Ev. Kirchengemeinde Am Groß-Glienicker See

Unterm Schilfdach

An dieser Stelle schreibt Pfr. Alexander Remler regelmäßig über das Gemeindeleben der Schilfdachkapelle. 

 

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Mo 6.4.20, 11:09: Die Karwoche hat begonnen. Und was mir auffällt: Bei so vielen gegenwärtigen Sorgen fällt es mir schwer, auch noch an vergangenes Leid zu denken. Und doch: Es kann doch nicht sein, dass dieses Corona-Thema wirklich alle Bereiche meines Lebens beherrscht! Also denke ich heute an Dietrich Bonhoeffer, an diesen evangelischen Märtyrer, dessen Ermordung sich in dieser Woche zum 75. Mal jährt. An diesen großen Denker, für den Kirche nur dann Kirche war, wenn sie Kirche für andere sein konnte. Dem der transzendente Gott nur wenig sagte, der Gott stets in seiner Diesseitigkeit verstanden wissen wollte. Der am 9. April 1945, kurz vor Kriegsende, im KZ Flossenbürg hingerichtet wurde. Und ich denke daran, wie er wenige Monate vor seinem Tod noch dichten konnte: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag.“ Und am Karmontag des Jahres 2020 überlege ich: Wenn Bonhoeffer im Angesicht seiner Henker so viel Vertrauen aufbringen konnte, möchte auch ich in dieser Karwoche versuchen, gegen alle gefühlte und tatsächliche Bedrohung an der Zusage festzuhalten, stets und allezeit von guten Mächten umgeben zu sein.

So 5.4.20, 10:18: Ich habe heute Morgen am Frühstückstisch mit meiner sechsjährigen Tochter ein Fachgespräch geführt – über das Ende von Geschichten. Denn eine Geschichte, so hat mir das Mina erklärt, gehe grundsätzlich immer gut aus. „IMMER!“, in Großbuchstaben und mit Ausrufungszeichen. Wenn nämlich eine Geschichte nicht gut ausgehe, sei das noch nicht das Ende, meinte sie. Ich wollte erst widersprechen… habe es dann aber einfach gelassen. Vielleicht, weil heute Palmsonntag ist. Und mir eingefallen ist, dass mit der Karwoche nun im Kirchenjahr eine Woche der Passion vor uns liegt, an deren Ende der Tod am Kreuz steht – der gerade nicht das Ende bedeutet. Denn die Geschichte geht über das Ende hinaus, bis sie eben gut ist. Am Ostermorgen. Und das ist für mich ein tröstlicher Gedanke. Grundsätzlich. Aber vor allem in diesen Wochen. Dass es irgendwann auch wieder gut wird. Und erst gestern habe ich in einem Kinderbuch meiner Tochter gelesen: „Vielleicht ist schon bald alles vielleichter.“ – Allen einen gesegneten Palmsonntag!

Sa 4.4.20, 10:49: Seit drei Wochen sind die Schulen und Kitas geschlossen – und auch unsere drei Kinder zu Hause. Wie lange noch? Keiner weiß es. Doch Langeweile? Ach iwo! Oder, besser gesagt: An Ideen herrscht kein Mangel. Ein kurzer Rückblick auf die Woche: Am Donnerstag sanken meine Frau und ich abends erschöpft aufs Sofa in der Hoffnung, dass die Kinder ausnahmsweise alleine einschlafen. Aber nicht doch! Fröhlich haben sie in ihren Betten gesessen und die Wände mit Buntstiften angemalt. Oder… am Mittwoch wurde es plötzlich so verdächtig still – höchstes Alarmzeichen! Und Tatsache: Munter saßen unsere beiden Vierjährigen in der Spielecke und haben sich gegenseitig mit ihren Bastelscheren eine neue Frisur verpasst. So läuft das zurzeit. Bei uns und in vielen anderen Familien. Und dabei ist der Alltag aus Apfelschorle im Nudelteller oder Nagelscheren in der Kloschüssel noch gar nicht erwähnt. – Nun ist Wochenende. Und wir haben die Hoffnung, dass es unsere Kinder so machen wie in der Schöpfungsgeschichte. Dort heißt es nach sechs anstrengenden Tagen: „Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken“ (Gen 2,3). Die heilige Ruhe des Sabbats, die wünsche ich heute besonders allen Familien! Schönes Wochenende!

