas Schönes passiert – Frieden, Liebe, Versöhnung – können wir sicher sein, dass etwas von dem, wofür dieser kleine König auf die Welt gekommen ist, mit im Spiel ist. Deshalb verkünden auch die Engel, nachdem Jesus im Stall von Bethlehem auf die Welt gekommen ist: ‚Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden!‘“ – Danke, Cindy, für das Foto

Sa 28.11.20, 13:16: Noch finden die beiden für heute angemeldeten Demonstrationen in Kladow statt. Sowohl die „Querdenker“ als auch das breite bürgerliche Bündnis, das zur Gegen-Demonstration aufgerufen hatte, haben sich im Dorf versammelt. Zahlenmäßig sind die Teilnehmer an der Gegenveranstaltung deutlich in der Mehrheit. Als Kirchengemeinden hat uns die Frage, wie wir uns zu beiden Veranstaltungen verhalten, die ganze Woche über stark beschäftigt. Wir haben viele Gespräche geführt, zum Teil auch kontrovers diskutiert. Heute würde ich sagen, dass die Entscheidung richtig war, mit Menschen auf beiden Seiten ins Gespräch zu kommen. Um 12 Uhr haben wir auf dem Gemeindegelände zum Friedensgebet eingeladen, um für Frieden, Demokratie und Meinungsvielfalt zu beten. Getreu dem biblischen Motto: „Suchet der Stadt Bestes“. Gleichzeitig haben wir klargemacht, dass Toleranz immer dann endet, wo die Grenze zu menschenverachtenden und menschenrechtsverletzenden Äußerungen überschritten wird. Aus diesem Grund sind Pfarrer Nicolas Budde, Gemeindereferent Johannes Motter von der katholischen Gemeinde Mariä Himmelfahrt und ich kurz vor Beginn des Friedensgebetes auf die Straße getreten und haben unser Banner in die Höhe gehalten: „Unser Kreuz hat keine Haken.“ Daraufhin sind knapp 100 Menschen zum Gebet gekommen. Danke, Gerit, für das Foto! – Und nun allen ein gesegnetes Wochenende. Ich freue mich, nun den Blick auf den schönen Familiengottesdienst morgen um 11 Uhr vor der Schilfdachkapelle richten zu können.  Noch einmal eine herzliche Einladung dazu!

Fr 27.11.20, 9:43: Heute Morgen wurde ich von einer Stimme aus der Dunkelheit geweckt. „Papa, wie viele Male muss ich noch schlafen?“, fragte sie, die Stimme, sie kam von einem meiner Söhne, vier Jahre alt. Ich schaute auf die Uhr, ich seufzte, 4:54 Uhr. „Noch zwei Mal schlafen.“ Die Vorfreude auf den Advent ist groß. Auch bei mir, wenn auch noch nicht gleich um kurz vor fünf. Aber spätestens nach dem ersten Kaffee am Morgen beginne auch ich, mich auf Sternenzauber und Plätzchenduft zu freuen. Und darauf, dass wir die Adventszeit am Sonntag mit einem bunten Familiengottesdienst für große und kleine Menschen einläuten. Wir werden draußen feiern. Es wird nicht so lang gehen, vielleicht eine gute halbe Stunde. Wir haben noch einmal zwei weitere Feuerkörbe gekauft. Der Posaunenchor wird mit dabei sein, damit wir singen können: „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit.“ Und dann wird es sich hoffentlich wieder einstellen, dieses eigentümliche Leuchten in den Herzen und Augen der Menschen, das schon von Weihnachten her unsere Dunkelheiten vertreibt. Apropos Weihnachten, auch Robert Gummi wird mit seinem „Schilfhonig“ dabei sein. Und Peggy Trommer wird neue Kissen, Taschen und Armbänder ihrer „Schilfdach-Kollektion“ anbieten. Falls noch jemand nach einem schönen Weihnachtsgeschenk sucht.

