Ev. Kirchengemeinde Am Groß-Glienicker See

Blog: Unterm Schilfdach

An dieser Stelle schreibt Pfr. Alexander Remler regelmäßig über das Gemeindeleben der Schilfdachkapelle. 

 

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Fr 27.1.23, 8:11: Dieses eine Foto begleitet mich schon lange. Es geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Es ist eine alte Aufnahme aus dem Jahr 1931. Der Blick aus dem Wohnzimmerfenster von Akiba Posner, dem Rabbiner von Kiel. Im Vordergrund der neunarmige Chanukkah-Leuchter. Im Hintergrund die Hakenkreuzfahne auf der anderen Straßenseite. Hoffnung und Verzweiflung. Und die Botschaft von Rahel Posner, der Frau des Rabbiners, notiert auf der Rückseite des Fotos: „‚Juda verrecke‘, die Fahne spricht, ‚Juda lebt ewig‘, erwidert das Licht.“ Das Licht gewinnt. Diese Botschaft geht durch alle Zeiten. Heute ist der Internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust. Und deshalb werden wir am Sonntag im Gottesdienst in der Schilfdachkapelle auch Worte aus einem Gedicht von Jewgenij Jewtuschenko hören, der an das Massaker an den Juden von Kiew in Babij Jar erinnert. Michael Hoeldke spielt dazu auf der Orgel. Was lassen wir an uns ran – und was nicht? Zwischen „Dünnhäutigkeit“ und „dickem Fell“, darum soll es in der Predigt gehen. Ein Gottesdienst zwischen Erinnern und Aktualität. Und dazu Erich Kästner: „Die Erinn’rung ist eine mysteriöse Macht und bildet die Menschen um. Wer das, was schön war, vergisst, wird böse. Wer das, was schlimm war, vergisst, wird dumm.“

Mo 16.1.23, 8:38: Damit war vorher nicht unbedingt zu rechnen. Spontaner Applaus in der Schilfdachkapelle. Was war passiert? Christian Meyn hatte als Lektor die Gottesdienstbesucher darüber informiert, dass die beiden Kladower Gemeinden in der vorigen Woche beschlossen haben, sich zu einer gemeinsamen Gemeinde zusammen zu schließen. „Wir haben gerade eben eine Predigt über Mut und Zuversicht gehört“, begann er. „Vorige Woche wurde eine Entscheidung mit Mut und Zuversicht getroffen.“ Dann berichtete er von der ersten gemeinsamen Sitzung der beiden Gemeindekirchenräte unter der Leitung von Inge Kronfeldt und Thomas Dittmer. Davon, dass es während der Sitzung noch eine kurze Aussprache zum Thema gab. Und dass danach abgestimmt wurde. Die Entscheidung fiel bei beiden Gemeindeleitungen in voneinander getrennten Abstimmungen einstimmig aus. Ab 1. Januar 2024 wird es nur noch eine Kirchengemeinde in Kladow geben. Den Zusammenschluss begleiten soll eine vertragliche Vereinbarung, in der auch zukünftig zwei Standorte und zwei Pfarrstellen mit Gottesdiensten in beiden Kirchen festgehalten werden. „Wer noch mehr Informationen benötigt, der Gemeindekirchenrat und unser Pfarrer geben gerne Auskunft.“ Ein Angebot, das nach dem Gottesdienst bei Kaffee, Tee und Keksen von vielen Menschen gerne angenommen wurde. Und auch hier viel Zustimmung und Ermutigung. Danke für die Unterstützung, evangelisches Gemeindeleben in Kladow zukunftssicher zu machen!

Fr 13.1.23, 8:26: Seit Tagen erreichen uns aus Lützerath im rheinischen Kohlerevier Bilder einer Dystopie. Von Aktivisten, die sich an Hindernisse ketten. Von Polizisten in Kampfausrüstung, die mit Schmerzgriffen ein Dorf räumen. Und im Hintergrund der gefräßige Kohlebagger aus dem Jahr 1961 – der wie ein Relikt aus dem fossilen Zeitalters wirkt. Der Fotograf Marius Michusch hat die Bilder aufgenommen, denen man sich kaum entziehen kann. Sie haben eine Sogwirkung. Sie sind bedrohlich. Sie machen Angst. Wachrüttelnder Alarmismus? „Ich will nicht eure Hoffnung, ich will, dass ihr in Panik verfallt“, hat Greta Thunberg 2019 in Davos gesagt. Aber ich will überhaupt keine Panik. Ich will Hoffnung, Zuversicht und Optimismus, ohne naiv zu sein. Denn die leer stehenden Häuser von Lützerath sind nicht halb so wichtig wie eine Jugend, die auch weiterhin der Demokratie vertrauen kann und nicht erleben muss, wie die Industrie ihre Interessen durchsetzt. „Woher kommt mir Hilfe?“, fragt der Psalmbeter in der Bibel. Und gibt sich die Antwort: „Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.“ Einen Gottesdienst, der stärken soll, wollen wir am Sonntag feiern. „Nur Mut“, lautet die Überschrift. Christian Deichstetter begleitet uns an der Orgel. Angelika Fiukowski freut sich im Kindergottesdienst auf die Kinder.