Fr 3.4.20, 9:43: Der Frühling hat begonnen. Die Natur ist erwacht. Und wie schön ist der Anblick von frischem Grün und strahlend leuchtenden Blüten, gerade in diesen Tagen – oder? Aus diesem Grund haben wir trotz allem und – natürlich – unter Wahrung des Abstandsgebotes einen kleinen Pflanzenmarkt eröffnet: „Bring was, nimm was“, das ist das Motto, unter das Robert Gummi seine Idee zur Pflanzen-Tausch-Börse gestellt hat. Unter der Überdachung am Gemeindehaus steht nun ein Tisch, auf dem jeder Besucher eine oder mehrere getopfte Pflanzen abstellen oder mitnehmen kann. Wem es möglich ist, den bitten wir für mitgenommene Pflanzen um eine kleine Spende, die in der „Prayerbox“ neben dem Pflanzentisch oder im Briefkasten am Hauseingang hinterlassen werden kann. Falls mehrere Menschen gleichzeitig am Pflanzentisch eintreffen, bitte darauf achten, genügend Abstand zu wahren! Und wenn ich heute Morgen auf den Tisch schaue, sehe ich dort schon Waldmeister, Bärlauch, Waldanemone, Polsterglockenblume und Fenchel auf Gartenliebhaber warten.

Do 2.4.20, 16:33: Manchmal fühle ich mich in diesen Tagen wie einer dieser Dorfpfarrer, die man noch aus alten Schwarzweißfilmen kennt. Das Auto spielt bei mir gerade keine Rolle. Meist bin ich zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs und froh, wenn sich auf meinem Weg durch die Straßen mal ein Gespräch über den Gartenzaun ergibt. Dabei fällt mir häufig auf: Wie viel Segen zurzeit in der Welt ist! Doch, das meine ich wirklich so. Trotz oder gerade wegen des Virus sagen sich viele Menschen so viel Gutes wie selten zuvor. Und meinen es auch so. Doch „jemandem etwas Gutes sagen“, auf Latein „benedicere", das ist Segen. Jedes „Bleib gesund“ oder „Pass gut auf dich auf“ ist in diesem Sinne ein Segenswunsch von Herzen. Natürlich wissen wir alle, dass ein Segen allein kein Problem löst, kein Händewaschen und keinen Impfstoff ersetzt. Doch Segnen bedeutet, das Gute herbeizurufen in der Hoffnung, dass das Ungute nicht das letzte Wort behält. Das ist die Hoffnung dieser Tage. Also: „Passt auf euch auf!“

Mi 1.4.20, 16:46: Es bleibt alles anders als in normalen Zeiten. Körperlich sind wir mehr oder weniger auf Abstand gegangen. Aber umso wichtiger ist, dass wir als Gemeinde weiterhin aus einem Geist leben. Und überlegen, wie wir das in einem Alltag ohne Gemeindeleben hinkriegen können. Unsere Gemeindepraktikantin Sabrina Greifenhofer hat viele wunderbare Ideen. Gestern hat sie „Verse der Zuversicht“ und „Ideen für Zuhause“ an eine Wäscheleine vor dem Gemeindehaus gehängt. Geistliche Ermutigungen aus der Bibel und Impulse für jeden Tag. Eine Möglichkeit, verbunden zu bleiben. „Nehmen Sie sich, was Sie brauchen!“

Di 31.3.20, 14:16: In meiner alten Gemeinde gab es ein Pflegeheim, getragen von der Kirche. Am Eingang hing, ernst und schwer, ein Porträt von Johann Hinrich Wichern. Den kennt heute kaum noch jemand. Höchstens als Erfinder des Adventskranzes. Aber der Reformtheologe des 19. Jahrhunderts hat sich sehr für Nächstenliebe eingesetzt. „Niemanden zurücklassen“, war sein Motto. Es stand unter dem Porträt, an dem ich nie gerne vorbei gelaufen bin. Immer habe ich mich ertappt gefühlt. Nach dem Motto: Na, endlich, lässt du dich hier auch mal wieder sehen… In diesen Tagen denke ich wieder häufiger an Wichern. Ich frage mich: Was hätte er dazu gesagt, dass wir Menschen plötzlich „systemrelevant“ nennen – oder eben nicht. Die Alten, die Kranken, die Behinderten ganz offensichtlich nicht. Dabei gibt es allein 13 Millionen Menschen mit Beeinträchtigung in Deutschland. Ich wünsche mir dagegen: Wieder mehr Wichern wagen! Und bin froh, dass gerade viele Menschen aus unserer Gemeinde Hilfe anbieten: Bei Botengängen, Arztbesuchen, Einkäufen. Deshalb: Wer Hilfe braucht, bitte  einfach melden! Dieses Motto ist wieder erschreckend aktuell: Niemanden zurückzulassen.