Do 26.11.20, 9:52: Corona macht krank. Aber nicht nur. Corona macht auch einsam. Das gilt für viele Menschen, für ältere und alte Menschen aber besonders. Und ich finde, dass wir als Kirchengemeinden immer noch keine gute Antwort darauf gefunden haben. Da klingelt das Telefon. Am anderen Ende ist Inja Maiwald. Viele kennen sie aus dem Gottesdienst oder aus unserem Besuchskreis. „Mensch“, sage ich, „wie geht’s?“ Ich habe sie schon länger nicht gesehen. Wegen Corona, nehme ich an. „Nicht so gut“, antwortet sie. Und erzählt, wie schwer ihr die dunkle Jahreszeit fällt, die kalten Temperaturen und die soziale Isolierung in Folge der Kontaktbeschränkungen. „Für Menschen wie mich, die alleine leben, ist das eine ziemliche Herausforderung.“ Doch sie hat nicht nur angerufen, um davon zu erzählen. Sie hat eine wundervolle Idee. „Telefonpaten“, nennt sie die. Anders gesagt: Manch einem würde ein Telefonat schon helfen, sich weniger allein zu fühlen. Man könnte reden und lachen, sich stützen und trösten, je nachdem. Ja, warum nicht? Also suchen wir in unseren Gemeinden nun nach „Telefonpaten“, nach Menschen, die bereit sind, mit einem oder zwei anderen zu telefonieren. Wer als „Telefonpate“ mitmachen möchte, bitte einfach bei uns Pfarrern oder in den Gemeindebüros melden. Denn: Gemeinsam ist man weniger allein.

Mi 25.11.20, 11:20: Mittlerweile hat sich bei mir eine gewisse Routine im Pandemiealltag eingestellt. Ich trage Maske, vermeide Berührungen, lebe weiter, irgendwie. Und frage mich, wie das wohl für andere ist, die viel direkter mit Corona zu tun haben. Also: Wie ist das, Stephanie? „Für mich ist zuerst die Frage, wie viel Nähe ich verantworten kann, wie ich etwa mit anderthalb Metern Abstand einen trösten kann, der sich eigentlich nach einer Umarmung sehnt?“, sagt Stephanie Hennings, Pfarrerin und Seelsorgerin im Waldkrankenhaus. Sie erlebt auch den personellen Engpass im Krankenhaus. „Vor allem auf den von Corona betroffenen Stationen.“ Ihre Achtung für Pflegende und Ärzte, die häufig ans Limit gehen, ist noch einmal gewachsen. „Chapeau“, sagt sie, und schwärmt von dem Teamgeist. Auf der anderen Seite spürt sie die Härten der Besuchseinschränkungen – wenn sich Menschen etwa nach ihren Familien sehnen. Dabei erlebt sie viel Leid, besonders unter Älteren. Die Einsamkeit ist groß, am größten auf der Geriatrie. Aber gibt es auch schöne Momente? „Ja, Krisen wie diese geben meinen Begegnungen eine besondere Tiefe.“ Das sei ein Luxus in einer Zeit, in der Kontakte eingeschränkt werden. Danke, Stephanie, dass du als Seelsorgerin bereit bist, dich täglich den Gefährdungen im Krankenhaus auszusetzen. Gottes Segen für deine Arbeit!

Mo 23.11.20, 9:44: Nichts ist älter als die Zeitung von gestern. Dieser Spruch erweist sich immer wieder aufs Neue als richtig. Leider. Denn kaum ist unser aktuelles Gemeindemagazin „Südwind“ in den Küstereien angekommen (und wird nun von vielen engagierten Austrägern verteilt, vielen Dank!), sind manche Termine längst überholt. Dass immer alles anders kommt als geplant, ist eine Erfahrung, die wir in diesem Jahr nicht mehr los werden. Immerhin bleibt es dabei, dass wir am kommenden Sonntag auf dem Vorplatz der Schilfdachkapelle mit einem Familiengottesdienst in den Advent starten – mit Posaunenchor und „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“. Und, ja, stimmt: Anderes ist abgesagt. Aber: Gemeinschaft ist nicht abgesagt, Leben und Lieben ist nicht abgesagt und das „Wunder der Weihnacht“ ist nicht abgesagt. Die bekannteste Geburtsgeschichte der Welt steht zweifellos in der Bibel, aber im Südwind sind viele weitere Geschichten rund um die Geburt. Die Erfahrungsberichte, die dort zu lesen sind, finde ich ganz wunderbar. Vor allem die von Jenny und Chris, die auf der Titelseite abgebildet sind. Übrigens ist das Titelfoto nur wenige Stunden vor der Geburt ihrer bezaubernden Tochter Emily entstanden. „Was dann kam, war überwältigend“, erzählt Jenny. Was sie meint, ist nachzulesen im Südwind – viel Spaß beim Lesen.