Mo 9.1.23, 8:12: Der Gottesdienst am Sonntagvormittag wird für mich immer mehr zum Ort, an dem sich das Leben der Gemeinde spiegelt. Liebe und Glück haben hier ihren Raum, aber auch Sorgen und Ängste. Und manchmal kommt alles zusammen. So wie gestern. Das war ein besonderes Erlebnis, als Angelika, die Mutter unserer Konfirmandin Finia, vor die Gemeinde trat. Finia war gerade noch im Krippenspiel an Heiligabend der Weihnachtsengel gewesen. Am kommenden Samstag bricht sie nun zu einem Schüleraustausch nach Frankreich auf. Es geht nach Grenoble. „Bisher war ich nie länger als drei Nächte von Familie und Freunden getrennt“, sagt die 13-Jährige. „Nun sind es gleich drei Monate.“ Was die Eltern an Gedanken haben, lässt sich unschwer erraten. Und wahrscheinlich war es deshalb so berührend, die Mutter zu hören. „Lieber Gott, wir bitten dich, begleite Finia“, begann sie ihr Gebet für die Tochter. „Wir wünschen ihr, dass sie nie allein ist, wenn sie es nicht sein möchte, und keine Sorgen, Zweifel oder Probleme haben wird – und wenn doch, dass sie immer eine Lösung finden wird.“ Dann haben wir Finia einen Reisesegen gegeben. Alles Gute! Und ich freue mich, Finia zu Ostern wieder zu sehen – wenn sie um viele Erfahrungen reicher geworden ist.

Do 5.1.23, 8:11: Die Heiligen Drei Könige stehen vor Maria. Sie hält das schreiende Jesuskind im Arm. Aber anstatt sich über Weihrauch, Gold und Myrrhe zu freuen, fragt sie: „Habt ihr auch Fiebersaft?“ Als ich die Karikatur von Tim Oliver Feicke gesehen habe, musste ich lachen. Ein bitteres Lachen. Kurz vor Weihnachten stand ich in der Apotheke  und wollte Fiebersaft für Kinder kaufen. „Gibt es nicht.“ Ich dachte, ich hätte mich verhört. „Wie bitte?“ Fiebersaft vergriffen, Erzieher krank, Lehrerinnen auch: Der Dreiklang für Familien mit Kindern bedeutet am Anfang des neuen Jahres, wieder dauernd zu improvisieren. „Den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen“, heißt es in der biblischen Lesung am Sonntag. Wirklich nicht? „Auf Kante“, steht als Überschrift über dem Gottesdienst. Es soll darum gehen, wie unser Leben durch die unterschiedlichen Krisen derzeit auf Kante genäht ist. Immerhin gibt es bei uns am Wochenende mehrere Angebote für Kinder: Am Dreikönigstag feiern wir um 16 Uhr in der Dorfkirche eine ökumenische Familienandacht mit Austeilung der Haussegen. Und am Sonntag laden wir zum nächsten Kinderkino ein. Um 16 Uhr zeigen wir den Animationsfilm „Ab durch die Hecke“. Dort sagt Waschbär Richie zur Schildkröte: „Mein Freund, du bist ein Naturtalent, oder sollte ich lieber sagen, so wie die Natur dich erschaffen hat?“