Mo 30.3.20, 16:48: Meine Erinnerungen an die kirchenmusikalische Ausbildung im Predigerseminar sind bestenfalls gemischt. „Wer singt, betet doppelt“, ist ein Satz, der sich mir für alle Zeiten eingeprägt hat. Denn schon damals habe ich mit einer realistischen Einschätzung meiner Ton- und Melodie-Sicherheit gedacht: „Dann bete ich bestimmt nur halb so viel wie meine Kollegen.“ Manches ist inzwischen anders geworden. Ich singe mit großer Freude und Lautstärke, auch wenn ich einige Noten immer noch höchstens aus der Ferne grüße. Aber wirklich erstaunlich finde ich, wie das Singen gerade ein Comeback erlebt. Eben noch so was von „Old School“, wird nun von Balkonen, Terrassen und Fenstern gesungen, was die Mundorgel hergibt. Singen verbindet. Singen ist gesund. Das erkennen immer mehr Menschen. Für Bibelleser keine Neuigkeit. Denn schon ein Hirtenjunge namens David hat es in 1. Samuel 16 geschafft, den traurigen König Saul mit seiner Harfe aus seiner Depression zu holen. Daran denke ich heute, wenn ich singe: „Und lass uns ruhig schlafen/ Und unsern kranken Nachbarn auch!“

So 29.3.20, 20:31: Meine Stimmung hat sich heute dem Wetter angepasst. Gestern noch heiter und sonnig, heute so lala. Und dann fällt mir auch noch das "Evangelium der Vernunft“ in die Hände. Aus Wuhan soll es stammen, in einer Höhle soll es gefunden worden sein, vorige Woche erst… Jedenfalls geht es so: „Und es begab sich, dass Galiläa von einer schweren Seuche heimgesucht wurde. Damit die Kranken nicht die Gesunden ansteckten, wurden sie vor die Stadtmauern getragen. Jeder Kontakt wurde bestraft. Da ging ein frommer Mann namens Johannes zu Jesus, von dem er viel Gutes gehört hatte. ‚Rabbi’, sprach er, ‚es leiden viele Menschen, aber niemand besucht sie. Willst du nicht zu ihnen gehen und mit ihnen sprechen?’ Da herrschte Jesus ihn an: ‚Was für eine Idee! Ich könnte mich anstecken und vielen Menschen den Tod bringen!‘ Johannes erschrak. ‚Du hast recht, Meister. Wie dumm!‘ Und er weinte bitterlich. Da krähte der Hahn dreimal.“ – Und ich überlege: Was würde Jesus in unserer Situation heute sagen? Ich merke: Meine Antworten hängen von der Tagesform ab. Allen einen gesegneten Sonntagabend!

Sa 28.3.20, 15:11: Die Freiräume nutzen, die sich ergeben. Das nehme ich mir seit Tagen vor. Das Bücherregal im Wohnzimmer sortieren – das nehme ich mir seit Monaten vor. Hier haben die Kinder längst ihre eigene Ordnung etabliert, nach Farben, nach Größe, nach… was weiß ich. Also mache ich mich heute Vormittag mit einem Seufzer an die Aufgabe. Und lande schon kurz darauf mit einem meiner Lieblingsbücher aus dem Germanistikstudium auf dem Sofa: Franz Hessels „Flaneur“. Was ist das aus der Zeit gefallen, denke ich und blättere durch die Seiten. Von der schwierigen Kunst, spazieren zu gehen, erzählt Hessel. Am besten mit einer Schildkröte an der Seite, um so richtig langsam und absichtslos zu sein. Und wir? Dürfen nur aus wichtigen Gründen draußen sein. Und selbst dann wirkt es, als hätte jeder einen unsichtbaren Abstandshalter umgeschnallt. Gerade eben bin ich mit Hannes an der frischen Luft, als wir eine ältere Frau aus unserer Gemeinde treffen. Sie erzählt von ihren täglichen Spaziergängen. Sie gehe so lange raus, bis sie mit jemandem ein Wort gesprochen habe, erzählt sie. „Sonst bin ich den ganzen Tag alleine.“ Mein Vorsatz: Die Kunst, spazieren zu gehen, neu zu lernen!