So 22.11.20, 13:34: Wie geht das, in diesem Jahr angemessen mit dem Ewigkeitssonntag umzugehen – wo doch sowieso schon alles schwer und traurig genug ist?  Fotos vom Gottesdienst heute und ein Gedanke aus der Predigt: „Der Wochenpsalm kennt den Wunsch von Trauernden, zu sein wie die ‚Träumenden‘. Und ich denke an den älteren Herren, den ich kennen gelernt habe, der so ein Träumender war mit seinen beinahe 90 Jahren. Der es kaum erwarten konnte, endlich wieder zu lachen und fröhlich zu sein in den Armen seiner geliebten Frau, die schon einige Jahre zuvor gestorben war und nun auf ihn warte, wie er sagte. Weshalb er es eilig hatte, obwohl ihn sein Sohn doch noch so gerne hier auf der Erde bei sich gehabt hätte. Aber er wollte nicht mehr. Er wollte zurück zu der Liebe seines Lebens. Und wenn ich an diesen Mann denke, bin ich ganz berührt und wünsche mir und uns allen, am Ende des Lebens so gehen zu können. Voller Vertrauen und voller Liebe. Vielleicht spricht mich deshalb dieses Zitat so sehr an: ‚We’ll be Friends Forever, won’t we, Pooh?‘ –  Wir werden doch für immer Freunde bleiben, oder? Und Pooh antwortet: ‚Even longer‘ – noch länger. Die Bibel sagt das so: ‚Die Liebe höret nimmer auf.’“

Fr 20.22.20, 13:10: Mit dem Ewigkeitssonntag geht nun das Kirchenjahr zu Ende. Aber nicht nur das. Um das Ende vom Ende, das Ende aller Zeiten geht es im Gottesdienst. Und das wird in der Bibel entgegen so mancher Erwartung mit den schönsten Bildern überhaupt gefeiert. In der Offenbarung nach Johannes steht: „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein“. Wer’s glaubt, wird selig? Ja, genau: Wer’s glaubt, wird selig. Im Vertrauen darauf, dass Gott wahr macht, was er verspricht, feiern wir diesen Gottesdienst. Dabei gedenken wir traditionell auch der Verstorbenen der vergangenen Monate. – Wir erwarten wieder mehr Besucher als in die Kapelle passen. Deshalb findet der Gottesdienst drinnen und draußen statt, Manfred Gummi baut die Lautsprecheranlage auf. Unsere Konfirmanden werden die Feuerkörbe im Auge behalten, die sich inzwischen bewährt haben. Dazu gibt es Decken und Kissen, so dass sich hoffentlich alle Besucher wohl und sicher fühlen können. Unsere Gemeindepraktikantin Lekanka Gaiser hat den Kirchdienst übernommen, unsere Teamerin Alina Kühn ist Lektorin. Und wenn die 40-prozentige Regenwahrscheinlichkeit für den Sonntagvormittag eintreffen sollte, freuen wir uns, dass Katrin Buchholz schon die ersten „Riesenregenschirme“ besorgt hat. Herzliche Einladung!

Do 19.11.20, 9:06: Wir haben überlegt und diskutiert. Wir haben gezögert – und uns dann entschieden, gestern Abend, am Buß- und Bettag, doch Gottesdienst zu feiern. So wie immer. Oder vielleicht nicht ganz. Wir sind draußen vor der Kapelle geblieben, haben Abstand gehalten und Feuerkörbe entzündet. Ein stimmungsvoller Gottesdienst ist es geworden, bei milden Novembertemperaturen, vorbereitet von unseren Teamern und Konfis des vorigen Jahrgangs. Um Gerechtigkeit ging es, um Gerechtigkeit in Schule und Alltag, in Gesellschaft und überhaupt. Und im Hintergrund war da diese Geschichte von dem „Sündenbock“, der im Alten Israel am großen Versöhnungstag „in die Wüste geschickt“ worden ist. Zwei Redewendungen, die auf die genialen Sprachschöpfungen von Martin Luther zurückgehen. Bei denen es darum geht, dass zwei Ziegenböcke ausgewählt werden, einer für die Heiligung des Altars, ein anderer, um mit den Sünden der Menschen besprochen und auf Nimmerwiedersehen vertrieben zu werden. Nicht schön, aber praktisch – so man war alles los, was belastet hatte. So ähnlich haben unsere Konfis des aktuellen Jahrgangs Baumscheiben mit Situationen beschrieben, in denen sie Gerechtigkeit und  Ungerechtigkeit erlebt haben. Und gestern haben wir diese Scheiben in den Feuerkörben verbrannt. Und symbolisch alle Ungerechtigkeiten aus dem Weg geräumt und Platz geschaffen für Versöhnung und Vergebung, Buß- und Bettag eben.