So 25.12.22, 8:50: Weihnachten ist ein Fest, bei dem Gewohnheiten eine besondere Rolle spielen. Das war gestern auch nicht anders. Schon gar nicht bei den Krippenspielen am Nachmittag. Die Glocke läutete jeden Gottesdienst ein. Die Besucher erhoben sich. Wir haben gesungen: „Stille Nacht, heilige Nacht.“ Und schon war aus dem verregneten 24. Dezember ein Heiligabend geworden. Wie jedes Jahr. Das nächste Lied: „Alle Jahre wieder kommt das Christuskind auf die Erde nieder, wo wir Menschen sind.“ Eine neue Geschichte hatten wir nicht dabei: Leoni Rademacher und ich haben die alte Geschichte erzählt, wie Gott Mensch wird. Doch dann stand plötzlich ein Hirte auf dem Vorplatz der Schilfdachkapelle. Er schaute suchend umher. „Was der wohl sucht?“, fragten wir die Kinder unter den Besuchern. „Ein Klo“, rief ein Junge laut rein. Lacher in der Runde. „Er sucht die anderen Hirten, die schon im Stall sind“, schlug ein Mädchen vor. Am Ende war es eine Königin, die alle Besucher einlud, das Kind in der Krippe zu besuchen. Also gingen wir hinter ihr und den Weihnachtsengeln her und besuchten die heilige Familie. Das war stimmungsvoll. „Oh du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit!“ So war das gestern bei den Krippenspielen. Heute geht es um 11 Uhr mit einem  besinnlichen Gottesdienst am Ersten Feiertag weiter. Morgen gibt es das Weihnachtsliedersingen mit Katrin Buchholz. Frohe Weihnachten!

Di 20.12.22, 8:38: Eine Frage höre ich seit Tagen immer wieder. Von Kindern wie Erwachsenen: „Kommen die Schafe auch in diesem Jahr?“ Also: Kurzer Griff zum Telefon. Anruf bei Björn Hagge. Das ist unser freundlicher Schäfer. „Wenn ihr wollt, bringe ich euch die Schafe gerne wieder.“ Den Sommer haben die Tiere im Schlosspark Sanssouci verbracht. Ab Donnerstag sind sie wieder bei uns. Und dann kann es Weihnachten werden. Wobei unsere Kitakinder schon voriges Wochenende den Anfang gemacht haben. Sie haben ihr Krippenspiel für Eltern und Familien aufgeführt. Hinterher gab es eine Weihnachtsfeier vor der Schilfdachkapelle. Ach, gestern kam übrigens auch unser Weihnachtsbaum an. Er wird an der Stelle des Holzkreuzes stehen. Doch unser Kirchwart Valerij Janke und Küsterin Nadine Kleinicke sind erst einmal mit dem Schmücken der Kirche beschäftigt. Unterdessen proben die Jugendlichen weiter fleißig für das Krippenspiel. Das Technische Hilfswerk bringt Bänke und Lichter. Dann kann Heiligabend endlich kommen: Um 15 und 16 Uhr finden die Krippenspiele statt. Eine Anmeldung ist nicht nötig. Um 22 Uhr feiern wir die Christnacht. Am ersten Feiertag geht es mit einem Gottesdienst um 11 Uhr weiter. Zum Abschluss der Feiertage singen wir am 26. Dezember Weihnachtslieder. Und ich freue mich, wenn in allen festlichen Gottesdiensten angestimmt wird: „Stille Nacht, heilige Nacht.“

Mi 14.12.22, 8:58: Es war dunkel. Es war kalt. „Winterkalt“, wie einer später zu mir meinte. Der Schnee lag auf dem Vorplatz der Schilfdachkapelle. Aber zugleich war es irgendwie wohlig warm. Beinahe gemütlich. Und das lag an den Ständen und ihrem reichen Angebot. Heißer Dampf stieg über dem Großkocher auf, als Katrin Buchholz den Deckel anhob. Es lag am schwedischen Lussekatter und an den Suppen mit Würstchen. Aber es lag eben auch am Zusammensein im Advent. An dem Gefühl von Gemeinschaft im Dunklen. Erleuchtet vom Scheinwerfer des Technischen Hilfswerkes. Es lag auch an der Geschichte der Heiligen Lucia, wegen der wir uns versammelt hatten. „Tragt in die Welt nun ein Licht“, sangen die Kinder und Familien. „Sagt allen: ‚Fürchtet euch nicht.‘“ Dann trat sie aus dem Vorraum der Kapelle: Lucia, „die Leuchtende“, im strahlend weißen Gewand mit Kerzenkrone. Die Kinder hatten sie lautstark herbeigerufen und ließen sich nun ihre Prozessionskerzen anzünden. Gemeinsam ging es zu einer Runde durch den Wald. Das war schön. Und ich wollte während der Prozession eigentlich das Lucia-Lied „Natten går tunga fjät“ auswendig mitsingen können. Gut, das hat nicht geklappt. Aber nun habe ich wieder ein Jahr Zeit zum Lernen. Auf das nächste Lucia-Fest freue ich mich schon jetzt.

