Ev. Kirchengemeinde Am Groß-Glienicker See

Blog: Unterm Schilfdach

An dieser Stelle schreibt Pfr. Alexander Remler regelmäßig über das Gemeindeleben der Schilfdachkapelle. 

 

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So 27.9.20, 12:49: Ein Gedanke aus der Predigt von heute: „Neulich sitze ich mit meiner Tochter Mina auf dem Sofa. Sie darf noch keinen ganzen Film sehen. Sie ist mit ihren sechs Jahren noch zu jung dazu. Finden meine Frau und ich. Mina findet das nicht. Und erzählt uns regelmäßig, was die anderen Kinder aus ihrer Klasse alles sehen dürfen. ‚Findet Nemo‘, zum Beispiel. Also schauen wir uns ein paar Minuten an. Diese Szene mit Dorie, der Fischdame mit den Kulleraugen, die nur einen Nachteil hat: Sie vergisst alles. Sofort. Und was macht sie? Sie lebt in der Gegenwart. Sie kann gar nicht anders als in der Gegenwart zu leben. … Wir dagegen vergessen nicht alles. Zum Glück. Wir wissen nur allzu gut, wo wir herkommen. Besonders in diesem Jahr. Und machen uns auch deshalb Sorgen, was kommt. Aber vergessen dabei hoffentlich nicht, was uns Gott zugesagt hat. Was er uns mit gegeben hat als Ermutigung auf unseren Weg durchs Leben. Nämlich den Geist ‚der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.‘ Gott gibt uns trotz allem die Kraft und die Liebe und die Besonnenheit, weiter zu machen, lebendig zu sein und zu bleiben und den Geist der Furcht in die Schranken zu weisen.“

Fr 25.9.20, 9:55: „Mal sehn.“ Zwei Worte nur, aber sie beschreiben zurzeit mein Lebensgefühl am besten. Keiner weiß, was kommt. Keiner weiß, was passiert. Deshalb: „Mal sehn.“ Und ich lese in der Zeitung, dass drei von vier Menschen im Moment ihre Entscheidungen von Tag zu Tag treffen. Nicht weiter planen als nötig und wohl auch möglich ist. In der Bibel heißt es: „Sorgt euch nicht um morgen, der morgige Tag wird schon für das Seine sorgen“ (Mt 6,34). Bergpredigt, Jesus. Nur ist das leichter gesagt als getan. Was das für uns bedeuten könnte, darum wird es am Sonntag in der Predigt gehen. Möglicherweise zu vertrauen lernen auf die biblische Zusage: „Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit“ (2. Tim 1,7). Die Liturgie am Sonntag werde ich gemeinsam mit Sabrina Fabian gestalten, darauf freue ich mich sehr. Lektorin ist Cathy Fechner, Organist Christian Deichstetter. Herzliche Einladung zum Gottesdienst um 11 Uhr. Manfred Gummi baut die Lautsprecheranlage draußen auf. Und ich schaue gerade auf mein Handy: Die Wetter-App sagt für Sonntagmorgen „nur“ noch eine Regenwahrscheinlichkeit von 60 Prozent voraus. Na, geht doch. Gestern waren es 100 Prozent. Wie es wirklich wird? „Mal sehn.“

Mi 23.9.20, 12:53: Gestern schlendere ich nachmittags zur Kapelle. Steht da ein Mann vor dem Zaun der Kita und schaut sich das Plakat für den Schenkflohmarkt an. Auf dem Rücken ein Rucksack, in der Hand einen Stock. Ah, denke ich, ein Pilger auf dem Spandauer Pilgerweg. Grußlos sagt er: „Sie wissen, dass ein Schenkender den Beschenkten beschämt durch sein Geschenk.“ Ganz schön viele „Sch’s“ für einen Satz, geht mir durch den Kopf. Ich fühle mich überrumpelt. Geschenke sollen beschämen? Ich erinnere mich an früher, eine Nachbarin, die mir regelmäßig Klassiker der Weltliteratur zum Geburtstag schenkte. Mit den Worten: „Muss man kennen.“ Weshalb so mancher Dostojewski bis heute ungelesen im Schrank steht. Und ich überlege weiter: Haben die Heiligen Drei Könige mit Gold, Weihrauch und Myrrhe den Zimmermann aus Nazareth vielleicht beschämt? In einem Stall mit Krippe erscheinen mir die Geschenke in der Tat plötzlich überdimensioniert. Und beim  Schenkflohmarkt? Quatsch, denke ich, uns geht es doch darum, dass Dinge, die für den einen nichts mehr bedeuten, für andere noch einen Wert haben können. Deshalb ein Flohmarkt ohne Geld, ein Schenkflohmarkt. Erst zu Hause fällt mir ein, was ich hätte antworten sollen: „Geben ist seliger als nehmen“ (Apg 20,45). Herzliche Einladung am Sonntag zum Schenkflohmarkt.

Di 22.9.20, 14:00: Die beiden haben gezögert. Die beiden haben gezittert. Aber am Ende haben sich Yvonne und Tobias doch das Ja-Wort gegeben. Nicht wie ursprünglich geplant in der Schilfdachkapelle. Aber in der größeren Christophorus-Kirche in Siemensstadt, wo die gesamte Hochzeitsgesellschaft wegen der Abstandsregeln hin umgezogen ist. Und ich habe einmal mehr erlebt, wie schön es ist, auch in diesem Jahr an ursprünglichen Plänen festzuhalten. Trotz allem. „Euer Herz soll sich freuen und eure Freude soll niemand von euch nehmen.“ Diesen Trauspruch haben sich Yvonne Abbenhaus und Tobias Wilhelm-Abbenhaus ausgesucht, für mich der Trauspruch des Jahres (Joh 16,22). Und dieses Jahr war reich an ungewöhnlichen Hochzeiten. Ich erinnere mich an eine Trauung im Autokino, bei der die Gäste im Wagen sitzen geblieben sind. Oder an eine Trauung, die ganz im Internet stattgefunden hat: „Lockdown Wedding“. Viele Paare haben ihre Hochzeit aber auch verschoben. Das zeigen die offiziellen Zahlen. Heute stand es sogar in der Zeitung: Im ersten Halbjahr wurden bundesweit 140.000 Ehen geschlossen – beinahe 30.000 weniger als im Vorjahr. Viele Paare mussten lange mit Unsicherheiten leben. Ein Bräutigam hat es so gesagt: „Es war für mich weniger die Frage, ob meine Verlobte Ja sagt, sondern ob Corona Ja sagt.“

So 20.9.20, 15:57: Was waren das für schöne Gottesdienste an diesem Wochenende! Natürlich einerseits wegen des Wetters. Aber auch, weil weitere 21 Konfirmandinnen und Konfirmanden „Ja“ gesagt haben zu einem Leben in der Gemeinde, zu einem Leben mit Gott. Gestern haben wir auf dem Gemeindegelände im Dorf acht Jugendliche konfirmiert, heute auf dem Vorplatz Schilfdachkapelle weitere 13 Konfis. Drei von vier Konfirmationen des vorigen Jahrgangs haben wir damit nun hinter uns. Und wir blicken heute auf berührende und bewegende  Momente zurück. Gottes Segen für alle Ex–Konfis!