Fr 27.3.20, 20:19: Im Moment sind wir dabei, eine Serie von vier kurzen Videos mit liturgischen Texten und Musik für die Osterfeiertage vorzubereiten. Danke an Florian Kronfeldt, der sich dafür ehrenamtlich als Regisseur zur Verfügung stellt. Nun müssen Nicolas Budde, Sabrina Greifenhofer und ich nur noch die „Scripts“ fertig schreiben. Heute hat es jedenfalls schon mal einen ersten Sound- und Bildtest in der Schilfdachkapelle gegeben. Das Ergebnis dieses improvisierten „Shootings“ ist ein kurzer Einspieler über unsere zwei geistlichen Orte, die an der Schilfdachkapelle neu entstanden sind. Und heute Nachmittag habe ich gesehen, dass Spaziergänger die Möglichkeit zum Kerzenentzünden schon nutzen. Viel Spaß mit dem Video!

Do 26.3.20, 10:21: Mit vielen anderen Familien teilen wir gerade ein ähnliches Schicksal: Die Eltern berufstätig, die Kita geschlossen, die Großeltern fallen bei der Kinderbetreuung aus. Und nun? Ist es die Aufgabe, so etwas wie einen neuen Alltag zu finden. Vorige Woche ist uns das noch weniger gut gelungen, als die Kinder manchmal bis abends in Schlafanzügen rumgetobt sind. Diese Woche bemühen wir uns um mehr Struktur. Dazu gehört, morgens, gleich nach dem Frühstück, eine halbe Stunde Sport: „Albas Sportstunde“, YouTube-Training mit dem Berliner Bundesligisten. Als die Schulen und Kitas geschlossen wurden, haben die Basketballer spontan ein tägliches Sportprogramm für Kinder und Jugendliche online gestelllt. Am Anfang wirkte vieles improvisiert – und war es wohl auch. Aber das Angebot wird von Tag zu Tag besser. So wie wir alle. Daran glaube ich ganz fest. Dass wir mit den Herausforderungen wachsen. Jeden Tag ein bisschen. Wohin das führt? Mein Sohn Mattis ist sich sicher: „Wenn ich groß bin, will ich Basketballer werden.“

Mi 25.3.20, 16.33: Zurzeit findet unterm Schilfdach kein Gemeindeleben statt. Sagen wir jedenfalls. Aber stimmt das? „Was geht, wenn nichts geht?“ Unter dieses Arbeitsmotto haben wir das Gemeindepraktikum von Sabrina Greifenhofer gestellt, die seit heute für die nächsten Wochen dabei ist. Einige kennen Sabrina noch aus der Zeit (2017 bis 2019), als sie in der Leitung der regionalen Konfi-Arbeit aktiv war. Inzwischen geht ihr Theologie-Studium in den Endspurt. Das Praktikum gehört zum Studium. Und was war heute in der Gemeinde so los? Die Baumpfleger schneiden zurzeit die Eichen auf dem Vorplatz. Vor der Eingangstür der Kapelle nimmt ein Ort immer mehr Gestalt an, wo Besucher Kerzen anzünden können. Mit Florian Kronfeldt soll in den nächsten Tagen ein Ostervideo entstehen. Und ich freue mich, was (trotz allem) alles gerade möglich ist.

Di 24.3.20, 16:32: Es stand im Internet, also muss es wahr sein: Die Natur erobert sich ihren Lebensraum zurück. Aus Venedig hört man, dass dort wieder Fische im Canale Grande schwimmen. Und hier bei uns in Berlin sind zum ersten Mal seit 80 Jahren wieder Spreedelfine gesichtet worden. Doch, wirklich! Das Foto beweist es und – nein! –, es ist bestimmt nicht mit Photoshop bearbeitet worden... Vielleicht beweist es aber auch nur, dass bei mir der Lagerkoller ausgebrochen ist.