Di 17.11.20, 11:51: Seit gestern haben wir an der Schilfdachkapelle eine neue Gemeindepraktikantin. Sie heißt Lekanka Gaiser und ist auf dem Foto mit ihren Kindern zu sehen. „Entschuldigung, wie war der Vorname?“ Diese Frage hat sie gestern auf dem Vorplatz der Kapelle gehört. Sie kennt die Frage schon. „Lekanka ist Sesotha, das ist eine Sprache in Südafrika“, sagt sie zur Erklärung. „Meine Eltern haben mich nach der Tochter meiner Pateneltern benannt, die kurz vor meiner Geburt gestorben ist.“ Lekanka hat lange in Ostfriesland gelebt. Auf einer Insel in der Nordsee. Ganz so, wie man sich das vorstellt. Umgeben von Meer und einem weiten Himmel. „Sonntags habe ich häufig Kindergottesdienst gefeiert“, erzählt sie. Und dabei wurde ihr, die bis dahin Bankkauffrau war, klar: „Das möchte ich eigentlich machen.“ Was folgte, war ein mutiger Neustart. Inzwischen studiert Lekanka an der Evangelischen Hochschule Berlin (ehb) im fünften Semester evangelische Religionspädagogik. Gerade erst hat sie ihr Schulpraktikum im Religionsunterricht an der Mary-Poppins-Grundschule verbracht. „Und nun freue ich mich auf das Gemeindepraktikum an der Schilfdachkapelle.“ Lekanka arbeitet gerne mit Kindern und Familien. Ob das in der Zeit der Einschränkungen möglich ist, werden wir sehen. Aber an Herausforderungen mangelt es in diesen Zeiten nicht. Herzlich Willkommen, Lekanka!

Mo 16.11.20, 10:08: Vor dem Kleiderschrank bei uns zu Hause allmorgendlich das gleiche Bild: Meine Tochter ist die erste, sucht sich irgendwas aus, farblich so zwischen rosa und rot, Hauptsache ein Pferd ist vorne drauf. Die Jungs liegen meist zwischen dem gelb-rot von Feuerwehrmann Sam und dem blau-grün von Ninjago. Dann bin ich dran. Und alle wenden sich gelangweilt ab. „Immer schwarz.“ Ja, leider. Seit Wochen bin ich beinahe täglich auf dem Friedhof. Das bedeutet: Schwarze Hose, schwarzes Hemd, schwarze Schuhe. Beinahe wie ein französischer Philosoph aus den  frühen Fünfzigern, nur ohne Gitanes im Mundwinkel. Doch es ist nur der November. „Ach, dieser Monat trägt den Trauerflor“, wusste schon Erich Kästner. „Die Wälder weinten/ Und die Farben starben.“ Wir gehen am Ende des Kirchenjahres nun auf den Ewigkeitssonntag zu und gedenken im Gottesdienst der Verstorbenen. Das hat besonders in diesem Jahr eine Schwere. Am Wochenende hatte ich die Faxen dicke. Und habe mir einen Pullover gekauft – sonnenblumengelb. So, November, was sagst du nun? Meine Tochter, sechs Jahre, hält den Kopf schief, meint: „Irgendwie jugendlich.“ Hm, aha, so so. Aber ich mache weiter wie die Maus Frederik bei Leo Lionni und sammle Sonnenstrahlen, Farben und Wörter für die kalten und grauen Wintertage.