Fr 18.9.20, 14:17: „In diesem Jahr ist alles anders.“ Ich weiß nicht, wie oft ich diesen Satz in den vergangenen Monaten gesagt habe. Und inzwischen kann ich ihn schon nicht mehr hören. Aber er stimmt leider immer wieder. Wenn ich zum Beispiel an die Konfirmationen denke: Der neue Jahrgang hat schon begonnen, aber noch haben wir längst nicht alle Konfis aus dem vorigen Jahrgang konfirmiert. Jetzt, am Wochenende, stehen die nächsten Konfirmationsgottesdienste an. Dafür haben unsere Konfis den Psalm 23 umgedichtet: „Der Herr ist mein Beschützer, er passt auf mich auf.“ So beginnt er nun. Als ein Bekenntnis, das in diesem Jahr, in dem wir gemeinsam durch so manch „finsteres Tal“ gewandert sind, eine besondere Bedeutung bekommen hat. Auch, weil wir miteinander erfahren haben, dass wir trotz allem behütet und begleitet sind, getragen und geführt von einem, den wir den „guten Hirten“ nennen. – Herzliche Einladung zu den beiden Konfirmationsgottesdiensten. Auch die Gemeinden können teilnehmen. Der erste Gottesdienst findet morgen um 11 Uhr auf dem Gemeindegelände im Dorf statt. Den zweiten Gottesdienst feiern wir am Sonntag um 11 Uhr auf dem Vorplatz der Schilfdachkapelle. Beide Gottesdienste werden draußen sein. Dadurch werden wir gemeinsam singen können und sind in Hinblick auf die Besucherzahl weniger eingeschränkt.

Do 17.9.20, 10:34: Die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen hat in diesem Jahr spürbar gelitten. Das ist ein persönlicher Eindruck. Aber nicht nur. Denn das wird inzwischen auch von immer mehr Studien belegt. Dass bei Kindern, die sowieso schon ängstlich waren, durch Corona die Ängste deutlich zugenommen haben. Dass bei Jugendlichen, die vorher häufig schlecht gelaunt waren, sich Unruhe und depressive Verstimmungen entwickelt haben. Und dass Kinder mit Lernschwierigkeiten von allem am stärksten betroffen sind. Corona ist dabei meist nicht die Ursache, aber der Auslöser. Kein Wunder, dass Kinder- und Jugendpsychiatrien einen Anstieg der Fälle um rund 20 Prozent vermelden. Was das für uns als Kirchengemeinden in Kladow bedeutet? Dass es wichtig ist, die regionale Konfi- und Jugendarbeit so normal wie möglich fortzuführen. Und was das konkret bedeutet, haben wir gestern Abend erleben können. Mit unseren mehr als 40 Konfis und Teamern des neuen Jahrgangs haben wir nicht nur, aber auch im Wald gesessen, auf dem ehemaligen Spielplatz neben dem Wendekreis der Kapelle. Thema der Einheit: „Das Gebet.“ Und wo lässt sich besser beten als unter Bäumen: „Berühre mein Herz, mein Gott, dass es aus Freude an deiner Schöpfung die Welt zum Guten verändert und nicht aus Angst sich lähmen lässt.“

Mi 16.9.20, 11:21: Die Kinder haben das schöne Wetter gestern genossen. Und wie. Sie sind durch den Rasensprenger gerannt, haben geplanscht und gebadet. Und ich habe gedacht: Was für ein schöner Schwitze-Hitze-Tag! Doch spätestens der Blick auf die Wetterkarte hat mich nachdenklich gemacht. Ich musste daran denken, wie häufig in den vergangenen Wochen auf das angeblich so unverantwortliche Verhalten der Jüngeren in der Corona-Krise hingewiesen worden ist. Doch: Wie unverantwortlich verhalten wir Älteren uns eigentlich angesichts der noch größeren Herausforderung durch den Klimawandel? Jeder dritte Deutsche möchte den Klimaschutz zurzeit hinten anstellen. Rund 60 Prozent wollen zwar weiterhin in den Klimaschutz investieren. Aber ich erlebe im Alltag eher ein Comeback längst abgelegter Gewohnheiten. Ich sage nur: Plastikverpackungen, Müllberge… Auch ich steige wieder häufiger ins Auto, um Bus und Bahn zu meiden. Nur: Die globalen Temperaturen steigen immer weiter. Wie zynisch, wenn der amerikanische Präsident in den Waldbrandgebieten von Kalifornien steht und über das Weltklima sagt: „Es wird wieder kühler werden, Sie werden schon sehen.“ Ich nehme heute eine Mahnung aus der Bibel mit, einen Satz aus dem Buch der Sprüche: "Wo man nicht mit Vernunft handelt, da geht es nicht gut zu“ (Sprüche 19,2). Ein Satz für alle Krisen.

Mo 14.9.20, 11:43: Ich bin grundsätzlich ein geduldiger Mensch. Finde ich. Auch wenn das alle anderen bei uns zu Hause etwas anders sehen. „Mina, kommst du? Wir müssen los!“, rufe ich heute Morgen. „Aber-aber-aber, ich muss nur noch mein Pferd satteln“, sagt meine Tochter. Sie spielt Ponyhof in ihrem Zimmer. Ihre Brüder Hannes und Mattis ziehen sich schon die Schuhe an. „Minaaaa?“ In meiner Stimme liegt ein gewisser Unterton. „Aber-aber-aber, ich muss nur noch…“ Doch ich bin schon zur Haustür raus. Schließlich sitzen alle im Auto. Alle, bis auf… „MINA, ALSO WIRKLICH!!!“ Jetzt sind auch die Nachbarn wach. Und wer wissen will, wo ich bin? Ich bin auf Hundertachtzig! Ich versuche mich zu beruhigen, damit, dass selbst Jesus manchmal etwas ungeduldig war. Mit Händlern und Wechslern, aber auch sonst. „Ihr Kleingläubigen“, schnauzt er bei Matthäus immer wieder seine Jünger an, weil sie etwas nicht gleich verstehen, müde oder mutlos sind. Zugegeben, sonst zeigt er auch eine große Geduld, wenn etwas nicht so läuft, wie er will. Und ich so? Stehe im Garten und überlege, ob ich wie Jeremia, der Prophet, 40 Jahre warten muss, bis sich meine Ankündigung erfüllt. Da springt Mina fröhlich aus dem Haus: „Können wir endlich?“