 

Woche zwei der Kitaschließung – und bei uns zu Hause waren alle froh, heute mal rauszukommen. Auch wenn es nur zum Zahnarzt ging. Wobei mir die gute Laune schon auf dem Kaiserdamm wieder vergangen ist: Kaum Autos, keine Menschen, geschlossene Geschäfte. Gespenstisch. Wie gut haben wir es doch zwischen See und Flugfeld in Kladow. Hier sehe ich noch Menschen beim Joggen, Skaten, Spazieren. Oder einfach: beim Durchatmen. Das ist nötig. Und das tut gut. Wie schön, dass der Frühling immer dann kommt, wenn man ihn am dringendsten braucht. Jetzt. Genießt die Sonne!

Mo 23.3.20, 14:31: David Hockney, britischer Pop-Art-Künstler, hat vorige Woche etwas sehr Schönes gesagt, wie ich finde. „Do remember, they can’t cancel the spring.“ – „Denkt daran, den Frühling können sie nicht absagen.“ 82 Jahre ist Hockney inzwischen alt, lebt abgeschieden in der Normandie. Aber technikbegeistert ist er wie eh und je. Deshalb hat er dann gleich mal zu seinem iPad gegriffen hat und ein Bild voller Lebensfreude gemalt: Osterglocken vor einer noch nicht ganz erblühten Winterlandschaft. Ein Bild, das bei mir die Symbolik von Auferstehung und Neuanfang in Erinnerung ruft. Ein Bild der Hoffnung. Bilder der Hoffnung, Steine der Hoffnung kommen in diesen Tagen von unseren Konfis. Sie hatten die Aufgabe, Ostersteine zu bemalen und sie an unseren Kirchen oder an Gartenzäunen abzulegen. Das gibt uns gleich zwei Möglichkeiten: Wer in den nächsten Tagen frische Luft schnappen geht, kann schauen, wie weit die Osterglocken und die Ostersteine, Zeichen der Hoffnung, schon gekommen sind.

So 22.3.20, 9:57: Der Berliner Senat hat das öffentliche Leben in der Stadt gestern weiter eingeschränkt. Seit heute sind nun auch Versammlungen mit mehr als zehn Personen untersagt. Deshalb wird es heute – anders als noch vorigen Sonntag – kein gemeinsames Gebet auf dem Vorplatz der Kapelle geben. Trotzdem werde ich um 11 Uhr die Glocke läuten und anschließend alleine in der Kirche Andacht feiern. Ich fühle mich verbunden mit allen, die zeitgleich oder später zu Hause eine Kerze anzünden, ein Gebet sprechen oder „Hausandacht“ feiern. Andacht und Glockenläuten können auch auf unserer Internetseite heruntergeladen werden. Bleibt gesund, Geschwister!

Sa 21.3.20, 20:45: Was für ein schöner Tag: Sonne satt, Himmel blau, der „Blühling“ hat begonnen. Und nachmittags denke ich: Komm, bloß raus, wer weiß, wie lange das noch… Na, ihr wisst schon, Ausgangssperre. Also spaziere ich eine Weile ziellos durch die Gegend, komme an einem Haus mit Garten vorbei. Am Zaun fünf Luftballons. Ach, Kindergeburtstag, denke ich. Und: Wie gut, dass meine Kinder alle erst im Winter Geburtstag haben. Ich schäme mich ein bisschen für diesen Gedanken. Einen Moment später drücke ich auf den Klingelknopf. Ich weiß, macht man nicht mehr, alte Gewohnheit. Eine strahlende Vierjährige öffnet erwartungsfroh – und ist etwas enttäuscht, als sie mich sieht. Hinter ihr die Mutter. Ich stelle mich als Pfarrer vor und wünsche alles Gute. Und frage dann doch, ob andere Kinder erwartet werden. Nein, sagt die Mutter. Aber Oma und Opa sind schon morgens mit dem Auto vorbei gefahren und haben „Happy Birthday“ gesungen. Die Babysitterin hat ein Geschenkpaket geschickt. Die Kitakinder viele Videos. Und der große Bruder hat sogar eine Schatzsuche organisiert, obwohl er das nur noch peinlich findet. Zum Abschied sagt die Kleine fröhlich: „Mal schauen, was noch so kommt.“ Ich bin anschließend in einer seltsamen Stimmung. Frage mich: Was soll dieses „Social Distancing“? Körperliche Distanz, in Ordnung. Aber Sozialkontakte sind doch in diesen Wochen wichtiger denn je! Allen einen gesegneten Sonntag!

