Ev. Kirchengemeinde Am Groß-Glienicker See

Blog: Unterm Schilfdach

An dieser Stelle schreibt Pfr. Alexander Remler regelmäßig über das Gemeindeleben der Schilfdachkapelle. 

 

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Mo 23.11.20, 9:44: Nichts ist älter als die Zeitung von gestern. Dieser Spruch erweist sich immer wieder aufs Neue als richtig. Leider. Denn kaum ist unser aktuelles Gemeindemagazin „Südwind“ in den Küstereien angekommen (und wird nun von vielen engagierten Austrägern verteilt, vielen Dank!), sind manche Termine längst überholt. Dass immer alles anders kommt als geplant, ist eine Erfahrung, die wir in diesem Jahr nicht mehr los werden. Immerhin bleibt es dabei, dass wir am kommenden Sonntag auf dem Vorplatz der Schilfdachkapelle mit einem Familiengottesdienst in den Advent starten – mit Posaunenchor und „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“. Und, ja, stimmt: Anderes ist abgesagt. Aber: Gemeinschaft ist nicht abgesagt, Leben und Lieben ist nicht abgesagt und das „Wunder der Weihnacht“ ist nicht abgesagt. Die bekannteste Geburtsgeschichte der Welt steht zweifellos in der Bibel, aber im Südwind sind viele weitere Geschichten rund um die Geburt. Die Erfahrungsberichte, die dort zu lesen sind, finde ich ganz wunderbar. Vor allem die von Jenny und Chris, die auf der Titelseite abgebildet sind. Übrigens ist das Titelfoto nur wenige Stunden vor der Geburt ihrer bezaubernden Tochter Emily entstanden. „Was dann kam, war überwältigend“, erzählt Jenny. Was sie meint, ist nachzulesen im Südwind – viel Spaß beim Lesen.

So 22.11.20, 13:34: Wie geht das, in diesem Jahr angemessen mit dem Ewigkeitssonntag umzugehen – wo doch sowieso schon alles schwer und traurig genug ist?  Fotos vom Gottesdienst heute und ein Gedanke aus der Predigt: „Der Wochenpsalm kennt den Wunsch von Trauernden, zu sein wie die ‚Träumenden‘. Und ich denke an den älteren Herren, den ich kennen gelernt habe, der so ein Träumender war mit seinen beinahe 90 Jahren. Der es kaum erwarten konnte, endlich wieder zu lachen und fröhlich zu sein in den Armen seiner geliebten Frau, die schon einige Jahre zuvor gestorben war und nun auf ihn warte, wie er sagte. Weshalb er es eilig hatte, obwohl ihn sein Sohn doch noch so gerne hier auf der Erde bei sich gehabt hätte. Aber er wollte nicht mehr. Er wollte zurück zu der Liebe seines Lebens. Und wenn ich an diesen Mann denke, bin ich ganz berührt und wünsche mir und uns allen, am Ende des Lebens so gehen zu können. Voller Vertrauen und voller Liebe. Vielleicht spricht mich deshalb dieses Zitat so sehr an: ‚We’ll be Friends Forever, won’t we, Pooh?‘ –  Wir werden doch für immer Freunde bleiben, oder? Und Pooh antwortet: ‚Even longer‘ – noch länger. Die Bibel sagt das so: ‚Die Liebe höret nimmer auf.’“

Fr 20.22.20, 13:10: Mit dem Ewigkeitssonntag geht nun das Kirchenjahr zu Ende. Aber nicht nur das. Um das Ende vom Ende, das Ende aller Zeiten geht es im Gottesdienst. Und das wird in der Bibel entgegen so mancher Erwartung mit den schönsten Bildern überhaupt gefeiert. In der Offenbarung nach Johannes steht: „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein“. Wer’s glaubt, wird selig? Ja, genau: Wer’s glaubt, wird selig. Im Vertrauen darauf, dass Gott wahr macht, was er verspricht, feiern wir diesen Gottesdienst. Dabei gedenken wir traditionell auch der Verstorbenen der vergangenen Monate. – Wir erwarten wieder mehr Besucher als in die Kapelle passen. Deshalb findet der Gottesdienst drinnen und draußen statt, Manfred Gummi baut die Lautsprecheranlage auf. Unsere Konfirmanden werden die Feuerkörbe im Auge behalten, die sich inzwischen bewährt haben. Dazu gibt es Decken und Kissen, so dass sich hoffentlich alle Besucher wohl und sicher fühlen können. Unsere Gemeindepraktikantin Lekanka Gaiser hat den Kirchdienst übernommen, unsere Teamerin Alina Kühn ist Lektorin. Und wenn die 40-prozentige Regenwahrscheinlichkeit für den Sonntagvormittag eintreffen sollte, freuen wir uns, dass Katrin Buchholz schon die ersten „Riesenregenschirme“ besorgt hat. Herzliche Einladung!

Do 19.11.20, 9:06: Wir haben überlegt und diskutiert. Wir haben gezögert – und uns dann entschieden, gestern Abend, am Buß- und Bettag, doch Gottesdienst zu feiern. So wie immer. Oder vielleicht nicht ganz. Wir sind draußen vor der Kapelle geblieben, haben Abstand gehalten und Feuerkörbe entzündet. Ein stimmungsvoller Gottesdienst ist es geworden, bei milden Novembertemperaturen, vorbereitet von unseren Teamern und Konfis des vorigen Jahrgangs. Um Gerechtigkeit ging es, um Gerechtigkeit in Schule und Alltag, in Gesellschaft und überhaupt. Und im Hintergrund war da diese Geschichte von dem „Sündenbock“, der im Alten Israel am großen Versöhnungstag „in die Wüste geschickt“ worden ist. Zwei Redewendungen, die auf die genialen Sprachschöpfungen von Martin Luther zurückgehen. Bei denen es darum geht, dass zwei Ziegenböcke ausgewählt werden, einer für die Heiligung des Altars, ein anderer, um mit den Sünden der Menschen besprochen und auf Nimmerwiedersehen vertrieben zu werden. Nicht schön, aber praktisch – so man war alles los, was belastet hatte. So ähnlich haben unsere Konfis des aktuellen Jahrgangs Baumscheiben mit Situationen beschrieben, in denen sie Gerechtigkeit und  Ungerechtigkeit erlebt haben. Und gestern haben wir diese Scheiben in den Feuerkörben verbrannt. Und symbolisch alle Ungerechtigkeiten aus dem Weg geräumt und Platz geschaffen für Versöhnung und Vergebung, Buß- und Bettag eben.