Fr 11.9.20, 12:49: Es gibt in einer Woche so manche Tage, da möchte man mit dem Kopfschütteln doch gar nicht mehr aufhören. Zum Beispiel: „Lieber Montag, wir müssen mal reden.“ Ist es wirklich nötig, dass danach noch die ganze Arbeitswoche folgt? Aber heute ist Freitag – und Freitag ist schon die wunderbare Brücke zwischen Arbeit und Erholung. Und ich rufe deshalb: „Fridayayayay“! Kein Wunder, dass der Freitag auch ein Vorname geworden ist. Immerhin 22.000 Menschen in Deutschland haben ihn. Und schon „Robinson Crusoe“ hatte schließlich seinen treuen Freitag an der Seite. Da kann der Sonntag nicht mithalten. Kaum ein Kind ist nach ihm benannt. Dabei wird der Sonntag schon in der Bibel als  „erster Tag der Woche“ (Mt 28,1) hervor gehoben. Als „Tag des Herrn“ steht er für die Auferstehung Jesu und den Geburtstag des Christentums. Deshalb feiern wir den Gottesdienst immer sonntags. Am kommenden Sonntag, übermorgen, habe ich allerdings dienstfrei. Dafür wird Pfarrer Nicolas Budde den Gottesdienst wie gewohnt um 11 Uhr in der Schilfdachkapelle feiern. Nach dem Gottesdienst spielt unser neues Bläserensemble „Südblech“ ein paar Stücke auf dem Vorplatz. Und die Kapelle ist für Pilger und Besucher des Tags des offenen Denkmals sowieso wieder von 10 bis 16 Uhr geöffnet. Herzliche Einladung!

Do 10.9.20, 8:34: Es gibt nur wenige Menschen, für die ich in den vergangenen Monaten so häufig gebetet habe wie für Basti, den Sohn von Karola und Siggi Wärk. Ich weiß nicht so genau, wann diese Serie von Aufenthalten im Krankenhaus los ging, diese Abfolge von Operationen und Not-OPs, der Wechsel von Hoffnung und Verzweiflung. Aber ich weiß, wie ich bald dachte: Was muss dieser Junge mit seinen 25 Jahren, was müssen die Eltern ertragen, wenn es mir, dem Beobachter am Rande, schon zu viel ist? „Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch“, heißt es in der Bibel (1. Petr 5,7). Ein Vers, der mir normalerweise gut durch schwere Zeiten hilft. Aber hat der liebe Gott hier auch gut gesorgt? Irgendwann habe ich Siggi und Karola angeboten, sie zu fahren, wenn sie Basti aus dem Krankenhaus holen. Denn das ist mit ihm, der mit einer autistischen Behinderung lebt, nicht so einfach. Aber Siggi hat abgelehnt: „Ich habe ihm versprochen, dass Papa ihn nach Hause bringt.“ Nach Hause, in das Wohnheim, in dem Basti lebt. Vielleicht habe ich in diesem Moment erst verstanden, wie wichtig es ist, einen Vater zu haben, der einen nach Hause bringt, allezeit und immer wieder – im Himmel wie auf Erden. Gestern war es wieder so weit. Papa und Mama waren im Krankenhaus und haben Basti nach Hause gebracht. Ich bete dafür, dass alle Narben heilen.

Mi 9.9.20, 11:28: Anstatt mich dauernd mit einem ansteckenden Virus zu beschäftigen, könnte ich mal wieder ein ansteckendes Lachen gebrauchen. So eins, unerwartet und ungeplant, das einfach glücklich macht. Kurze Szene: Gestern, auf dem Spielplatz, steht mein Sohn Hannes auf dem Startpodest einer Seilbahn. Er greift nach dem Teller, will gerade aufspringen und los sausen. Ein anderer Junge auch. Es kommt zu Handgreiflichkeiten. Hannes schubst, der andere fällt. Ich denke: Oh nein, bitte nicht, und will eingreifen. Da passiert etwas Unerwartetes. Der andere Junge fängt an zu lachen. Ich schaue verdutzt. Hannes schaut verdutzt. Und dann? Lacht Hannes einfach mit. Ich frage mich noch, was hier so lustig sein soll. Aber allein, dass diese beiden vierjährigen Steppkes lachen, bringt mich selbst zum Lachen. Also lachen wir alle. Wir bekringeln und beömmeln uns. Und ich finde, die Bergpredigt bringt eins schön auf den Punkt. Sie weiß von einer Welt, in der die Tage eher zum Weinen sind. Doch sie erzählt davon, dass eine Zeit kommen wird, in der alle Tränen trocknen werden. In der wir in das fröhliche Lachen der Engel und Heiligen einstimmen. Darauf möchte ich vertrauen. Oder mit Jesus: „Selig seid ihr, die ihr jetzt weint; denn ihr werdet lachen“ (Lk 6,21).

7.9.20, 10:34: Vor ein paar Tagen habe ich gelesen, dass Forscher einmal nach dem langweiligsten Tag der Weltgeschichte gesucht haben. Sie haben einen Computer mit 300 Millionen Ereignissen gefüttert – und prompt wurde der 11. April 1954 ausgespuckt. Ein Tag, an dem weder eine berühmte Persönlichkeit geboren noch zu Grabe getragen wurde, kein Krieg ausgebrochen, kein Erdbeben geschehen ist. Und die Weltmeisterschaft hat Deutschland auch erst ein paar Wochen später gewonnen. Ein richtiger Tag zum Gähnen, wissenschaftlich erwiesen. Wie die Geschichte auf den Tag heute schauen wird, ist noch nicht klar. Aber für meinen Sohn Mattis ist es schon jetzt ein großer Tag. „Gehen wir heute wieder in die Waldallee?“, flüstert er mir morgens, es ist noch stockfinster, der Sonnenaufgang fern, ins Ohr. Denn: Nach Monaten der Sanierung des Fußbodens unseres Gemeindehauses geht es für die Kita-Kinder heute wieder zurück in die Waldallee. Damit endet der provisorische Betrieb im Gemeindehaus im Dorf. Dort wurde unsere Kita mit großer Gastfreundschaft aufgenommen. Deshalb: Noch einmal ein herzliches Dankeschön für die unkomplizierten Absprachen mit der Gemeindeleitung dort! Und ich? Sitze gerade in meinem Büro im Gemeindehaus, in dem es monatelang so unglaublich still war, und sage mir seufzend: „Ach, Kinderlärm ist Zukunftsmusik.“

Sa 5.9.20, 15:35: Heute war der erste Spandauer  Pilgersamstag. Gut, zugegeben, das Wetter hatte noch etwas Luft nach oben. Aber die Stimmung vor der Schilfdachkapelle war sehr gut. Tolle Fotos sind auch entstanden! Und zwischendurch kamen sogar immer wieder ein paar Pilger vorbei, um sich ihren Stempel im Pilgerpass abzuholen. Hier ein paar Eindrücke vom heutigen Tag. Morgen geht es weiter. Um 10 Uhr beginnt der Pilgergottesdienst in der Dorfkirche. Dann pilgern wir gegen 10.30 Uhr gemeinsam zur Schilfdachkapelle. Und bei uns geht es auf dem Vorplatz der Kapelle um 11 Uhr weiter. Herzliche Einladung!