Fr 20.3.20, 14:45: „…und was machst du am Sonntag?“ Mit diesem Spruch haben wir bisher auf Plakaten und Aufklebern zu Gottesdiensten in die Schilfdachkapelle eingeladen. Zurzeit nicht, zurzeit ist alles abgesagt. „Allein und doch gemeinsam!“, heißt es daher nun. Denn auch weiterhin ist geistliches Leben in den beiden evangelischen Kirchengemeinden in Kladow möglich. Dafür stellen wir einmal eine „Hausandacht“ zur Verfügung, mit der – alleine oder gemeinsam – auch zu Hause Gottesdienst gefeiert werden kann. Darüber hinaus wollen wir der Einladung von Bischof Christian Stäblein folgen, zum 12-Uhr-Läuten der Kirchenglocken (an der Schilfdachkapelle seit heute auf fünf Minuten verlängert) eine Kerze zu entzünden und ein Gebet zu sprechen. Mit diesen Worten zum Beispiel: „Gott. Ich bete jetzt zu dir. Und ich weiß, ich bin verbunden mit dir und allen anderen, die jetzt gerade zu dir beten.“ Euch allen einen gesegneten Frühlingsbeginn!

Hausandacht
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Do 19.3.20, 11:58: Heute feiert Kirsten Boie Geburtstag. 70 Jahre wird die Kinderbuchautorin alt. Im Familienregal bei uns zu Hause stehen einige ihrer Bücher, von „Paule ist ein Glücksgriff“ bis „Ritter Trenk“. Ihr sei es wichtig, dass Kinder überhaupt lesen, sagt sie immer wieder: „Um Spaß zu haben, Abenteuer zu erleben, sich schön, mutig und stark zu fühlen – und manchmal auch, um sich trösten zu lassen.“ Gefragt, ob sie selber ein Lieblingsbuch habe, antwortet Kirsten Boie: „Pippi Langstrumpf“. Also habe ich heute Morgen, noch vor dem Büro, zum Astrid-Lindgren-Klassiker gegriffen und eine halbe Stunde vorgelesen. Mit den drei Kindern saß ich dabei gemütlich auf dem Sofa. Und hinterher war zumindest ich getröstet. Durch diesen Dialog hier: „Der Sturm wird stärker“, sagen Tommy und Annika. Und Pipi: „Macht nichts. Ich auch.“ Kommt gut durch den Tag!

Mi 18.3.20, 15:58: Die Welt ist plötzlich klein geworden: Schule, Kitas, Spielplätze – geschlossen! Viele sind zu Hause. Und nun? Eine Lehrerin vom Carossa-Gymnasium erzählt vom Projekt digitales Klassenzimmer („Homeschooling“). Sie meint: „Wir müssen nur aufpassen, dass wir die Jugendlichen nicht mit Unterrichtsmaterial zumüllen, das sie sowieso nie abarbeiten.“ Wirklich nicht? Rumgefragt, sitzen die (meisten) Teamer unserer Gemeinde vormittags am Computer, um zu lernen. Bei einer klingelt sogar ein Wecker im Hintergrund. Nanu? „Der erinnert mich, dass Deutsch jetzt vorbei ist. Jetzt beginnt gleich Mathe.“ Und die Älteren aus unserer Gemeinde, was machen die? Eine Frau erzählt von einer verschobenen Herzoperation – und von den vielfachen Sorgen um die eigene Gesundheit. Die Tochter einer Frau, die vorige Woche verstorben ist, sagt die Trauerfeier ab. „Wir kommen doch gerade überhaupt nicht zum Trauern.“ Aber wann dann? Weiter: Ein Vater im Home Office berichtet: „Heute morgen hat mein dreijähriger Sohn, als ich gerade in einer Videokonferenz mit Kollegen war, einen Wutanfall bekommen – da bekommt der Begriff ‚Interessenkonflikt‘ eine ganz neue Bedeutung.“ Eine Physiotherapeutin erzählt von Sorgen, dass ihre Praxis schließen müsse. Die Hoffnung: Dass es doch nur bei den „ganz normalen Absagen“ dieser Tage bleibt. So sieht es aus, das Leben in unserer Gemeinde, in den Zeiten des Virus. Da bleibt nur zu wünschen: Alles Gute zum Alltag!