Fr 13.11.20, 10:44: Man sieht nur, was man sehen will. Diese Lebensweisheit bestätigt sich immer wieder. Bei mir, als ich gestern in der Zeitung über eine liturgische Insel im Mittelmeer lese. Eine liturgische Insel? Aber sicher, Herr Pfarrer. Mit Gottvertrauen komme ich fast ans Ende des Artikels, bis mir klar wird, dass es mitnichten um eine liturgische, sondern um eine ligurische Insel geht. Hm. Ich erinnere mich an einen Schüler, der mal vorgelesen hat: „Adam und Eva lebten in Paris.“ Das fand ich gut, wo doch die französische Hauptstadt das Paradies auf Erden ist. Hingegen gar nicht mehr korrekt ist der „Neger Wumbaba“ anstelle des „Nebels wunderbar“ in „Der Mond ist aufgegangen“. Wie harmlos war das noch, als ich zu Schulzeiten bei Chris Normans „Midnight Lady“ stets „Oma fiel ins Klo“ statt „Oh, my feelings grow“ gegrölt habe. Nun aber genug  Quatsch. Ich nehme mein Handy, diktiere eine WhatsApp: „Lieber Michael Komma ich freue mich Komma dass wir uns wiedersehen Gedankenstrich ich melde mich Ausrufezeichen“. Moment… „Verstehst du auch, was du liest?“, fragt Philippus in der Apostelgeschichte den Kämmerer von Äthiopien. Ich finde den Gedanken beruhigend, jemanden an der Seite zu wissen, der einem hilft, mit wachen Augen durch die Welt zu gehen.

Mi 11.11.20, 14:36: Ich hatte vorhin eine Begegnung mit der Polizei. Und ich bin immer noch ganz erfüllt, um ehrlich zu sein. Denn das war so etwas wie meine Martinsbegegnung heute. Aber der Reihe nach. Für mich hat der Tag begonnen mit einer Martinsandacht. Unsere Kitakinder sind mit Laternen durch die dunkle Kirche gezogen. Nicolas Budde und ich haben danach auf dem Vorplatz der Kapelle beim Martinsfeuer die Martinsgeschichte erzählt. Das ging schließlich so lange, bis ich viel zu spät zu einer Trauerfeier los gekommen bin. Ohne den Talar auszuziehen, bin ich ins Auto gesprungen. Doch kurz hinter dem Falkenseer Platz – Verkehrskontrolle. Oh nein, das darf doch nicht wahr sein, denke ich. War ich zu schnell? „Die Fahrzeugpapiere, bitte.“ Eine Polizistin schaut mir geduldig zu, während ich nervös nach dem Führerschein suche. Ich muss ein seltsames Bild abgeben. So im Talar und mit Beffchen, ganz ohne Jacke. „Ich bin Pfarrer“, sage ich zur Erklärung. „Ich habe gleich eine Trauerfeier.“ Sie scheint einen Moment zu überlegen, ob ich glaubwürdig aussehe – oder doch nur ein kostümierter Jeck auf dem Weg zum Karnevalsauftakt bin. „Wann geht es denn los?“, fragt sie. „Viertelstunde“, sage ich. Sie seufzt. Sagt: „Na, dann fahren Sie mal, das ist wohl wichtiger.“

Di 10.11.20, 12:31: Hier, auf dem Foto, das ist Peggy Trommer. Sie ist 45 Jahre alt und Polsterin von Beruf. Ich komme gleich darauf zurück. Aber erst möchte ich erzählen, dass Peggy in unserer Gemeinde in den Miniclub gegangen ist, als Beate Piefke noch Leiterin war. Später ist sie mit Pfarrer Cauer auf Konfirmandenfahrt gewesen. Nun lebt Peggy zwar in Charlottenburg, aber der Schilfdachkapelle fühlt sie sich noch immer verbunden. Robert Gummi, der Imker unseres „Schilfhonigs“, hat ihr neulich von der Sanierung unseres Daches erzählt – und wie schwierig das zu finanzieren ist. Peggy hörte ihm zu, sagte: Aha, soso. Und hatte eine Idee: "Bei meiner Arbeit fallen häufig Stoffreste ab, gebrauchte, aber wunderschöne Stoffe.“ Diese verarbeitet sie nun unter dem Label „Schilfdach“ zu Taschen, Kissen, Beuteln und Mappen. Gegen eine Spende für das Schilfdach können sie ab sofort erworben werden. „Ich will keinen Gewinn machen, ich will ein neues Dach“, sagt sie. „Wenn wir 1.500 Menschen dazu zu bringen, 50 Euro für eine Tasche zu spenden, ist das Dach bezahlt.“ Peggys Begeisterung ist ansteckend. Jedenfalls haben wir nun eine Auswahl an Peggys Unikaten in den beiden Kladower Gemeindebüros vorrätig. Und ich habe einige Sorgen weniger, denn um Weihnachtsgeschenke mache ich mir keine Gedanken mehr.