Di 17.11.20, 11:51: Seit gestern haben wir an der Schilfdachkapelle eine neue Gemeindepraktikantin. Sie heißt Lekanka Gaiser und ist auf dem Foto mit ihren Kindern zu sehen. „Entschuldigung, wie war der Vorname?“ Diese Frage hat sie gestern auf dem Vorplatz der Kapelle gehört. Sie kennt die Frage schon. „Lekanka ist Sesotha, das ist eine Sprache in Südafrika“, sagt sie zur Erklärung. „Meine Eltern haben mich nach der Tochter meiner Pateneltern benannt, die kurz vor meiner Geburt gestorben ist.“ Lekanka hat lange in Ostfriesland gelebt. Auf einer Insel in der Nordsee. Ganz so, wie man sich das vorstellt. Umgeben von Meer und einem weiten Himmel. „Sonntags habe ich häufig Kindergottesdienst gefeiert“, erzählt sie. Und dabei wurde ihr, die bis dahin Bankkauffrau war, klar: „Das möchte ich eigentlich machen.“ Was folgte, war ein mutiger Neustart. Inzwischen studiert Lekanka an der Evangelischen Hochschule Berlin (ehb) im fünften Semester evangelische Religionspädagogik. Gerade erst hat sie ihr Schulpraktikum im Religionsunterricht an der Mary-Poppins-Grundschule verbracht. „Und nun freue ich mich auf das Gemeindepraktikum an der Schilfdachkapelle.“ Lekanka arbeitet gerne mit Kindern und Familien. Ob das in der Zeit der Einschränkungen möglich ist, werden wir sehen. Aber an Herausforderungen mangelt es in diesen Zeiten nicht. Herzlich Willkommen, Lekanka!

Mo 16.11.20, 10:08: Vor dem Kleiderschrank bei uns zu Hause allmorgendlich das gleiche Bild: Meine Tochter ist die erste, sucht sich irgendwas aus, farblich so zwischen rosa und rot, Hauptsache ein Pferd ist vorne drauf. Die Jungs liegen meist zwischen dem gelb-rot von Feuerwehrmann Sam und dem blau-grün von Ninjago. Dann bin ich dran. Und alle wenden sich gelangweilt ab. „Immer schwarz.“ Ja, leider. Seit Wochen bin ich beinahe täglich auf dem Friedhof. Das bedeutet: Schwarze Hose, schwarzes Hemd, schwarze Schuhe. Beinahe wie ein französischer Philosoph aus den  frühen Fünfzigern, nur ohne Gitanes im Mundwinkel. Doch es ist nur der November. „Ach, dieser Monat trägt den Trauerflor“, wusste schon Erich Kästner. „Die Wälder weinten/ Und die Farben starben.“ Wir gehen am Ende des Kirchenjahres nun auf den Ewigkeitssonntag zu und gedenken im Gottesdienst der Verstorbenen. Das hat besonders in diesem Jahr eine Schwere. Am Wochenende hatte ich die Faxen dicke. Und habe mir einen Pullover gekauft – sonnenblumengelb. So, November, was sagst du nun? Meine Tochter, sechs Jahre, hält den Kopf schief, meint: „Irgendwie jugendlich.“ Hm, aha, so so. Aber ich mache weiter wie die Maus Frederik bei Leo Lionni und sammle Sonnenstrahlen, Farben und Wörter für die kalten und grauen Wintertage.

Fr 13.11.20, 10:44: Man sieht nur, was man sehen will. Diese Lebensweisheit bestätigt sich immer wieder. Bei mir, als ich gestern in der Zeitung über eine liturgische Insel im Mittelmeer lese. Eine liturgische Insel? Aber sicher, Herr Pfarrer. Mit Gottvertrauen komme ich fast ans Ende des Artikels, bis mir klar wird, dass es mitnichten um eine liturgische, sondern um eine ligurische Insel geht. Hm. Ich erinnere mich an einen Schüler, der mal vorgelesen hat: „Adam und Eva lebten in Paris.“ Das fand ich gut, wo doch die französische Hauptstadt das Paradies auf Erden ist. Hingegen gar nicht mehr korrekt ist der „Neger Wumbaba“ anstelle des „Nebels wunderbar“ in „Der Mond ist aufgegangen“. Wie harmlos war das noch, als ich zu Schulzeiten bei Chris Normans „Midnight Lady“ stets „Oma fiel ins Klo“ statt „Oh, my feelings grow“ gegrölt habe. Nun aber genug  Quatsch. Ich nehme mein Handy, diktiere eine WhatsApp: „Lieber Michael Komma ich freue mich Komma dass wir uns wiedersehen Gedankenstrich ich melde mich Ausrufezeichen“. Moment… „Verstehst du auch, was du liest?“, fragt Philippus in der Apostelgeschichte den Kämmerer von Äthiopien. Ich finde den Gedanken beruhigend, jemanden an der Seite zu wissen, der einem hilft, mit wachen Augen durch die Welt zu gehen.