Mi 2.9.20, 11:49: Nein, ich würde niemals behaupten, dass meine Bilanz als Verkehrsteilnehmer ohne Fehl und Tadel wäre. „Göttlich geparkt, Herr Pfarrer“, ruft mir eine Frau auf dem Fahrrad neulich zu, die ich flüchtig vom Sehen kenne. Die Ironie ist nicht zu überhören: „Einfach göttlich.“ Und wie stehe ich da? Nun, erst einmal mit einem Würstchen in der linken und einer Schrippe in der rechten Hand. Ich hatte Hunger, ich war spät dran, vor dem Bäcker war ein Parkplatz – gut, er war im Halteverbot. Und nun fühle ich mich auf frischer Tat ertappt. Da kann mich auch kaum trösten, als ich später in der Zeitung lese, dass 40 Prozent des Straßenverkehrs auf die Parkplatzsuche entfallen. Oder anders gesagt: Die Hälfte des Autoverkehrs findet nur statt, um ihn zu beenden. Verrückt. Warum fahren wir überhaupt erst los? Darüber kann ich in aller Ruhe nachdenken, als ich gestern in Pferdekutschentempo am Klausener Platz herumkurve. Auf Parkplatzsuche. Ah, dort hinten vielleicht? Im Halteverbo…. – nein, diesmal nicht, sage ich mir. Hat das heute was mit der Bibel zu tun? Eigentlich nicht. Oder, doch, als ein dicker Benz in dem Moment aus einer Lücke fährt, als ich vorbei komme, seufze ich erleichtert: „Wer suchet, der findet“ (Mt 7,8).

Mo 31.8.20, 12:01: Es hat lange gedauert, sehr lange. Umso mehr freue ich mich, dass Pfarrer Friedrich Klein von unserer Landeskirche Ekbo rehabilitiert worden ist. Er war von 1935 bis 1943 an der Immanuelkirche in Prenzlauer Berg im Dienst. 1942 wurde er vom Reichskriegsgericht auf Grundlage des so genannten Homosexuellen-Paragraphen 175 zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Angeblich wegen "Verführung eines Mannes unter 21 Jahren zur Unzucht“. Dem staatlichen Urteil folgte das damalige Konsistorium der Mark Brandenburg und entzog ihm seine geistlichen Rechte sowie alle Bezüge. Anders ausgedrückt: Er wurde aufgrund seiner sexuellen Orientierung rausgeschmissen. Der ehemalige Pfarrer kam ins Gefängnis nach Torgau. Später auf „Bewährung im Fronteinsatz" an die Ostfront. Dort verliert sich seine Spur. Im Gedenkbuch einer Kriegsgräberstätte, die sich in der Nähe von St. Petersburg befindet, ist er verzeichnet als „vermisst seit 1. August 1944“. – Der „Homosexuellen-Paragraf“ wurde 1994 in der Bundesrepublik endgültig abgeschafft. Im Jahr 2002 hat der Bundestag alle entsprechenden NS-Unrechtsurteile annulliert. Und nun hat – endlich – auch die Kirche nachgezogen und das Unrechtsurteil von damals aufgehoben. Vor diesem Hintergrund wird unser Landesbischof Christian Stäblein morgen in der Immanuel-Kirchengemeinde an Pfarrer Friedrich Klein erinnern. Gefeiert wird ein Gedenkgottesdienst.

So 30.8.20, 13:09: Heute im Gottesdienst ging es um das süße Nichtstun. Um Muße und Faulenzen. Und um die Frage: „Was will ich nicht tun?“ Hier ein Gedanke aus der Predigt von heute: „Die Jünger von Jesus hatten viel zu tun. So viel, so berichtet es Markus, der Evangelist, dass sie nicht einmal genug Zeit hatten zu essen und zu trinken. Es ist eins meiner Lieblingskapitel aus der Bibel. Vielleicht, weil Jesus sich hier einen menschlichen Blick bewahrt hat, mit dem er auf seine Helfer schaut. Und sieht, was alle um ihm herum leisten, wie sie sich Mühe geben, wie sie sich einsetzen und abhetzen. Und er sieht, dass das nicht gesund ist. ‚Geht ihr allein an eine einsame Stätte und ruht ein wenig‘, sagt er deshalb (Markus 6,31). Jesus verdonnert sie zum Nichtstun an einer einsamen Stätte. Und er weiß schon, was passiert, wenn wir die Geschäftigkeit des Alltags ablegen. Er hat das selbst erlebt, damals, in der Wüste, wenn Gedanken, Gefühle und Wünsche zum Vorschein kommen, die sonst im Hinterhof unserer Seele versteckt sind. Drei von vier Evangelien berichten von den Versuchungen, denen Jesus ausgesetzt war. Und wie wichtig es ist, sich ihnen zu stellen.“

Fr 28.8.20, 13:21: Beethoven hatte keine Eile, er hatte Zeit. Oder er nahm sie sich. Jedenfalls kann man immer wieder lesen, dass Beethoven erst beim Spazieren auf so manche Idee für seine Kompositionen gekommen ist. Und von Newton weiß man sowieso, dass der seine besten Gedanken beim Träumen unterm Apfelbaum hatte. Also eigentlich seltsam, dass der Müßiggang heute einen eher schlechten Ruf hat. Oder warum löst schon bei manchem das Lesen eines Buches ein schlechtes Gewissen aus? Und wie wäre es, einfach mal nur da zu sitzen und aus dem Fenster zu schauen? Nein, völlig undenkbar: „Oh, mein Gott, ich bin faul, was soll bloß aus mir werden?“ Vielleicht liegt es an Redensarten wie diesen: Ohne Fleiß kein Preis. Oder: Wer rastet, der rostet. Wie dem auch sei, es stellt sich die Frage: Was tun? Und da hätte ich so eine Idee: Einfach am Sonntag in den Gottesdienst kommen. Denn da wird es im Wesentlichen ums süße Nichtstun gehen, ums Dolcefarniente. Darum, wie wichtig es ist, auch mal alle fünfe gerade und den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen. Wir übertragen den Gottesdienst wie gewohnt nach draußen. Herzliche Einladung also zur Feier des gemeinsamen Nichtstuns ab 11 Uhr.