Mo 9.11.20, 9:49: Ich denke gerne an den Martinstag vor einem Jahr zurück. Daran, wie die Schilfdachkapelle bis auf den letzten Platz besetzt war. Wie die Kinder bis vorne vor den Altarstufen auf dem Boden saßen. Und wie wir nach der Andacht durch die Straßen gezogen sind mit unseren Laternen und gesungen haben: „Rote, gelbe, grüne, blaue, lieber Martin, komm und schaue.“ Heute schaue ich auf das Foto von der vollen Kirche am 11. November 2019 und denke: Es ist erst ein Jahr her – und war doch eine andere Welt. Eine, in der wir nicht auf Abstand und all die anderen Regeln achten mussten. In diesem Jahr aber bleibt uns leider keine Wahl, als die Martinsandacht und den Umzug abzusagen. Eine Entscheidung, die Nicolas Budde und mir nicht leicht gefallen ist. Ich weiß, dass sich viele Kinder schon gefreut hatten. Aber die beiden Kladower Gemeinden wollen trotzdem Licht in die Dunkelheit bringen. Wir wollen uns an der Aktion „Teile dein Licht“ beteiligen und Kladow zum Strahlen bringen. Alle Kinder, Eltern und Großeltern möchten wir bitten, Laternen in die Fenster zu hängen oder stellen. Und ich werde Mittwoch mit meinen Kindern durch die dunklen Straßen laufen und singen: „Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind“.

St. Martin Bastelbogen Download und Bastelanleitung Download

So 8.11.20, 12:49: Heute im Gottesdienst ging es viel um Politik, vor allem um amerikanische Politik. Aber auch um die Frage, was eine Gemeinde ausmacht, eine evangelische Gemeinde als  Gemeinschaft von Menschen, die auf dem Weg zu Gott sind. Ein Gedanke aus der Predigt heute: „Merkmale sind: Sich immer wieder an das Wort Gottes zu erinnern, sich zu hinterfragen, sich nicht zu wichtig zu nehmen, Gott an die erste Stelle zu stellen, sich gegenseitig von der Weite des Evangeliums zu erzählen. Von dem Gott, der unsere Füße auf weiten Raum stellt, wie es im Psalm 31 heißt. Mit dem wir über Mauern springen können, Psalm 18. Und von dem wir wissen, dass da, wo er ist, wo sein Geist ist, Freiheit herrscht, 2. Kor. 3,17. Der Gott, an den wir glauben, ist die Freiheit und die Liebe und die Güte (1. Joh 4,16). Das sind die Kriterien, die wir an uns selbst legen und mit denen wir auch anderen begegnen können. Auf eine Formel gebracht: Macht mich mein Glaube frei und weit? Oder eng und eingezwängt.“

Fr 6.11.20, 11:53: Es sind gerade wieder so Tage, an denen ich schwanke  zwischen dem Wunsch, einerseits gut informiert zu sein – und andererseits am liebsten gar keine Nachrichten mehr hören zu wollen. Der Ausgang der amerikanischen Präsidentschaftswahlen steht immer noch nicht fest. Und es irritiert mich einmal mehr, dass die religiöse Rechte das Zünglein an der Waage spielt. Noch ist nicht klar, ob wir am Sonntag endlich wissen, wer die USA künftig regieren wird. Aber in der Predigt im Gottesdienst werden die verschiedenen religiösen Glaubensrichtungen in den USA eine Rolle spielen. Was das alles mit uns zu tun hat? Dazu wird es eine mögliche Antwort geben. Herzliche Einladung zum Gottesdienst in der Schilfdachkapelle. Wie gewohnt geht es um 11 Uhr los. Wir werden besondere Musik haben. Im Gottesdienst wird ein Kind getauft. Wir feiern wie gewohnt drinnen und draußen. Aber angesichts der sinkenden Temperaturen werden wir auf dem Vorplatz der Kapelle zusätzlich in einem Feuerkorb für Wärme und Lagerfeuerromantik sorgen. Ich freue mich auf den Gottesdienst und auf alle, die kommen.