Mi 11.11.20, 14:36: Ich hatte vorhin eine Begegnung mit der Polizei. Und ich bin immer noch ganz erfüllt, um ehrlich zu sein. Denn das war so etwas wie meine Martinsbegegnung heute. Aber der Reihe nach. Für mich hat der Tag begonnen mit einer Martinsandacht. Unsere Kitakinder sind mit Laternen durch die dunkle Kirche gezogen. Nicolas Budde und ich haben danach auf dem Vorplatz der Kapelle beim Martinsfeuer die Martinsgeschichte erzählt. Das ging schließlich so lange, bis ich viel zu spät zu einer Trauerfeier los gekommen bin. Ohne den Talar auszuziehen, bin ich ins Auto gesprungen. Doch kurz hinter dem Falkenseer Platz – Verkehrskontrolle. Oh nein, das darf doch nicht wahr sein, denke ich. War ich zu schnell? „Die Fahrzeugpapiere, bitte.“ Eine Polizistin schaut mir geduldig zu, während ich nervös nach dem Führerschein suche. Ich muss ein seltsames Bild abgeben. So im Talar und mit Beffchen, ganz ohne Jacke. „Ich bin Pfarrer“, sage ich zur Erklärung. „Ich habe gleich eine Trauerfeier.“ Sie scheint einen Moment zu überlegen, ob ich glaubwürdig aussehe – oder doch nur ein kostümierter Jeck auf dem Weg zum Karnevalsauftakt bin. „Wann geht es denn los?“, fragt sie. „Viertelstunde“, sage ich. Sie seufzt. Sagt: „Na, dann fahren Sie mal, das ist wohl wichtiger.“

Di 10.11.20, 12:31: Hier, auf dem Foto, das ist Peggy Trommer. Sie ist 45 Jahre alt und Polsterin von Beruf. Ich komme gleich darauf zurück. Aber erst möchte ich erzählen, dass Peggy in unserer Gemeinde in den Miniclub gegangen ist, als Beate Piefke noch Leiterin war. Später ist sie mit Pfarrer Cauer auf Konfirmandenfahrt gewesen. Nun lebt Peggy zwar in Charlottenburg, aber der Schilfdachkapelle fühlt sie sich noch immer verbunden. Robert Gummi, der Imker unseres „Schilfhonigs“, hat ihr neulich von der Sanierung unseres Daches erzählt – und wie schwierig das zu finanzieren ist. Peggy hörte ihm zu, sagte: Aha, soso. Und hatte eine Idee: "Bei meiner Arbeit fallen häufig Stoffreste ab, gebrauchte, aber wunderschöne Stoffe.“ Diese verarbeitet sie nun unter dem Label „Schilfdach“ zu Taschen, Kissen, Beuteln und Mappen. Gegen eine Spende für das Schilfdach können sie ab sofort erworben werden. „Ich will keinen Gewinn machen, ich will ein neues Dach“, sagt sie. „Wenn wir 1.500 Menschen dazu zu bringen, 50 Euro für eine Tasche zu spenden, ist das Dach bezahlt.“ Peggys Begeisterung ist ansteckend. Jedenfalls haben wir nun eine Auswahl an Peggys Unikaten in den beiden Kladower Gemeindebüros vorrätig. Und ich habe einige Sorgen weniger, denn um Weihnachtsgeschenke mache ich mir keine Gedanken mehr.

Mo 9.11.20, 9:49: Ich denke gerne an den Martinstag vor einem Jahr zurück. Daran, wie die Schilfdachkapelle bis auf den letzten Platz besetzt war. Wie die Kinder bis vorne vor den Altarstufen auf dem Boden saßen. Und wie wir nach der Andacht durch die Straßen gezogen sind mit unseren Laternen und gesungen haben: „Rote, gelbe, grüne, blaue, lieber Martin, komm und schaue.“ Heute schaue ich auf das Foto von der vollen Kirche am 11. November 2019 und denke: Es ist erst ein Jahr her – und war doch eine andere Welt. Eine, in der wir nicht auf Abstand und all die anderen Regeln achten mussten. In diesem Jahr aber bleibt uns leider keine Wahl, als die Martinsandacht und den Umzug abzusagen. Eine Entscheidung, die Nicolas Budde und mir nicht leicht gefallen ist. Ich weiß, dass sich viele Kinder schon gefreut hatten. Aber die beiden Kladower Gemeinden wollen trotzdem Licht in die Dunkelheit bringen. Wir wollen uns an der Aktion „Teile dein Licht“ beteiligen und Kladow zum Strahlen bringen. Alle Kinder, Eltern und Großeltern möchten wir bitten, Laternen in die Fenster zu hängen oder stellen. Und ich werde Mittwoch mit meinen Kindern durch die dunklen Straßen laufen und singen: „Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind“.

St. Martin Bastelbogen Download und Bastelanleitung Download

So 8.11.20, 12:49: Heute im Gottesdienst ging es viel um Politik, vor allem um amerikanische Politik. Aber auch um die Frage, was eine Gemeinde ausmacht, eine evangelische Gemeinde als  Gemeinschaft von Menschen, die auf dem Weg zu Gott sind. Ein Gedanke aus der Predigt heute: „Merkmale sind: Sich immer wieder an das Wort Gottes zu erinnern, sich zu hinterfragen, sich nicht zu wichtig zu nehmen, Gott an die erste Stelle zu stellen, sich gegenseitig von der Weite des Evangeliums zu erzählen. Von dem Gott, der unsere Füße auf weiten Raum stellt, wie es im Psalm 31 heißt. Mit dem wir über Mauern springen können, Psalm 18. Und von dem wir wissen, dass da, wo er ist, wo sein Geist ist, Freiheit herrscht, 2. Kor. 3,17. Der Gott, an den wir glauben, ist die Freiheit und die Liebe und die Güte (1. Joh 4,16). Das sind die Kriterien, die wir an uns selbst legen und mit denen wir auch anderen begegnen können. Auf eine Formel gebracht: Macht mich mein Glaube frei und weit? Oder eng und eingezwängt.“