Do 27.8.20, 12:30: Die Sanierung von Gebäuden war schon im Alten Testament ein Problem. Woher soll es bloß kommen, das liebe Geld, überlegte bereits der Priester Jojada zur Zeit des Königs Joahas. Und hatte eine Idee: Er nahm eine Holzkiste, stellte sie gleich rechts neben den Altar im Tempel und "bohrte oben ein Loch hinein" (2 Kön 12,9). Die Besucher gaben dann immer etwas Geld, womit "Zimmerleute und Bauleute" bezahlt werden konnten. Die Geburtsstunde der Spendenbox. – Nun, manches ändert sich, anderes nicht. Auch wir mussten unser Gebäude sanieren. Mindestens 75.000 Euro würde es kosten, hieß es erst, den Wasserschaden im Gemeindehaus zu beheben. Am Ende konnten wir die Baukosten auf unter 13.000 Euro drücken. Aber dafür war in den vergangenen Monaten das große Engagement vieler Beteiligter nötig. Deshalb hier noch einmal: Vielen Dank! Allerdings: Als Gemeinde erhalten wir aus Kirchensteuern jährlich rund 8.000 Euro für Baumaßnahmen, wovon wir alles bezahlen müssen, was in Kapelle und Gemeindehaus so anfällt. Und wie wir es drehen und wenden – es bleibt eine Lücke. Trotz der Spenden und Kollekten, die wir bereits gesammelt haben. Deshalb erlaube ich mir heute ausnahmsweise, um weitere Unterstützung zu bitten. Wem es möglich ist: Jeder Betrag ist willkommen. Ganz herzlichen Dank!

Mi 26.8.20, 10:19: Am Wochenende, als es so schön heiß war, saß ich mit den Kindern unten an der Fähre. Jeder ein Eis in der Hand, auf einer Bank im Schatten, Blick aufs Wasser. Ach, herrlich. – Da kommt die erste Wespe. Und gleich die zweite. Bald ist es ein halbes Dutzend schwarzgelber Plagegeister. „Die tun euch nichts, wenn ihr ihnen nichts tut“, sage ich, ganz der Wespenversteher. Aber warum müssen Wespen und Kinder, was das Eisessen angeht, den gleichen Geschmack haben? Als mein Sohn Hannes beinahe mit seinem Erdbeereis eine Wespe schleckt, bekomme ich einen Schreck. Nein, so geht das nicht. Also: Platzwechsel –  die Wespen folgen. Tempowechsel – die Wespen folgen. Ich werde nervös. Mein Handy fällt aus der Tasche. Ich greife danach, vermeintlich… Autsch! Wespenstich. „Tut’s weh?“, fragt meine Tochter. „Geht“, presse ich mit zusammengebissenen Zähnen heraus. Ich könnte brüllen. Wahrscheinlich so sehr wie die Hiwiter, Kanaaniter und Hetiter, als ihnen Gott die Wespen auf den Hals schickt – und sie die Flucht ergreifen (Ex 23,28). Wir auch. Die Kinder essen ihr Eis im Auto zu Ende. Ich reibe meine Hand, als meine Tochter vorsichtig etwas Spucke darauf reibt. „Das soll helfen“, tröstet sie mich. Und, tatsächlich, es tut gar nicht mehr so weh.

Mo 24.8.20, 11:13: Gestern Abend, Champions-League-Finale. Bayern gegen Paris, ich bin dabei. Aber, bitte, wer denkt sich nur so eine späte Anstoßzeit aus? Kinderfreundlich ist das nicht. Vaterfreundlich auch nicht, finde ich und unterdrücke ein erstes Gähnen, als die Fußballer noch durch den Spielertunnel laufen. Aber wenn ich mir Thomas Müller so anschaue, ahne ich, dass wir beide nun 90 anstrengende Minuten vor uns haben. Mit dem Unterschied, dass neben mir das geöffnete Weizen steht, während sich die Bayern ihren Henkelpott erst noch verdienen müssen. Anpfiff. Das Spiel plätschert vor sich hin. Und ich habe reichlich Zeit, eigenen Gedanken nachzuhängen. Spricht der Kommentator gerade vom Duell der Trainer? Ich überlege: Wie wäre Jesus als Trainer gewesen? Eine Mannschaft hatte er, Taktik auch: „Er rief die Zwölf zu sich und fing an, sie auszusenden je zwei und zwei“ (Mk 6,7). Fairness war wichtig: „Was ihr wollt, dass euch die Leute tun, das tut ihnen auch" (Mt 7,12). Und Teamgeist erst: „Wenn jemand will der Erste sein, der soll der Letzte sein" (Mk 9,35). Und bestimmt hat Hansi Flick zur Motivation gestern auch so was gesagt wie: „Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?" (Mk 4,40). – Glückwunsch an die Bayern!

So 23.8.20, 12:56: Heute im Gottesdienst ging es auch um die Frage nach den ersten Vorbildern im Leben. Ein Gedanke aus der Predigt von heute: „Wenn wir an den Anfang des Lebens zurückgehen, hat jeder Mensch das gleiche Vorbild vor Augen, im wortwörtlichen Sinne: das Bild der eigenen Mutter. Und, mit etwas Verzögerung, wenn es gut läuft, auch das Bild des Vaters. Vorbilder, an denen sich das Selbstbild des kleinen Menschen bilden kann. Vorbilder, von denen Kinder lernen, ob es die Welt gut mit ihnen meint – oder auch nicht. So wichtig sind diese ersten Vorbilder: Mutter und Vater. Und Eltern verlangen keine Heiligen. Sollten sie jedenfalls nicht. Machen sie auch nicht. Sondern blicken mit den Augen der Liebe auf ihre Kinder. Verzeihen Fehler. Von denen keine Mutter und kein Vater will, dass die Kinder sie machen. Und doch wissen alle Eltern, dass Kinder Fehler machen. Und schauen sie trotzdem mit den Augen der Liebe an. Es hat schon einen Grund, dass wir uns den Gott, an den wir glauben, als Vater vorstellen. Und als Mutter. Das steht schon bei Jesaja, dem Propheten, der Gott sagen lässt: ‚Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet’Jesaja 66,13).“

Fr 21.8.20, 14:24: Es ist Freitag – und damit der Tag, an dem ich langsam beginne, den Blick auf den Gottesdienst am Sonntag zu richten. Also nehme ich mir trotz der Hitze die Bibel aus dem Regal und fange an zu lesen. Von Kain, der seinen Bruder Abel erschlägt – und was macht Gott? Sorgt dafür, dass dem Brudermörder kein Haar gekrümmt wird. Seltsame Geschichte. Ich lese weiter von Jakob, diesem Muttersöhnchen vor dem Herrn, der seinen Vater hinters Licht führt und seinen Zwillingsbruder ums Erbe bringt – und was macht Gott? Gibt ihm den Namen Israel und legt Segen auf ihn und alle Nachkommen. Auch seltsam. Und dann sind da noch Mose, der stammelnde und stotternde Befreier seines Volkes. Und David, der glorreiche König, der den Ehemann seiner Geliebten Bathseba umbringen lässt. Und ich denke: Gibt’s denn da im Alten Testament überhaupt keinen Helden, der ohne Fehl und Tadel ist? –  Nein. Was ist denn da bloß los mit den alten Vorbildern aus der biblischen Tradition? Oder anders gefragt: Was macht ein Vorbild eigentlich zum Vorbild? Damals wie heute? Wie gut, dass ich noch bis Sonntag habe, um eine Antwort zu finden. Herzliche Einladung zum nächsten Sommergottesdienst. Wir übertragen wieder nach draußen.