Di 17.3.20, 11:12: „Etwas weniger Realität, bitte!“ Kaum ein Satz bringt mein Lebensgefühl derzeit besser auf den Punkt als dieser Wunsch. Gerade war doch noch alles in Ordnung. Und nun? Werden beinahe täglich Rechte außer Kraft gesetzt, die über Jahrhunderte so mühsam erkämpft worden sind: Das Recht auf Religionsfreiheit, das Recht auf Freizügigkeit, das Recht auf Bildung… Wir erleben ein Groß-Experiment mit offenem Ausgang. Und die Frage ist: Woher kommt Trost? Für mich aus dem Brief von Matthias Claudius an seinen Sohn Johannes aus dem Jahr 1799: „Die Wahrheit richtet sich nicht nach uns, lieber Sohn,sondern wir müssen uns nach ihr richten. Was Du sehen kannst, das siehe und brauche Deine Augen, und über das Unsichtbare und Ewige halte Dich an Gottes Wort.“ Ich bete darum dass wir schon bald einen neuen Morgen nicht mehr begrüßen müssen mit den Worten: „Herzlich Willkommen im falschen Film!“

Mo 16.3.20, 19:10: Manchmal hilft nur noch Humor. Schon gestern, eine zufällige Begegnung beim Fahrradausflug mit den Kindern. Auf die Frage, was sie die nächsten Wochen so mache, antwortet eine Mutter: „Endlich mal die Kinder erziehen, kommt man doch sonst nicht zu.“ Und heute auf dem Spielplatz auf dem Flugfeld, ungefähr zu der Zeit, als die Spielplätze in Deutschland geschlossen wurden, sagt ein Vater, was er in den nächsten Wochen im Home Office und den Kindern in Coronaferien alles braucht: „Ohrenstöpsel, Baldrian und einen Erziehungsratgeber für gewaltfreie Kommunikation.“ 😂... Allen einen schönen Abend ohne weitere Schreckensnachrichten.

Mo 16.3.20, 9:32: Mit einer seltsamen Stimmung geht es in diese Woche. Unsere Kita hat heute geöffnet, aber es sind kaum Kinder da. Die Jugendlichen gehen noch einmal in die Schule, wissen aber nicht, wie so etwas ähnliches wie Unterricht in den nächsten Wochen organisiert werden soll. Eine unserer Teamerinnen drückt ihr Lebensgefühl so aus: „Normalerweise habe ich jeden Tag ein Hobby, aber jetzt fällt alles aus.“ Und nun? Das Stichwort, das am häufigsten fällt: „Unwirklich“. Große Unsicherheit, viel Gesprächsbedarf, so erlebe ich das. Deshalb: Kommt alle gut in diese Woche. Und haltet fest an der Zusage aus 2. Tim 1,7: „Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“

So 15.3.20, 12:00: Ein Gottesdienst hat heute nicht stattgefunden. Aber alle, die von der Absage nichts mitbekommen hatten, konnten im Vorraum eine Kerze entzünden. Und ein gemeinsames Gebet haben wir auch gesprochen. Darin hieß es: „O Gott, komm uns zur Hilfe nun, da sich der Coronavirus auf der ganzen Erde ausbreitet. Heile die, die krank sind, unterstütze und beschütze ihre Familien, Angehörigen und Freunde vor Ansteckung. Höre unser Rufen.“ Euch allen einen gesegneten Sonntag!

14.3.20, 20:19: Ich saß gerade am Schreibtisch, um meine Predigt für morgen fertig zu schreiben, als mich die Nachricht per Mail erreichte, dass die Berliner Behörden ab sofort alle Veranstaltungen mit mehr als 50 Teilnehmern abgesagt haben. Der nächste Schreck. Nach intensiver Beratung mit dem Vorsitzenden des Kreiskirchenrates im Kirchenkreis Spandau, Karsten Dierks, und erneut mit unserer Vorsitzenden Inge Kronfeldt, haben wir uns gemeinsam dazu entschieden, den Gottesdienst morgen abzusagen. Es fällt mir persönlich sehr schwer. Ich könnte heulen. Aber ich fürchte, uns bleibt keine Wahl. Inwiefern in den nächsten Tagen und Wochen noch Gemeindeleben möglich ist, weiß ich im Moment nicht. Ich werde mich auf alle Fälle über diese Gruppe melden. Ideen gerne an mich. Anbei ein Foto, dass ich heute Nachmittag im Vorraum der Schilfdachkapelle aufgenommen habe. Es war ein sehr schöner Anblick. Vielleicht gibt das etwas Trost in dieser schwierigen Zeit.