Fr 6.11.20, 11:53: Es sind gerade wieder so Tage, an denen ich schwanke  zwischen dem Wunsch, einerseits gut informiert zu sein – und andererseits am liebsten gar keine Nachrichten mehr hören zu wollen. Der Ausgang der amerikanischen Präsidentschaftswahlen steht immer noch nicht fest. Und es irritiert mich einmal mehr, dass die religiöse Rechte das Zünglein an der Waage spielt. Noch ist nicht klar, ob wir am Sonntag endlich wissen, wer die USA künftig regieren wird. Aber in der Predigt im Gottesdienst werden die verschiedenen religiösen Glaubensrichtungen in den USA eine Rolle spielen. Was das alles mit uns zu tun hat? Dazu wird es eine mögliche Antwort geben. Herzliche Einladung zum Gottesdienst in der Schilfdachkapelle. Wie gewohnt geht es um 11 Uhr los. Wir werden besondere Musik haben. Im Gottesdienst wird ein Kind getauft. Wir feiern wie gewohnt drinnen und draußen. Aber angesichts der sinkenden Temperaturen werden wir auf dem Vorplatz der Kapelle zusätzlich in einem Feuerkorb für Wärme und Lagerfeuerromantik sorgen. Ich freue mich auf den Gottesdienst und auf alle, die kommen.

Mi 4.11.20, 9:46: Das Licht einer Kerze brennt klein und schwach. Doch sie  leuchtet erstaunlich hell in einem dunklen Raum. In diesem Sinne ist es gestern in Wien ganz hell geworden – im Stephansdom bei der ökumenischen Trauerfeier. Hier haben Vertreter verschiedener Religionsgemeinschaften Kerzen entzündet und gebetet für die Opfer des islamistischen Terroranschlages. „Wien hält zusammen für das Leben in dieser Stadt“, sagte der evangelische Bischof Michael Chalupka. Und weiter: „Terror wird den Zusammenhalt nicht spalten.“ Klar ist: Islamisten wollen töten und trennen – aber wir rücken zusammen, halten zusammen, beten zusammen. Auch die beiden Kladower Gemeinden reihen sich ein in die Trauer um die Opfer und Verletzten von Wien sowie der anderen Orte, die in den vergangenen Wochen zu Schauplätzen islamistischer Gewalt geworden sind – von Dresden über Nizza bis Paris. Und heute Abend werden auch wir in Kladow im Rahmen unserer Vesper, des Abendgebetes, das an jedem ersten Mittwoch im Monat um 18.30 Uhr in der Dorfkirche Kladow stattfindet, Kerzen entzünden. Und wir werden beten für Mikail Özen und Recep Tayyip Gültekin, die im Kugelhagel offensichtlich erst einer alten Dame geholfen haben, sich in Sicherheit zu bringen, und dann einen schwer verletzten Polizisten gerettet haben, der angeschossen worden war. Danke, eure Menschlichkeit macht Mut.

Mo 2.11.20, 9:16: Nach einem ersten Blick nach draußen hätte ich heute Morgen beinahe gleich wieder die Haustür geschlossen. Nein, die Kombination aus nass und dunkel ist so gar nicht mein Ding. Mein vierjähriger Sohn sieht das scheinbar anders. „Herbst ist da“, rennt er los, singend, den Rucksack für die Kita auf dem Rücken. „Schüttelt ab die Blätter, bringt uns Regenwetter.“ Der Herbst? Ich erinnere mich: Herbst heißt: Hecken schneiden, Bäume stutzen, Laub harken. Und Vorbereitungen treffen für die Zeit, die kommt. Was kommt? Ich seufze. Und denke an Josef, der dem Pharao von Ägypten in der Bibel empfiehlt, schon mal Vorräte für die schlechte Zeit anzulegen. „Was an Getreide auf dem Felde rings um eine jede Stadt wuchs, das tat er hinein.“ Und von welchen Vorräten werde ich in den nächsten Monaten leben, überlege ich? Mein Sohn fegt immer noch singend durch den Garten, rennt durch die Blätter des Ahorns und springt mit beiden Beinen in die Pfütze neben dem Gartentor. Endlich weiß auch ich, was ich brauche und wovon ich leben möchte. Ich denke: Man ist nie zu alt, um durch einen Laubhaufen zu rennen. Und schon nehme ich mit Gebrüll die Verfolgung von meinem Sohn auf.

So 1.11.20, 12:57: Heute im Gottesdienst ging es um die „empfindliche Gesellschaft“. Ein Gedanke aus der Predigt: „‚Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar.‘“ Das sagt Jesus Christus in der Bergpredigt. Sätze, die zur Grundlage unseres Weltbildes geworden sind. Weltfremd, das schon. Und ich bin mir sicher, dass sich auch schon damals einige gedacht haben: Die andere Backe hinhalten? Ich bin doch nicht blöd. Aber heute fällt es uns noch schwerer vom moralischen Feldherrnhügel unserer Überzeugungen herabzusteigen… Stattdessen: Niederbrüllen! Nicht nur im amerikanischen Wahlkampf. Auch bei uns. In unserer Gesellschaft. In unseren Familien… Empfindlich sind wir geworden… Beinahe zu jedem Alltagsgegenstand gibt es inzwischen eine kritische Fußnote… Fleisch zu essen war bis vor kurzem eine Sache des persönlichen Geschmacks. Doch nun ist es eine Frage eigener Identität. Wer Plastiktüten benutzt, muss das Bild des Pelikans mit tödlichem Müll im Kehlsack vor Augen haben. Wer das Gendersternchen beim Schreiben nicht verwendet, ist ein Sexist… Empfindlich sind wir, ich auch…  Aber Jesus sagt: „Liebt eure Feinde.“… Und ich möchte die Feindesliebe einmal übersetzen mit der Liebe zu Andersdenkenden. Das würde sich dann so anhören: „Liebe den, der eine andere Meinung hat. Der dir nicht gleich zustimmt. Versuche zu verstehen.“