Mo 12.12.22, 8:27: Gestern nach dem Gottesdienst. „Wir sehen uns dann am Dienstag“, sage ich zu einem unserer Konfirmanden zum Abschied. Und er fragt zurück: „Was war Dienstag noch mal?“ Ich seufze. Nein, so richtig angekommen ist der Gedenktag der Heiligen Lucia in unserem Gemeindealltag noch nicht. Dabei war die Premiere im vorigen Jahr ein richtiges Highlight. Eine Veranstaltung für die ganze Familie. So soll es auch diesmal werden. Am 13. Dezember feiern wir um 17 Uhr vor der Schilfdachkapelle eine Andacht mit Lichterprozession – und bleiben danach noch etwas zusammen. Stände mit schwedischen Köstlichkeiten sind vorbereitet. Dazu gibt es Kinderpunsch, Suppen und Stockbrot. Peggy Trommer hat sich mit der "Kollektion Schilfdach“ angekündigt, Robert Gummi ist mit "Honig und Marmelade unterm Schilfdach“ dabei. Lucia schließt sich damit den anderen Lichtgestalten des Advents an: Von Nikolaus und Barbara bis zu Maria und Jesus. Allen  gemeinsam ist, dass ihr Licht stärker ist als die Dunkelheit. Und Lucia trägt das Licht sogar im Namen („die Leuchtende“). Spätestens bei dem Lucia-Lied „Natten går tunga fjät“ bin ich allerdings bei der Übersetzung raus. Aber für alles Schwedische haben wir Martin Pohl dabei, der mit seiner Frau Cindy den Anstoß für den Lucia-Tag gegeben hatte. Also dann: „Glad Lucia!“

 Fr 9.12.22, 8:33: Ich bin gestern in der Zeitung über eine seltsame Nachricht gestolpert. „Künstliche Intelligenz soll sich an Grundrechte halten“, stand dort. Und ich musste unwillkürlich an meinen alten Schulfreund Martin denken, der an einem Nachmittag vor vielen Jahren seinen brandneuen Atari ST gegen den Monitor schmiss und ihn anbrüllte: „DAS MACHST DU MIT MIR NICHT NOCH MAL!“ Ich gebe zu, dass auch mir vertraut ist, bei technischen Geräten manchmal an ein menschliches Gegenüber zu denken. Doch nun hat die digitale Welt wirklich einen Quantensprung hingelegt. Das Programm „Chat GPT“ soll Dialoge verstehen und Antworten geben können wie ein Mensch. „Nun werden alle ihre Arbeitsweise überdenken müssen“, hat Silicon-Valley-Vordenker Chris Anderson getwittert, „Autoren, Redakteure, Künstler.“ Hm. Und ich? Ich frage mich, ob mir dieses Programm vielleicht auch die Sonntagspredigt schreiben könnte? Nein. „Kein Herz und keine Seele“, ist der Dritte Advent bei uns überschrieben. Ich bin um 10 Uhr in der Dorfkirche Kladow. Um 11 Uhr bin ich wie gewohnt in der Schilfdachkapelle. Dort begleitet uns der Chor. Apropos: Ein musikalisches Highlight gibt es auch am Samstagabend. Unser ehemaliger Kirchenmusiker Andreas Nolda ist um 18 Uhr in der Schilfdachkapelle zu Gast. In seinem Orgelkonzert spielt er ein barockes Vorweihnachtsprogramm. Eintritt ist frei.