Mi 4.11.20, 9:46: Das Licht einer Kerze brennt klein und schwach. Doch sie  leuchtet erstaunlich hell in einem dunklen Raum. In diesem Sinne ist es gestern in Wien ganz hell geworden – im Stephansdom bei der ökumenischen Trauerfeier. Hier haben Vertreter verschiedener Religionsgemeinschaften Kerzen entzündet und gebetet für die Opfer des islamistischen Terroranschlages. „Wien hält zusammen für das Leben in dieser Stadt“, sagte der evangelische Bischof Michael Chalupka. Und weiter: „Terror wird den Zusammenhalt nicht spalten.“ Klar ist: Islamisten wollen töten und trennen – aber wir rücken zusammen, halten zusammen, beten zusammen. Auch die beiden Kladower Gemeinden reihen sich ein in die Trauer um die Opfer und Verletzten von Wien sowie der anderen Orte, die in den vergangenen Wochen zu Schauplätzen islamistischer Gewalt geworden sind – von Dresden über Nizza bis Paris. Und heute Abend werden auch wir in Kladow im Rahmen unserer Vesper, des Abendgebetes, das an jedem ersten Mittwoch im Monat um 18.30 Uhr in der Dorfkirche Kladow stattfindet, Kerzen entzünden. Und wir werden beten für Mikail Özen und Recep Tayyip Gültekin, die im Kugelhagel offensichtlich erst einer alten Dame geholfen haben, sich in Sicherheit zu bringen, und dann einen schwer verletzten Polizisten gerettet haben, der angeschossen worden war. Danke, eure Menschlichkeit macht Mut.

Mo 2.11.20, 9:16: Nach einem ersten Blick nach draußen hätte ich heute Morgen beinahe gleich wieder die Haustür geschlossen. Nein, die Kombination aus nass und dunkel ist so gar nicht mein Ding. Mein vierjähriger Sohn sieht das scheinbar anders. „Herbst ist da“, rennt er los, singend, den Rucksack für die Kita auf dem Rücken. „Schüttelt ab die Blätter, bringt uns Regenwetter.“ Der Herbst? Ich erinnere mich: Herbst heißt: Hecken schneiden, Bäume stutzen, Laub harken. Und Vorbereitungen treffen für die Zeit, die kommt. Was kommt? Ich seufze. Und denke an Josef, der dem Pharao von Ägypten in der Bibel empfiehlt, schon mal Vorräte für die schlechte Zeit anzulegen. „Was an Getreide auf dem Felde rings um eine jede Stadt wuchs, das tat er hinein.“ Und von welchen Vorräten werde ich in den nächsten Monaten leben, überlege ich? Mein Sohn fegt immer noch singend durch den Garten, rennt durch die Blätter des Ahorns und springt mit beiden Beinen in die Pfütze neben dem Gartentor. Endlich weiß auch ich, was ich brauche und wovon ich leben möchte. Ich denke: Man ist nie zu alt, um durch einen Laubhaufen zu rennen. Und schon nehme ich mit Gebrüll die Verfolgung von meinem Sohn auf.

So 1.11.20, 12:57: Heute im Gottesdienst ging es um die „empfindliche Gesellschaft“. Ein Gedanke aus der Predigt: „‚Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar.‘“ Das sagt Jesus Christus in der Bergpredigt. Sätze, die zur Grundlage unseres Weltbildes geworden sind. Weltfremd, das schon. Und ich bin mir sicher, dass sich auch schon damals einige gedacht haben: Die andere Backe hinhalten? Ich bin doch nicht blöd. Aber heute fällt es uns noch schwerer vom moralischen Feldherrnhügel unserer Überzeugungen herabzusteigen… Stattdessen: Niederbrüllen! Nicht nur im amerikanischen Wahlkampf. Auch bei uns. In unserer Gesellschaft. In unseren Familien… Empfindlich sind wir geworden… Beinahe zu jedem Alltagsgegenstand gibt es inzwischen eine kritische Fußnote… Fleisch zu essen war bis vor kurzem eine Sache des persönlichen Geschmacks. Doch nun ist es eine Frage eigener Identität. Wer Plastiktüten benutzt, muss das Bild des Pelikans mit tödlichem Müll im Kehlsack vor Augen haben. Wer das Gendersternchen beim Schreiben nicht verwendet, ist ein Sexist… Empfindlich sind wir, ich auch…  Aber Jesus sagt: „Liebt eure Feinde.“… Und ich möchte die Feindesliebe einmal übersetzen mit der Liebe zu Andersdenkenden. Das würde sich dann so anhören: „Liebe den, der eine andere Meinung hat. Der dir nicht gleich zustimmt. Versuche zu verstehen.“

Beiträge aus August bis Oktober 2020 gibt es hier.

Beiträge aus Mai bis Juli 2020 gibt es hier.

Beiträge aus März bis April 2020 gibt es hier.