Fr 30.10.20, 11:31: Am Ende dieser ereignisreichen Krisenwoche fällt es mir nicht leicht, mich so langsam auf den Gottesdienst am Sonntag vorzubereiten. Immer neue Rekorde bei den Infektionszahlen, dann der Terroranschlag von Nizza – und bei allem die Frage: Wie geht das, in diesen Tagen einen Gottesdienst zu feiern, bei dem sich viele wohl und sicher fühlen können? Ich finde es gut, dass wir es am Sonntag versuchen. Und die Erfahrungen dieser Woche stimmen mich optimistisch. Bei mehreren Trauerfeiern habe ich erleben können, wie vorsichtig, rücksichts- und verantwortungsvoll wir miteinander umgehen können. Das zu erleben war schön. Und so werden wir auch am Sonntag wieder drinnen und draußen feiern. Sich warm anzuziehen ist wegen der offenen Eingangstür in keinem Fall verkehrt. Ach so, und worum es in der Predigt geht? Um die „empfindliche Gesellschaft“, in der wir scheinbar immer mehr leben. Und es geht um die Mahnung von Jesus aus der Bergpredigt, nicht nur unseren Nächsten, sondern auch unseren Fernsten zu lieben. Der Gottesdienst beginnt wie immer um 11 Uhr. Herzliche Einladung!

29.10.20, 9:11: Manchmal ähnelt das Leben einer Sanduhr, die sich dauernd dreht. Die Zeit rieselt hindurch – nur um gleich wieder von vorne zu beginnen. Geschichte als Wiederholung. Und täglich grüßt das Murmeltier, habe ich heute früh gedacht, als ich die Nachrichten über die neualten Einschränkungen gehört habe. Und die Frage ist: Wie können wir als Gemeinden verantwortungsvoll mit der derzeitigen Situation umgehen? Ich nehme erleichtert wahr, dass Schulen und Kitas offen bleiben sollen. Was ich richtig finde, denn die Kleinen und Kleinsten haben keine besondere Bringschuld zu leisten. Im Gegenteil: Wenn Kinder und Jugendliche die Sehnsucht nach Gemeinschaft haben, ist das nicht verantwortungslos, sondern notwendige Voraussetzung für die Ausbildung einer eigenständigen Identität. Deshalb diskutieren Nicolas Budde und ich beinahe täglich darüber, wie wir unsere regionale Konfi- und Jugendarbeit weiter verantworten können. Zunächst halten wir am radikalen „Draußen-Konzept“ fest. Und so haben unsere Konfis gestern Abend im Dunkeln mehrere „Kirchen“ gebaut. Aus dem, was sie im nahen Wäldchen neben der Kapelle gefunden haben. In Vorbereitung des Reformationstages haben sie sich damit  beschäftigt, was Kirche ausmacht. Und es hat mich berührt, dabei mehrfach zu hören: Kirche ist „Gemeinschaft“ und der Ort, wo Menschen „fröhlich“ sind und sich „wohl“ fühlen. Amen, sage ich dazu.

Di 27.10.20, 11:20: Heute früh am Morgen stehe ich an der Mülltonne. In der Hand unseren Hausmüll. Hui, ganz schön voll die Tonne, denke ich. Ach, richtig, morgen wird der Müll abgeholt. Das darf ich nicht vergessen. So wie neulich. Als ich daraufhin mit Gummistiefeln in die Mülltonne klettern und hopsen musste, um noch ein bisschen Platz zu schaffen. Das soll mir diesmal nicht passieren! Mit Schwung werfe ich die Tüte in die Tonne. „Werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat“, steht in der Bibel, im Hebräerbrief. Nein, es passiert mir nicht oft, dass mir an der Mülltonne ein Bibelvers einfällt. Aber es ist schon interessant, dass der Hebräerbrief davon ausgeht, dass man sein Vertrauen auf Gott wegwerfen kann – wie eine Mülltüte. Ich denke daran, dass ich in diesen Wochen, in denen die Temperaturen schneller fallen als die Blätter von den Bäumen, wieder deutlich mehr Gespräche führe, weil Menschen ihr Vertrauen auf Gott verloren haben. Nach einer Krankheit, nach einer Krise, nach sonst was. Der Hebräerbrief kennt so was offenbar. Aber ich möchte festhalten am Vertrauen auf Gott, auch und besonders in schwierigen Lebensphasen. Ich schaue auf die Mülltonne, schiebe sie auf die Straße. Diesmal vergesse ich die Abholung nicht.

Mo 16.10.20, 9:26: Die Herbstferien gehen zu Ende. Deshalb am Samstag, am letzten Urlaubstag, schnell noch ein Spaziergang ans Meer. Bis zu Holnis Spitze, dem nördlichsten Zipfel des deutschen Festlandes. Sonne, Strand, die Kinder schmeißen Steine ins Wasser. Wie schön! Doch in die Abschiedsstimmung mischt sich das ungute Gefühl, vielleicht gerade den letzten unbeschwerten Nachmittag für eine lange Zeit zu erleben. Steigende Kurven, strengere Regeln, Corona – plötzlich ist alles wieder ganz nahe. Am Abend sitze ich unter der Schirmlampe und lese von dem letzten Telefonat, das Karl Barth geführt hat. Mit seinem Freund Eduard Thurneysen. Im Dezember 1968 war das. Am Vorabend seines Todes. In einer Zeit voller Spannungen, Konflikte und Unsicherheit. Und Karl Barth, der Schweizer Theologe, sagt zu seinem Freund: „Ja, die Welt ist dunkel. Doch nicht die Ohren hängen lassen! Nie! Denn es wird regiert, nicht nur in Moskau oder in Washington oder in Peking, aber ganz von oben, vom Himmel her. Gott sitzt im Regimente. Darum fürchte ich mich nicht. Gott lässt uns nicht fallen, keinen einzigen von uns und uns alle miteinander nicht!“ Wie ich da so sitze, der Urlaub vorbei, bete ich darum, etwas mitnehmen zu können von diesem Vertrauen in die Zeit, die vor uns liegt.