Do 20.8.20, 13:36: Ach, der Sommer ist schön. Und er könnte noch schöner sein, wenn da nicht dieses Kratzen, Beißen, Stechen wäre. Ich meine natürlich die Mücken. Gestern, kurz vorm Einschlafen, macht es: „Bsssssst.“ Nein, bitte nicht, denke ich. Ich schalte die Nachttischlampe an, greife nach der Zeitung. Warte. „Bsssst.“ Hole aus, schlage zu – Autsch. Nicht getroffen. Kurz darauf: „Bsssst.“ Mit Schwung zugeschlagen, wieder daneben. Das gibt’s doch nicht. Entnervt schalte ich irgendwann das Licht aus, bin aber hellwach. Und nicht nur ich. „Papa?“, fragt eine müde Stimme aus dem Dunkeln. Mein Sohn. Und von der anderen Seite: „Was ist denn hier los?“ Meine Tochter. Ich seufze und denke an Holofernes, den Heerführer des Königs Nebukadnezar. Der hatte sich zu biblischen Zeiten ein Mückennetz aus Purpur und Goldfäden anfertigen lassen (Jdt 10,21). Mir dagegen hätte gestern schon eins aus dem Baumarkt gereicht. Und es wundert mich, dass Mücken in der Bibel kaum erwähnt werden. Nur als eine von den sieben Plagen tauchen sie als „Stechfliegen“ auf, diese Plagegeister (Ex 8). Übrigens: Auf Altgriechisch heißt Mücke „Anopheles“, übersetzt „nutzlos“ und „beschwerlich“. Da haben sie mal was Richtiges gesagt, diese Altgriechen, denke ich und bin nun wirklich am Einschlafen. Oder was ist das?… „Bssssst.“

Di 18.8.20, 12:26: Darf ich vorstellen, hier auf dem Foto, das sind Undine und Winfried Rösler. Sie wohnen auf der anderen Seite des Wäldchens, in Hörweite unserer Glocke. Und sind, wenn ich das so sagen darf, ein bezauberndes Ehepaar. Verheiratet seit 50 Jahren. Zusammen durch dick und dünn gegangen. Und immer noch glücklich verliebt. Vorbilder. Gestern haben wir in der Schilfdachkapelle einen Gottesdienst zum goldenen Ehejubiläum gefeiert. Einen auch für mich besonderen Gottesdienst, denn gestern durften die beiden erstmals in der Kirche zueinander Ja sagen. Damals, 1970, haben sie keinen kirchlichen Segen bekommen. Sie, die geschiedene Mutter von drei Kindern, und er, römisch-katholisch, durften „nur“ standesamtlich heiraten. Und es macht mich zugleich traurig und wütend, wenn ich wieder einmal erlebe, wie sehr Wunden manchmal schmerzen, die wir als Kirche Menschen zufügen. Dabei möchte ich in Abwandlung des Jesuswortes sagen: Die Kirche ist doch für die Menschen da, nicht die Menschen für die Kirche. Es war daher ein besonders emotionaler Moment, als ich gestern den Spruch vorgelesen haben, den sich die beiden nach 50 Jahren Ehe zu ihrer Trauung ausgesucht haben: „Die Liebe erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles. Die Liebe höret nimmer auf.“ (1 Kor 13,7-8).

Mo 17.8.20, 10:15: Gestern nach dem Gottesdienst bin ich durch das Wäldchen hinter der Kapelle nach Hause gelaufen. Und schmerzlich ist mir bewusst geworden, dass ich mich noch an Zeiten erinnern kann, die unwiderruflich vergangen sind. Ich will das erklären. Früher hießen Schäferhunde selbstverständlich noch Hasso oder Rex, Dackel wurden Waldi genannt und der struppige Mischling unserer Nachbarin hieß Struppi. Ach so, und der schwarze Kater meiner Großeltern? Richtig, Mohrle. Gut, das ist politisch nicht mehr korrekt, zugegeben. Aber gewundert habe ich mich, als es gestern weithin hörbar durch das Wäldchen schallte: „Otto, nu abba ma Schluss!“ Ich dachte an einen renitenten Fünfjährigen oder so. Doch kurz darauf bog ein ausgewachsener Dobermann um die Eichen. Aug in Aug standen wir uns gegenüber. „Otto, bist ein Braver“, versuchte ich ihn mit zittriger Stimme zu beruhigen. Glücklicherweise tobte Otto kurz darauf weiter. Und mir fiel ein, dass ich gerade erst gelesen hatte, dass Hundenamen immer menschenähnlicher werden. Seltsam? Ach iwo, immerhin sind Mensch und Tier, beide, Geschöpfe Gottes. Und schon der Schöpfungsbericht gibt dem Menschen das Recht, Tieren Namen zu geben. Das hat auch Martin Luther gemacht. Der hatte einen kleinen Spitz, den er über alles liebte. Er hieß: „Tölpel.“ Allen einen sonnigen Start Wochenstart!

So 16.8.20, 12:52: Ein Wochenende mit vielen Gottesdiensten geht so langsam zu Ende. Schon am Freitagabend waren die Schulanfänger bei uns zu Gast. Unbeschwert und fröhlich war das, vielen Dank an Cindy und Martin Pohl für das schöne Foto. – Unbeschwertheit, das ist zumindest auch ein lohnendes Fernziel im jüdisch-christlichen Dialog, um den es heute im Gottesdienst ging. Hier ein Gedanke aus der Predigt: „Als Christen berufen wir uns seit 2000 Jahren auf Jesus Christus. Aber auch die jüdische Theologie beschäftigt sich seit beinahe ebenso langer Zeit mit der Deutung dieses jüdischen Wanderpredigers aus Galiläa, der die Menschen damals so fasziniert hat. Und die jüdischen Theologen versuchen zu verstehen, wer da und warum da einer aus ihrer Mitte gekommen ist und am Ende eine neue Religion begründet hat… Ich merke, wie es mich berührt, von einem wie Schalom Ben-Chorin zu hören, der Jesus zu seinem ‚Bruder’ erklärt hat und der Jesus als Rabbi bis heute einen Platz zuweist ‚an der Seite jener, welche die Revolution des Herzens in Israel vollziehen‘“.