14.3.20, 10:10: Wie gehen wir in der gegenwärtigen Krise als Kirchengemeinde verantwortungsvoll mit unseren Veranstaltungen und Gottesdiensten um? Unsere Vorsitzende Inge Kronfeldt und ich machen es uns mit einer Entscheidung nicht leicht. Natürlich spüren wir auf der einen Seite die Pflicht, zur Eindämmung des Virus beizutragen. Auf der anderen Seite sehen wir uns als Kirchengemeinde auch als Ort der Seelsorge und des Trostes. Deshalb haben wir beschlossen, den Gottesdienst morgen wie gewohnt um 11 Uhr stattfinden zu lassen. Wir verzichten aber auf das Abendmahl. Und wir werden den Gottesdienst auf dem Vorplatz der Kapelle im Freien feiern. Das Wetter scheint ja mitzuspielen. Diese WhatsApp-Gruppe werde ich in den nächsten Tagen vermehrt zur Information einsetzen. Wenn es also noch Menschen gibt, die dieser Gruppe beitreten wollen oder sollen, bitte einfach eine Nachricht an mich. Bleibt alle gesund!

13.3.20: Gestern hat unser Besuchskreis unter dem Eindruck bedrückender Nachrichten stattgefunden. Klar ist, dass wir im Moment keine Menschen aus Risikogruppen besuchen und damit in Gefahr bringen wollen. Gleichzeitig bin ich froh, dass sich der Besuchskreis dafür ausgesprochen hat, älteren oder immunschwachen Menschen, die besonders gefährdet sind, beizustehen. Deshalb wollen wir hier an dieser Stelle und in den  kommenden Tagen immer wieder dazu aufrufen, dass sich Menschen, die Hilfe beim Einkaufen, bei Botengängen oder ähnliches brauchen, bitte direkt bei mir oder bei uns im Büro melden. Wir organisieren Hilfe gerne!

12.3.20: Wir leben in seltsamen Zeiten. Im Großen scheint die ganze Welt aus den Fugen zu geraten. Im Kleinen, in unserer Gemeinde, müssen wir täglich improvisieren, weil der Gemeinderaum bis 15 Uhr von der Kita gebraucht wird. Deshalb hat der Yoga–Kurs heute Morgen schon auf der Empore stattgefunden. Und gleich treffen wir uns als Besuchsdienst vor der Hirtenstatue. Aber eins muss man schon sagen: Gemütlich ist es...

11.3.20: Wir erleben in diesen Tagen, wie das Coronavirus immer mehr in unseren Alltag eingreift. Was bedeutet der Umgang mit der Pandemie für unsere menschlichen Begegnungen? Was bedeutet das Virus für unseren Besuchskreis? Seit mehreren Jahren trifft sich ein engagierter Kreis von Ehrenamtlichen in unserer Gemeinde, um andere Menschen zu besuchen. Morgen trifft sich der Besuchskreis um 13 Uhr in der Schilfdachkapelle zu Kaffee und Kuchen. Herzliche Einladung an alle, die Interesse am Besuchskreis haben.

10.3.20: Unruhe und Unsicherheit kennzeichnen unsere Tage. Was gestern noch undenkbar schien, wird über Nacht möglich. Wie gut ist es da, wenigstens kurzzeitig zur Ruhe zu kommen, der Seele eine Atempause zu schenken. Morgen findet um 18:30 Uhr wieder die meditative Andacht statt. Herzliche Einladung!

6.3.20: Gelebte Ökumene vor Ort: Die drei evangelischen Gemeinden im Spandauer Süden sowie die katholische Pfarrei Mariä Himmelfahrt feiern heute um 18 Uhr im Gemeindehaus im Dorf gemeinsam den Weltgebetstag. Wie immer wird im Anschluss zusammen gegessen, diesmal gibt es Spezialitäten aus Simbabwe. – Ich freue mich hingegen auf ein dienstfreies Wochenende. Am Sonntag feiert Pfarrer Nicolas Budde um 11 Uhr den Gottesdienst in der Schilfdachkapelle. Herzliche Einladung!