Fr 9.10.20, 11:32: Das Händeschütteln, so lese ich gestern in der Zeitung, hat bis auf Weiteres ausgedient. Schade, einerseits. Andererseits auch wenig überraschend. Haben wir doch alle in den vergangenen Monaten überlegen müssen: Und nun? Umarmungen gehen nicht, High Five nicht und auch nicht der Fist Bump – und das gute, alte Wangenküsschen schon gar nicht. Wobei mich Letzteres immerhin auch aus der einen oder anderen Verlegenheit befreit. Denn den Wangenkuss fand ich schon immer kompliziert. Allein die Frage: Links oder doch rechts beginnen? Zwei Küsse oder sogar die Dreierkombination? Ich habe das nie verstanden. So mancher Lippenkreuzungsunfall geht desalb auf meine Kosten. Das ist nun vorbei. Aber an den Ellenbogen-Check kann ich mich noch lange nicht gewöhnen. Dafür lese ich vom Siegeszug des Namaste, der Begüßungsform des Hinduismus. Ich würde auf gut Kirchenlatein eher von der Inclinatio Minor sprechen, der „kleinen Verbeugung“. Und das finde ich gut. In diesem Sinne kreuze ich nun meine vor der Brust, verbeuge mich leicht und sage auf Wiedersehen. Ich verabschiede mich für zwei Wochen in den Urlaub. Gottesdienste finden wie gewohnt statt. Herzlichen Dank an Katrin Buchholz und Sabrina Fabian (11.10.), Pfr. Nicolas Budde (18.10.) und Pfr. Mathias Kaiser (25.10.), die mich vertreten. Gottes Segen und bleibt gesund!

Do 8.10.20, 9:21: Es passiert leider nicht mehr so häufig, dass ich von einer Geschichte aus der Bibel richtig überrascht bin. Was schade ist. Denn das hätte schon was, überlege ich, wenn etwa die Passionsgeschichte kurz vor der Kreuzigung doch noch eine überraschende Wendung nehmen würde. Aber nein, sie endet auf Golgatha – oder doch erst am Ostermorgen? Na, wie dem auch sei. Neulich jedenfalls war ich wirklich überrascht, als ich meiner Tochter eine Gute-Nacht-Geschichte aus der Kinderbibel vorgelesen habe. Und zwar diese Stelle, wo das Volk Israel durch die Wüste wandert, meckernd und motzend – und dann sind da auch noch überall giftige Schlangen. „Was sollen wir nur tun?“, fragen sie den genervten Mose. Und der gibt den Ängstlichen einen Rat. Eine Schlange sollen sie bauen, aus Eisen, und dann anschauen. Denn: „Wer anschaut, was ihm Angst macht, hat bald keine Angst mehr.“ So lese ich in der Kinderbibel. Und finde: Ein Satz voller Weisheit. So habe ich die Erzählung von der „ehernen Schlange“ noch nie verstanden. Dabei stimmt doch: Nichts ist größer als die Angst vor der Angst. Und neuer Mut beginnt erst, wenn wir uns unseren Ängsten stellen. Früher oder später. Besser früher. Am besten fange ich gleich damit an.

Di 6.10.20, 9:59: Am Wochenende stand ich im Wohnzimmer auf der Leiter. Und dachte: Was mir im Leben fehlt, ist einer, der Sachen erledigt. Ein Erlediger. Einer, der To-do-Listen nicht nur anlegt, sondern abarbeitet. So dass ich am Ende nur noch Häkchen setzen brauche. Um konkret zu werden: Bei uns zu Hause muss schon lange eine Spezialglühbirne ausgetauscht werden. Ach nee, Glühbirne sagt man nicht mehr – eine  „LED Base Pin G9“. Keine Ahnung, was das für eine Sprache sein soll! Aber vorige Woche fragt meine Frau: „Denkst du an die Wohnzimmerlampe?“ Beinahe hätte ich geantwortet: „Natürlich, und deshalb brauchst du mich auch nicht alle sechs Monate zu erinnern." Habe ich aber nicht. Ich bin zum Baumarkt gefahren. Die Montage: „Zieh doch den Lampenschirm mit einem Ruck ab“, wieder meine Frau. Ich denke: Oh nein, das werde ich garantiert nicht machen. Ich habe die Lampe angebracht. Ich weiß, wie vorsichtig man mit ihr umgehen sollte. Ich seufze. „Tu, was dir vor die Hand kommt; denn Gott ist mir dir“, sagt der Prophet Samuel zu Saul, der auch eine lange To-do-Liste hat. Sein Erfolg ist zweifelhaft. Ich dagegen triumphiere und sage am Ende stolz zu meiner Frau: „Und es ward Licht.“

So 4.10.20, 13:10: Heute im Gottesdienst ging es viel um die Regeln unseres Miteinanders. Ein Gedanke aus der Predigt: „Jesus ist einer, der sich auch viel mit Regeln beschäftigt hat. Man könnte sagen, er hat die Regeln seiner Zeit komplett auf den Kopf gestellt. Jesus ist so eine Art sympathischer Regelverletzer… Jesus leistet, wenn man so will, fortgesetzt zivilen Ungehorsam gegen alles, was er nicht nachvollziehen kann… Er fragt immer danach: Dient das jetzt gerade Gott, dient das dem Leben – und das ist für ihn häufig ein und dasselbe… Ein Bespiel: Damals, im Alten Israel, folgten alle den auch zu der Zeit schon uralten Speiseregeln, dem Gesetz des Moses… Kein Schweinefleisch zu essen, das war so eine Regel. Sich nicht mit Ungläubigen an einen Tisch zu setzen, eine andere Regel. Und was macht Jesus? Man hat den Eindruck, er kann es kaum erwarten, sich mit Huren, Heiden und ganz und gar Unheiligen an einen Tisch niederzulassen, zum "Fresser und Weinsäufer"zu werden, wie er sich bei Matthäus selbstironisch nennt. Und, auf das Gesetz des Mose angesprochen, sagt er dann noch: „Ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen." … Die Regeln unseres Miteinanders müssen dem Leben dienen oder abgeschafft werden.