Fr 14.8.20, 12:42: Ich schaue gerade mit bangem Blick aus dem Bürofenster des Gemeindehauses und hoffe, dass sich das Wetter hält. Heute Abend wollen wir um 18 Uhr den Gottesdienst zur Einschulung auf dem Vorplatz der Kapelle feiern. – Zugleich richtet sich mein Blick aber auch schon auf Sonntag, diesem besonderen Sonntag im Kirchenjahr, dem „Israelsonntag“. Der Sonntag jedenfalls, bei dem das Verhältnis von Juden und Christen zur Sprache kommen soll. Und ich möchte das einmal aus der Perspektive von Familienbeziehungen angehen. „Da kenne ich keine Verwandten“, ist doch so ein Sprichwort gewordener Satz, der meist bedeutet, dass einem alle Mittel recht sind. Mit diesem Satz im Hinterkopf blättere ich bis zum Gottesdienst noch ein paar „Verwandtenbücher“ durch: Darunter ein aktuelles der Präsidentennichte Mary L. Trump („Wie meine Familie den gefährlichsten Mann der Welt erschuf“) und ein weniger aktuelles von Lothar Vosseler, dem Bruder von Ex-Kanzler Gerhard Schröder („Der Kanzler, leider mein Bruder, und ich“). Aber auf alle Fälle in die Predigt hinein schafft es ein neues Buch, das wie kein zweites zum „Israelsonntag“ passt. Es ist von Walter Homolka, deutscher Rabbi, Uni-Professor. Der Buchtitel: „Der Jude Jesus – Eine Heimholung.“ Herzliche Einladung für Sonntag, wir übertragen den Gottesdienst wieder nach draußen.

Do 13.8.20, 11:13: Ich habe mich in dieser Woche mehrmals dabei ertappt, wie ich meiner Tochter nach dem Verabschieden noch gedankenverloren hinterher geschaut habe. Es mag schon sein, dass Loslassen weniger Kraft kostet als Festhalten – aber manchmal ist es trotzdem so viel schwerer. Am Ende der Woche kommt sie in die Schule. Und seit ein paar Tagen geht meine Tochter in Vorbereitung darauf in den Schulhort. Für alle Schulanfänger (und ihre Eltern) beginnt nun etwas Neues und Aufregendes. Das ist wohl jedes Jahr so. Doch in diesem Corona-Jahr kommt noch eine große Unsicherheit hinzu: Was wird kommen, was wird passieren in den nächsten Wochen und Monaten? Keiner weiß es. Pfr. Nicolas Budde und ich haben uns deshalb vorgenommen, den Gottesdienst zur Einschulung diesmal so leicht und feierlich wie möglich zu machen. Der Gottesdienst für Erstklässler und ihre Familien findet morgen um 18 Uhr auf dem Vorplatz der Schilfdachkapelle statt. Draußen fällt es uns leichter, Abstand zu wahren. Vor der Kapelle, im Freien, unter den mächtigen Eichen auf dem Vorplatz, wird es darum gehen, dass wir trotz aller Unsicherheiten behütet und beschirmt, geschützt und gesegnet durchs Leben gehen dürfen. Ich freue mich auf morgen!

Mi 12.8.20, 14:08: Wer in die Bibel schaut, kann dort reichlich Geschichten übers Altwerden lesen. Immerhin wurde gleich der erste Mensch der Weltgeschichte, Adam, 960 Jahre alt. Das ist nicht schlecht. Und eigentlich nur noch übertroffen von Methusalem, 969 Jahre. Vielleicht habe ich, derart angeregt, irgendwann begonnen, eine Liste mit Hinweisen zur Lebensführung anzulegen, gesammelt aus Gesprächen an Seniorennachmittagen. Hier eine Auswahl: Viel Rotwein. Kein Alkohol. Viel Knoblauch. Viel häkeln. Kein Sport. Tägliche Gymnastik. Früh aufstehen. Morgens ausschlafen. Wenig arbeiten. Immer arbeiten. Hm, ich werde wohl einfach alles ausprobieren. Und irgendwas wird schon helfen. Wobei mir neben der Gesundheit fast am wichtigsten erscheint, auch im Alter noch so voller Erwartung zu bleiben wie Hannah und Simeon. Prophetin die eine, Gottesfürchtiger der andere. Beide leben am Tempel von Jerusalem, um Gott nahe zu sein. Sie werden darüber alt und grau, bewahren sich aber eine große Lust aufs Leben. Das finde ich bewundernswert. Vorbilder bis heute. Und gewissermaßen als Zugabe offenbart sich ihnen Gott am Ende tatsächlich – in dem kleinen Baby von Maria und Josef aus Nazareth. Als Simeon den acht Tage alten Jesus sieht, jubelt er: „Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen“ (Lk 2,29).

Di 11.8.20, 10:43: Was bin ich froh, dass wir in unserer Gemeinde einen Förderkreis haben. Das merke ich immer wieder. Zum Beispiel, wenn wir im Gemeindekirchenrat überlegen, wie etwas finanziert werden kann, was im Haushalt nicht vorgesehen ist. Früher oder später hat dann immer einer die Idee: „Fragen wir doch den Förderkreis.“ Und oft genug ist dann doch noch manches möglich. Der Förderkreis hat zwar vor allem den Zweck, bauliche Maßnahmen unserer historisch einmaligen Schilfdachkapelle zu unterstützen – aber eben auch gemeindliche Aufgaben. Und so wäre ohne Förderkreis im Frühjahr etwa die Anschaffung der neuen  Lautsprecheranlage nicht möglich gewesen, mit der wir die Gottesdienste nach draußen übertragen. Und nun hat der Förderkreis auch die Kosten für ein weiteres Projekt übernommen. Keine große Sache, aber eine schöne: 360-Grad-Aufnahmen der Schilfdachkapelle. Im Internet ist nun ein virtueller Rundgang freigeschaltet – von den Emmausjüngern draußen bis zur Orgel auf der Empore der Schilfdachkapelle. Und ich muss sagen: Die Aufnahmen lohnen sich. Deshalb auch in dieser Gruppe einmal einen ganz herzlichen Dank an die vielen engagierten Förderkreis-Mitglieder. Vor allem an den Vorsitzenden Christoph Oeters, der die organisatorische und inhaltliche Umsetzung der 360-Grad-Aufnahmen koordiniert hat! Ach so, übrigens: Der Förderkreis freut sich über jedes neue Mitglied

Und hier ist der Link zum Rundgang.