Di 6.12.22, 8:19: Gestern Mittag, vor dem Palais am See. Normalerweise legt hier montags nur die Fähre ab, die quer über den Wannsee fährt. Das Restaurant aber bleibt zu. Gestern nicht. Da fuhren zehn Taxis vor. In einer Kolonne kamen die Limousinen zum Stehen. Als Fahrgäste stiegen Bewohner der „Herberge zur Heimat“ aus, der Wohnungslosenunterkunft in Staaken. Gut gelaunt waren alle. Gut angezogen sowieso. Einer trug einen bunten Weihnachtspullover. Eine andere hatte knallrote Lederschuhe zur schwarzen Sonnenbrille an. Freundlich begrüßt wurden sie von Martina und Joachim Weiß, die in Kladow wieder Spenden gesammelt hatten, um eine Weihnachtsfeier für das Übergangswohnheim auszurichten. Karola und Siegfried Wärk hatten sie dabei unterstützt. Dann konnte es losgehen. Mit drei Gängen und Gänsekeule mit Rotkohl und Kartoffelklößen. Die Bezirksbürgermeisterin Carola Brückner sprach ein Grußwort. Bezirksstadtrat Frank Bewig überreichte ein Geschenk. Ich durfte ein Tischgebet und eine geistliche Einstimmung sprechen, während Karola Wärk die Weihnachtsgeschichte vorlas. Schön war das. Und noch schöner wurde es, als eine Bewohnerin zur Musik aus einem Kassettenrekorder zu singen begann, während andere um die Tische tanzten. „Wie schön, dass wir diese Weihnachtsfeier veranstaltet haben“, sagte ein nachdenklicher Siegfried Wärk. „Aber mich beschäftigt der Gedanke, was wir über diese jährliche Feier hinaus machen können.“

Mo 5.12.22, 8:24: „Ja, ist denn heute schon Weihnachten?“ – Das war gestern nicht nur eine gute Frage. Das war auch die häufigste Frage. Was wohl an unserem neuen liturgischen Kerzenständer gelegen haben muss, der so aussieht wie ein Weihnachtsbaum. Aber auch sonst gab es einen adventlichen Vorgeschmack auf Weihnachten. Der neu ins Amt eingeführte Gemeindekirchenrat bekam kleine Geschenke. Salome Manyak spielte zwei Bach-Stücke auf dem Cello für die Gottesdienstbesucher. Und hinterher gab es Barbarazweige mit Segensworten von Josef Guggenmos: „Und er wird blühen in seliger Pracht/ mitten im Winter in der heiligen Nacht.“ Vorfreude auf Weihnachten – bei den Kindern sowieso. Im „Kinderkino“ standen am Nachmittag Pettersson und Findus auf dem Programm – „Das schönste Weihnachten überhaupt“. Vielen Dank an Miriam Klein und Hildi Thüring für alle Vorbereitung. Im Gemeinderaum war ein Kuchenbüffet aufgebaut, dazu gab es Kaffee, Tee und Glühwein. Kurzum: Das war ein richtig schöner  Adventssonntag. Den ganzen Tag mit dabei waren unsere beiden Konfirmanden Liam und Tobi. „So sehen eure Sonntage bis zur Konfirmation jetzt also immer aus“, meinte ich irgendwann scherzhaft zu ihnen. „Kein Problem, hat Spaß gemacht heute“, war ihre Antwort. Ich habe lieber nicht überlegt, wie ernst gemeint das war. Aber in diesem Moment war auch für mich Weihnachten.

Fr 2.12.22, 8:35: Eigentlich ist es zum Lachen. Aber nur im ersten Moment. Dann ist es eher zum Heulen. Diese Sache mit Twitter und Elon Musk. Mit diesem Superreichen und seinem Spielzeug, das er mit Hochgeschwindigkeit gegen die Wand fährt. Soll er doch? Nein. Denn Twitter ist eine der wichtigsten Plattformen unserer demokratischen Öffentlichkeit. Mehr als 240 Millionen Menschen nutzen das Netzwerk täglich – und bringen Fernes ganz nahe. So geht mir das jedenfalls mit Tymofij Malowanow. Der Wirtschaftsprofessor aus Pittsburgh kam vier Tage vor Kriegsbeginn mit seiner Familie zurück nach Kiew – und blieb. Auf Twitter schildert er täglich seinen Alltag ohne Heizung und Strom. Und ich verstehe etwas mehr vom Leben im Kriegszustand. Das wird Predigtthema im Gottesdienst am Sonntag: „Das ist aber Eis heute“, ist der Zweiten Advent bei uns überschrieben. Es geht um den Winter im Allgemeinen und Tymofij Malowanow im Besonderen – aber auch darum, was gegen dunkle Gefühle in der kalten Jahreszeit hilft. Am Barbaratag verteilen wir Barbarazweige. Dazu führen wir den neuen Gemeindekirchenrat feierlich ins Amt ein. Und auf den Sonntagnachmittag freue ich mich auch. Dann findet, wie immer am ersten Sonntag im Monat, „Kinderkino in der Schilfdachkapelle“ statt. Auf dem Programm um 16 Uhr: „Pettersson und Findus: Das schönste Weihnachten überhaupt.“