Sa 3.10.20, 17:12: Was für ein schöner Herbsttag! Heute Familienaktion vor der Schilfdachkapelle. Die Kirche ist geschmückt. Erntedank kann beginnen.

Fr 2.10.20, 12:30: Am kommenden Sonntag feiern wir ein ganz besonderes Erntedankfest. Denn was gibt es in diesem Jahr zu bedenken, wofür können wir uns bedanken? Dafür vielleicht, dass es im März wochenlang keine Nudeln und Hefe mehr zu kaufen gab? Oder, dass im Frühsommer zu wenige Erntehelfer auf den Feldern waren, dafür im Sommer der große Regen ausblieb? Kein Zweifel, es biegt mit dem Erntedankfest ein schwieriges Jahr auf die Zielgerade des Kirchenjahres ein. Und wie immer gilt es, an diesem Sonntag erste Bilanz zu ziehen. Trotzdem oder gerade deshalb feiern wir am Sonntag um 11 Uhr einen schönen und bunten und fröhlichen und festlichen Gottesdienst. Drinnen und draußen. Und ich freue mich sehr, dass auch der Chor wieder dabei sein wird – am Ende, wenn wir auf dem Vorplatz der Kapelle die kleine Leah taufen werden. Zum ersten Mal seit mehr einem halben Jahr feiern wir außerdem Abendmahl, allerdings anders als sonst, coronakonform. Der Dank geht schon jetzt an Alina Kühn, Leoni und Lilli Rademacher, die diesen Gottesdienst mit vorbereiten. Aber auch an „Mauerblümchen“ und die Gartenbaumschule Schneider, die unsere Kapelle schmücken. Ich freue mich sehr. Das Wetter wird wohl auch mitspielen. Herzliche Einladung zum Erntedank-Gottesdienst, wir übertragen nach draußen.

Do 1.10.20, 12:33: Gestern morgen war es wieder soweit. Meine Tochter hat den nächsten Zahn verloren. Einen Schneidezahn. „Mitten im Religionsunterricht“, meinte sie stolz. Ich weiß nicht, ob das eine etwas mit dem anderen zu tun hat. Sie legte ihn in das Schächtelchen, in dem alle Milchzähne gesammelt werden. Und ging mit dem festen Glauben ins Bett, dass ihr die Zahnfee eine Münze bringen würde. Die Zahnfee, das bin ich. Oder meine Frau, wenn ich es vergesse. So wie neulich, als wir alle Fantasie aufbieten mussten, um die Vergesslichkeit der Zahnfee zu erklären. Also bin ich lieber noch abends ins Kinderzimmer geschlichen, habe im Dunkeln nach einem Ein-Euro-Stück gesucht. Ich musste an die Serie „Modern Family“ denken, wo ein Vater aus Versehen einen 100-Dollar-Schein auf die Matratze legt. Allerdings hatte der eine Flasche Weißwein getrunken, ich war stocknüchtern – alles ging gut. Und Mina strahlte. „Die Zahnfee muss aber viele Helferlein haben“, überlegte sie. „Bei so vielen Kindern.“ Ich staune über den Glauben von Kindern, mit dem sie über Mauern springen und Berge versetzen können. Und denke: „Es ist der Glaube eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht“ (Hebr 11,1).

Di 29.9.20, 12:56: Gestern, vor dem Gemeindehaus. Ich war auf dem Weg ins Büro und wollte nur noch über die Waldallee rüber, als ich mich mit einem Sprung auf den Bürgersteig in Sicherheit bringen musste. Was war geschehen? Ein weißer Lieferwagen war mit Vollgas um die Ecke gebogen und weiter gerast. Ich stand da, hörte mein Herz pochen und dachte: Ganz freundlich und in Ruhe hätte ich den Fahrer gerne auf die Tempo-30-Zone hingewiesen oder die Vorzüge der Verkehrsregel rechts vor links erklärt… Gut, zugegeben, so hätte ich das nicht gemacht. Viel lieber hätte ich ihm ein paar Schimpfwörter hinterher gebrüllt. Leider war er zu schnell. Dafür habe ich überlegt, und nicht zum ersten Mal, dass morgens und nachmittags bei uns 20 Kitakinder die Straße überqeren müssen – und wie oft gab es nicht schon gefährliche Situationen? Viel zu oft, der weiße Lieferwagen ist kein Einzelfall, eher die Regel. Also bin ich gerade zum Materialschrank für die Konfi-Arbeit gegangen. Ich habe wild entschlossen und auch etwas hilflos die Spraydose geholt (Nein, ich sage nicht, warum wir so etwas dort aufbewahren!). Im Hinterkopf den Bibelvers: „Lasst uns aufeinander achthaben“ (Hebr 10,24). Geschrieben habe ich dann aber doch auf die Straße: „Bitte langsam! Kinder!“