So 9.8.20, 13:30: Heute im Gottesdienst ging es um eine mögliche Deutung dieses Corona-Jahres. Um die Mehrdeutigkeit, in der wir leben, weil die Krise alles andere als eindeutig ist. „Und darum, was wir alle in diesem Jahr erfahren haben: Wie zerbrechlich alles ist. Unser Alltag. Unsere Pläne. Das ganze Leben. Und wenn ich das sage, rede ich auch über Gott. Denn das ist gemeint, wenn wir vom Handeln Gottes sprechen. Dass wir uns und unser Leben nicht selber in der Hand haben. Das ist gemeint, wenn wir ‚Gott' sagen. Dafür steht der Begriff: Gott. Dass wir in unserem Leben einen Mitspieler erfahren, dem wir vertrauen, dass er das Gute für uns will. Und dass wir in unserem Leben manchmal auch einen Gegenspieler erfahren, der all unsere schönen Pläne durchkreuzt. Nicht nach unserem, sondern nach seinem Willen handelt. Und manchmal können wir hinterher sagen: Ja, es war gut, wie alles gekommen ist, auch wenn ich das am Anfang nicht wusste. Und manchmal können wir das ... auch nicht sagen. Auch das ist Gott. Auch wenn es schwer fällt.“ Ein Gedanke aus der Predigt von heute.

Fr 7.8.20, 12:37: Wenn ein Virus die ganze Welt auf den Kopf stellt, müsste doch eigentlich die große Stunde der Kirche schlagen. Könnte man denken, oder? Ist aber nicht so. „Sagen Sie als Pfarrer doch mal, warum die Kirchen so stumm geblieben sind“, war für mich – etwas überraschend – eine Frage, die mich durch den Urlaub begleitet hat. Und eine Antwort darauf ist gar nicht so leicht. Zumal ich den Sommer eigentlich gemütlich im gebuchten Ferienhaus in Schweden verbringen wollte. Und nicht mit theologischen Fachdiskussionen. Aber dann sind wir nicht nach Schweden, sondern nach Köln gefahren. Familie besuchen. Auch schön. Und da war sie immer wieder, die Frage nach der Rede von Gott in Zeiten von Corona. Und es stimmt: Wir können doch nicht immer von Gott als Schöpfer aller Dinge reden und gleichzeitig behaupten, dass er nichts mit Corona zu tun habe. Darum soll es am Sonntag in einem sommerlichen Gottesdienst in der Schilfdachkapelle gehen. In der Predigt geht es um Kölner Patentanten und Schwägerinnen – und um eine Nonne, die zwar nicht sterben will, aber bereit ist, auch dahin zu gehen, wo es weh tut. Herzliche Einladung zum Gottesdienst, den wir nach draußen übertragen. Ich freue mich auf den ersten Gottesdienst nach dem Urlaub.

Do 6.8.20, 10:01: Für mich kommt der Sound des Sommers, wenn ich das so sagen darf, von Khruangbin. Wie bitte…? Nein, ich bin nicht auf der Tastatur ausgerutscht. Die heißen wirklich so. Khruangbin habe ich vor ein paar Wochen zufällig im Radio entdeckt. Und bin immer noch begeistert von dieser Mischung aus – Achtung, jetzt kommt’s: jamaikanischem Dub, Thai-Funk und Wüstenrock. Klingt gewöhnungsbedürftig? Ist es nicht. Bei mir läuft Khruangbin zurzeit rauf und runter. Also, schön wärs. Nach etlichen Stunden „Bibi und Tina“ und „Feuerwehrmann Sam“ war ich auf der Autobahn im Urlaub auch mal an der Reihe.„Papa, was heißt Teksas San?“, fragt mich meine sechsjährige Tochter skeptisch. Sie meint „Texas Sun“, meinen Lieblingssong. Und ich fange an zu erklären, irgendwas von Sehnsucht und Reisen… Dabei können das Khruangbin viel besser: „You say you like the wind blowing through your hair/ Come on, roll with me 'til the sun goes down.“ Wenn ich Khruangbin höre, bekomme ich eine Ahnung, was es bedeutet, wenn Gott unsere Füße auf weiten Raum stellt (Ps 31,9). Und von der Freiheit, die dort spürbar wird, wo der Geist Gottes zu Hause ist (2. Kor 3,17). Und für die Länge eines Popsongs ist die Welt in Ordnung.

Di 4.8.20, 9:51: Jeder Urlaub geht einmal zu Ende. Aber manche Erinnerung, die bleibt. Für mich ist es in diesem Jahr eine Straßenszene aus Köln, die wir als Familie erlebt haben. Dort, vor dem Dom, unter den Zwillingstürmen am Petrusbrunnen, war ein Straßenkünstler unterwegs. Einer, der sich vorgenommen hatte, den Kindern eine Freude zu machen. Ach, was sage ich, nicht nur den Kindern. Allen. Denn er machte Seifenblasen – kleine und große, unterschiedliche Formen und auch mal ganz viele. Und die Kinder rannten und sprangen, lachend und singend. Und die Jugendlichen, eigentlich längst zu alt für so was wie Seifenblasen, wurden noch einmal zu Kindern und waren mittendrin dabei. Und die Eltern und Erwachsenen standen drum herum und freuten sich. Über kleine Momente des Glücks. Unerwartet, plötzlich. Und dann war er endlich auch für mich da, ein   Augenblick der Unbeschwertheit, eine Ahnung der  Leichtigkeit, all das, was mir in diesem Corona-Sommer sonst so schwer fällt. Alles war auf einmal da, so leicht und unbeschwert wie eine Seifenblase. Und ich nehme mir so fest vor, mich in den Wochen und Monaten, die vor uns liegen, immer wieder an die Seifenblasen von Köln zu erinnern. „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat“ (Ps 103,2).

Mo 3.8.20, 11:32: Wir sind wieder da. Zurück aus dem Urlaub. „Die Ruhe ist vorbei“, sage ich lachend zu unserer Nachbarin und hole die letzten Koffer aus dem Auto. „Ja“, sagt sie, „das haben wir schon gehört.“ Unsere Nachbarin ist eine freundliche Frau. Und noch während sie spricht, höre ich, wie sich Hannes und Mattis, unsere beiden Vierjährigen, streiten. Lautstark. Der eine haut, der andere kratzt, beide brüllen. Unterdessen galoppiert unsere Tochter Mina wiehernd ums Haus. Sie ist dabei lauter als jedes Pferd. Meine Frau ist im Keller, um die erste Wäsche anzumachen. Aber sie kann mit Sicherheit alles hören. Und ich stehe vor unserer Nachbarin und hebe in einer hilflosen Geste die Arme. Der Maßstab für das Zusammenleben, meint der Apostel Paulus in seinem Römerbrief, soll immer der Blick für den anderen sein, für den „Schwachen“, wie er schreibt (Röm 14). Wichtig sei, den Mitmenschen allezeit im Blick zu behalten und den Frieden zu wahren. Unsere Nachbarn müssen eine große Liebe für den Frieden haben. Später steht Hannes mit einem Blumenstrauß vor der Haustür der Nachbarin. Selbst gepflückt – und zwar aus ihrem Vorgarten. Und sie? Blickt tapfer auf die abgeknickten Halme und nimmt Hannes in den Arm. Ja, wir sind wieder da.

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