Mo 28.11.22, 8:30: Schon seit Jahren begleitet mich durch die Adventszeit das schöne Gedicht „Umkehr“ von Ilse Kibgis. „Ich möchte für den Frieden auf Erden unfriedlich werden“, beginnt es. Und später: „Ich möchte, dass die Liebe in mir Mensch wird/ geboren in irgendeiner heiligen Nacht.“ Schön, dieses Adventsgedicht. Es beschreibt, wie Liebe eine Gestalt im Leben bekommt. Und wie Kinder in Heiligen Nächten geboren werden. Alle Jahre wieder. Wie passend war vor diesem Hintergrund, dass wir gestern im Familiengottesdienst Marie-Christin und Rico Hasse gesegnet haben. Sie hochschwanger, das war nicht zu übersehen. Im Oktober haben die beiden standesamtlich geheiratet. Nächstes Jahr wollen sie kirchlich heiraten. In Namibia, wo Rico her kommt. „Aber schon jetzt möchten wir um den Segen Gottes bitten“, haben sie im Vorgespräch gesagt. Also haben wir sie gestern gesegnet. Gemeinsam. Alle Kinder im Gottesdienst. Dazu auch die Jugendlichen, die zuvor als Josef, Heilige Königin und  Weihnachtsegel reichlich Applaus bekommen hatten. Stimmungsvoll war das. So wie auch schon der Samstagabend, die Lichterprozession, als wir singend durch die Kladower Straßen zum Groß Glienicker See gezogen sind, um dort Adventslieder von Ufer zu Ufer zu singen. „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit;/ es kommt der Herr der Herrlichkeit.“ Eine gesegnete Adventszeit!

Fr 25.11.22, 8:29: Bei uns im Gemeindehaus ist es gestern richtig adventlich geworden. Wir hatten Besuch von einer Heiligen Königin, in deren Gefolge auch ein leuchtender Weihnachtsengel und ein gewisser Josef aus Nazareth zu finden waren. Man könnte auch sagen: Gestern war Anziehprobe für die selbst genähten Kostüme von unserer Küsterin Nadine Kleinicke. Jedenfalls kann der Advent nun wirklich beginnen. „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“, singen wir schon am Samstagabend von Ufer zu Ufer über den Groß Glienicker See. Um 16.30 Uhr beginnt eine „geistliche Einstimmung“ in der Schilfdachkapelle. Danach ziehen wir als „Lichtprozession“ zum Seeufer. Dort starten wir um 17.30 Uhr das Adventssingen. Mit dabei ist auch unser „Posaunenchor unterm Schilfdach“. Die Bläser werden uns auch am Sonntagvormittag musikalisch begleiten: Am Ersten Advent feiern wir um 11 Uhr einen festlichen Familiengottesdienst vor der Schilfdachkapelle – mit dem Auftritt der Heiligen Königin, dem Weihnachtsengel und Josef aus Nazareth. Im Anschluss gibt der Posaunenchor ein Konzert zur „adventlichen Einstimmung“. Und dann noch eine ganz besonders schöne Aktion: „Wer möchte, kann ein Blasinstrument einmal selber auszuprobieren“, sagt Posaunenchor-Leiterin Barbara Jäck-Schmidt. Da bin ich auf alle Fälle dabei. Kann doch nicht so schwer sein, oder? Na, diese Adventsmusik wird jedenfalls unvergesslich.

Mi 23.11.22, 12:37: Es passiert mir leider immer wieder, dass ich mich so richtig ärgere. Aber wie. Und zurzeit sogar noch öfter als sonst. Gestern zum Beispiel. Als ich im Autoradio das Interview mit dem DFB-Mediendirektor Steffen Simon gehört habe. „Wir sind nicht eingeknickt vor der FIFA“, hat er allen Ernstes im Deutschlandfunk behauptet. „Wir haben die Binde verloren, nicht unsere Werte.“ Nicht im Ernst, oder? Vor Ärger hätte ich beinahe ins Lenkrad gebissen. „Schon vor dem ersten Spiel ausgeschieden, das muss man erstmal schaffen“, hat der Journalist Bernd Ullrich kommentiert. Glückwunsch, DFB! Mich ärgert, nur „Zeichen“ setzen zu wollen, solange es niemanden stört. Dabei dürfte doch klar sein, dass Protest nur dann Protest ist, wenn er auch weh tut. Sonst ist es nur wohlfeil. Fußballschauen oder nicht? Diese Frage habe ich auch in der Gemeinde so häufig diskutiert wie keine andere. Inzwischen sind wir wohl eher bei den Rechtfertigungsweltmeisterschaften gelandet. Und das nehme ich dieser rundum missglückten WM in Katar wirklich übel – dass keine Fußballstimmung aufkommen kann. Wenn ich so zurück denke, kann ich die Stationen meiner Kindheit an den großen Spielen der Weltmeisterschaften aufzählen. Aber ich ärgere mich jetzt nicht mehr. Ich mache die Übertragung an. Und werde mit meinen Kindern das Deutschland-Spiel schauen.

Fr 18.11.22, 8:08: Jetzt will es gar nicht mehr so richtig hell werden, oder? In dieser Woche hat der November schlagartig begonnen. Die trüben Tage. Die dunklen Gedanken. Und nun steht auch noch der Totensonntag bevor. Am letzten Sonntag des Kirchenjahres werden wir im Gottesdienst an der Schilfdachkapelle die Namen der Verstorbenen verlesen, die in den vergangenen Monaten von uns gegangen sind. Wir werden Kerzen entzünden. Wir werden auf Worte aus der Bibel hören. Wir werden gemeinsam singen. In der Predigt wird es um Trauer gehen. Darum, dass Trauer eigentlich kein Gefühl ist, sondern die ganze Fülle der Gefühle. Trauer? Das ist Schmerz und Angst, Schock und Wut, Sorge und Unglaube – und noch so viel mehr. Zugleich sind Gefühle auch wie das Wetter. Sie ändern sich. Sie schlagen um. Von einem Moment auf den anderen manchmal. Und hin und wieder mischt sich in die Trauer auch Sehnsucht, Liebe oder Hoffnung. Und auf diese Weise kann aus dem Totensonntag der Ewigkeitssonntag werden, die Hoffnung also, dass es weiter geht. Was weiter geht? „Die Liebe höret nimmer auf.“ Wir hören Musik vom Klavier. Michael Hoeldke spielt zwei Stücke von Erik Satie. Wir feiern den Gottesdienst „drinnen & draußen“. Kinder sind willkommen. Um 11 Uhr geht es los.

Mi 16.11.22, 8:53: Nun sind die Filmleute also wieder weg. Und zurück ist der Gemeindealltag an der Schilfdachkapelle. Spaß gemacht hat das aber schon, dieser Drehtag, Montag, als unser Gemeindegelände zum Filmset wurde. Mit allem, was dazu gehört: Mit Beleuchtern und Szenenbildnerinnen, mit Aufnahmeleitung und Catering – und mit mehr als 60 Schauspielern, die eine Hochzeitsszene gedreht haben. „Kannst du mir sagen, wo du als Pfarrer zur Begrüßung immer stehst?“, hat mich bei den Proben die Film-„Pfarrerin“ gefragt. Klar, konnte ich. Der „Bräutigam“ wollte wissen: „Was mache ich wohl für ein Gesicht, wenn die Braut herein kommt?“ Komische Frage, dachte ich, natürlich ein glückliches Gesicht. Gut fand ich, als die „Braut“ meinte: „Beim Hochzeitsmarsch hatte ich einen Kloß im Hals, wie soll das erst werden, wenn ich wirklich heirate?“ Nur einmal musste ich stutzen. Als es hieß: „Wenn jemand etwas einzuwenden hat, möge er jetzt sprechen oder auf ewig schweigen.“ Wie bitte? Das gibt es nur in Hollywood. Und die Antwort von den Filmleuten: „Aber wir drehen doch hier auch einen Film.“ – Heute ist vom Film nichts mehr zu sehen: Buß- und Bettag. Nicolas Budde und ich feiern um 18 Uhr einen Gottesdienst in der Region. Das Thema: „Gib Frieden, Herr, gib Frieden!“

Mo 14.11.22, 8:37: Stimmungsvoll. Mit diesem Wort ist das vergangene Wochenende wohl am besten überschrieben. „Sieht aus wie im Film hier“, meinte eine Konfirmandin gestern vor dem Gottesdienst. Gut beobachtet. Denn in der Schilfdachkapelle ist in der vorigen Woche eine beeindruckende Filmkulisse aus deckenhohen Tüchern und opulenten Blumensäulen entstanden. Und heute wird hier eine Hochzeitsszene für einen Spielfilm gedreht. Kein Wunder, dass der Gottesdienst also stimmungsvoll war. Was aber auch an der Verabschiedung von Peter Steuermann und Manfred Gummi gelegen haben könnte. Den ganzen Sonntag über hat uns übrigens Fadi begleitet. Der 30-Jährige war von der Produktionsfirma als „Security“ abgestellt, um auf die Filmdekoration aufzupassen. Zugleich hat er mit angepackt, wo Hilfe nötig war. Und das war oft. Beim Klavier etwa, das wir von Kaarina und Christian Meyn geschenkt bekommen haben und in den Gemeinderaum getragen werden musste. Fadi war dabei. So wie überhaupt bis zum Ende der GKR-Wahlen, bei denen Matthias Reinke, Susanne Rademacher und Lekanka Gaiser direkt und Anja Helm sowie Karola Wärk zu „Ersatzältesten“ gewählt worden sind. Dann war ein langes Wochenende vorbei, das schon am Freitagabend mit der regionalen Martinsandacht gottesdienstlich begonnen hatte: Mit Laternen und vielen Kindern und Familien war auch das – einfach stimmungsvoll.

Fr 11.11.22, 8:19: Es war kalt. Es war zugig. Es war ein schöner Abend. Damals, vor drei Jahren, an diesem dunklen Sonntag im November. Meine erste GKR-Wahl als Pfarrer an der Schilfdachkapelle. Und am Ende haben wir vor dem Altarraum mit Prosecco angestoßen. Heute schaue ich auf das Foto und überlege: Was haben wir seitdem erreicht – und was bleibt noch zu tun? Am Sonntag werden wir erneut wählen. Drei Sitze in unserer Gemeindeleitung sind neu zu besetzen. Fünf Kandierende gibt es: Lekanka Gaiser, Anja Helm, Susanne Rademacher, Matthias Reinke und Karola Wärk. Danke, dass ihr bereit seid, Verantwortung zu übernehmen! Alle wesentlichen Entscheidungen unserer Gemeinde werden bald in euren Händen liegen. Das ist gelebte Demokratie. Das ist, wie es schon in der Bibel heißt, „Priestertum aller Gläubigen“. Allerdings gehört zur Demokratie auch Beteiligung. Und deshalb: Geht bitte wählen! Unser Wahllokal hat von 10 und 16 Uhr geöffnet. Der Chor singt im Gottesdienst um 11 Uhr. Im Gottesdienst werden wir unsere bisherigen Gemeindekirchenräte Peter Steuermann und Manfred Gummi aus ihren Ämtern verabschieden. Im Anschluss spielen unsere Kirchenmusiker Marina Philippowa, Christian Deichstetter und Michael Hoeldke bis 16 Uhr auf der Orgel. Es gibt Kaffee, Tee und Kuchen – und am Ende stoßen wir mit Prosecco an.

Di 8.11.22, 8:36: Nun sind die Herbstferien also auch schon wieder Geschichte. Und das bedeutet für mich: Der Jahresendspurt kann beginnen. Die Festwochen, die vor uns liegen. Mit vielen Feiern und Veranstaltungen. Und gleich am Freitag geht es los. Mit dem Martinstag. Mit strahlenden Kinderaugen und leuchtenden Lampions. „Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne.“ Am 11. November feiern wir um 17 Uhr vor der Schilfdachkapelle unsere Martinsandacht in der Region. Der Posaunenchor ist mit dabei. Michael Hoeldke an der Orgel auch. Und ich freue mich schon besonders auf den Moment, wenn auf dem Vorplatz der Kapelle die Lichter ausgehen. Stille. Und dann entzünden die Kinder gemeinsam ihre Laternen. Plötzlich ist es ein buntes und fröhliches Lichtermeer im Dunkeln. Und wir singen: „Wir alle sind Lichterkinder, es strahlen die Kerzen, mit Liebe im Herzen.“ Dann geht es los. Immer dem Heiligen Martin hinterher. Hoch zu Ross führt er den Laternenzug an. „Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind, sein Ross das trug ihn fort geschwind.“ Nach dem Umzug bleiben wir am Lagerfeuer noch etwas zusammen. Unsere Kita lädt zum Empfang. Es gibt alkoholfreien Punsch. Dazu Brezeln. Und schon jetzt weiß ich, dass mir noch tagelang der Ohrwurm im Kopf bleiben wird: „Brenne auf, mein Licht, aber nur meine liebe Laterne nicht.“

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