Mo 28.9.20, 9:23: „Zukunftsforscher“, das wäre mal ein feiner Beruf. Ich glaube, dazu braucht man nicht viel. Jedenfalls nicht viel mehr als ein übergroßes Selbstbewusstsein und die Bereitschaft, allerhand Unsinn von sich zu geben, auf den man wahrscheinlich am Abend vorher beim Rotwein gekommen ist. Ich bin überzeugt, das könnte ich. Und auch zu Corona und Klimawandel, die bei Zukunftsforschern besonders im Trend liegen, fällt mir bestimmt was ein. Doch fürs Erste brauche ich kein großer Zukunftsforscher zu sein, um zu wissen, dass wir als Gemeinde schwierigen Zeiten entgegen gehen. Dafür sorgen schon die wirtschaftlichen Einbrüche durch die Corona-Krise. Umso wichtiger ist die Bedeutung des Förderkreises unserer Gemeinde. Das ist mir am Freitagabend wieder klar geworden. Christoph Oeters hatte als Vorsitzender zur Mitgliederversammlung geladen – wegen der geltenden Hygieneregeln diesmal in die Schilfdachkapelle. Was als Ort sehr passend war, denn immerhin ist der Erhalt der Kapelle, dieses einmaligen Denkmals deutsch-deutscher Geschichte, der wichtigste Förderzweck. Aber auch das Gemeindeleben sähe schon jetzt anders aus, wenn es den Förderkreis nicht gäbe. Die Beiträge der zurzeit 51 Mitglieder und zusätzliche Spenden unterstützen unsere Chöre genauso wie manch sinnvolle Anschaffung – etwa die Lautsprecheranlage oder das Digitalpiano. Dafür im Namen der ganzen Gemeinde herzlichen Dank.

So 27.9.20, 12:49: Ein Gedanke aus der Predigt von heute: „Neulich sitze ich mit meiner Tochter Mina auf dem Sofa. Sie darf noch keinen ganzen Film sehen. Sie ist mit ihren sechs Jahren noch zu jung dazu. Finden meine Frau und ich. Mina findet das nicht. Und erzählt uns regelmäßig, was die anderen Kinder aus ihrer Klasse alles sehen dürfen. ‚Findet Nemo‘, zum Beispiel. Also schauen wir uns ein paar Minuten an. Diese Szene mit Dorie, der Fischdame mit den Kulleraugen, die nur einen Nachteil hat: Sie vergisst alles. Sofort. Und was macht sie? Sie lebt in der Gegenwart. Sie kann gar nicht anders als in der Gegenwart zu leben. … Wir dagegen vergessen nicht alles. Zum Glück. Wir wissen nur allzu gut, wo wir herkommen. Besonders in diesem Jahr. Und machen uns auch deshalb Sorgen, was kommt. Aber vergessen dabei hoffentlich nicht, was uns Gott zugesagt hat. Was er uns mit gegeben hat als Ermutigung auf unseren Weg durchs Leben. Nämlich den Geist ‚der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.‘ Gott gibt uns trotz allem die Kraft und die Liebe und die Besonnenheit, weiter zu machen, lebendig zu sein und zu bleiben und den Geist der Furcht in die Schranken zu weisen.“

Fr 25.9.20, 9:55: „Mal sehn.“ Zwei Worte nur, aber sie beschreiben zurzeit mein Lebensgefühl am besten. Keiner weiß, was kommt. Keiner weiß, was passiert. Deshalb: „Mal sehn.“ Und ich lese in der Zeitung, dass drei von vier Menschen im Moment ihre Entscheidungen von Tag zu Tag treffen. Nicht weiter planen als nötig und wohl auch möglich ist. In der Bibel heißt es: „Sorgt euch nicht um morgen, der morgige Tag wird schon für das Seine sorgen“ (Mt 6,34). Bergpredigt, Jesus. Nur ist das leichter gesagt als getan. Was das für uns bedeuten könnte, darum wird es am Sonntag in der Predigt gehen. Möglicherweise zu vertrauen lernen auf die biblische Zusage: „Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit“ (2. Tim 1,7). Die Liturgie am Sonntag werde ich gemeinsam mit Sabrina Fabian gestalten, darauf freue ich mich sehr. Lektorin ist Cathy Fechner, Organist Christian Deichstetter. Herzliche Einladung zum Gottesdienst um 11 Uhr. Manfred Gummi baut die Lautsprecheranlage draußen auf. Und ich schaue gerade auf mein Handy: Die Wetter-App sagt für Sonntagmorgen „nur“ noch eine Regenwahrscheinlichkeit von 60 Prozent voraus. Na, geht doch. Gestern waren es 100 Prozent. Wie es wirklich wird? „Mal sehn.“

Mi 23.9.20, 12:53: Gestern schlendere ich nachmittags zur Kapelle. Steht da ein Mann vor dem Zaun der Kita und schaut sich das Plakat für den Schenkflohmarkt an. Auf dem Rücken ein Rucksack, in der Hand einen Stock. Ah, denke ich, ein Pilger auf dem Spandauer Pilgerweg. Grußlos sagt er: „Sie wissen, dass ein Schenkender den Beschenkten beschämt durch sein Geschenk.“ Ganz schön viele „Sch’s“ für einen Satz, geht mir durch den Kopf. Ich fühle mich überrumpelt. Geschenke sollen beschämen? Ich erinnere mich an früher, eine Nachbarin, die mir regelmäßig Klassiker der Weltliteratur zum Geburtstag schenkte. Mit den Worten: „Muss man kennen.“ Weshalb so mancher Dostojewski bis heute ungelesen im Schrank steht. Und ich überlege weiter: Haben die Heiligen Drei Könige mit Gold, Weihrauch und Myrrhe den Zimmermann aus Nazareth vielleicht beschämt? In einem Stall mit Krippe erscheinen mir die Geschenke in der Tat plötzlich überdimensioniert. Und beim  Schenkflohmarkt? Quatsch, denke ich, uns geht es doch darum, dass Dinge, die für den einen nichts mehr bedeuten, für andere noch einen Wert haben können. Deshalb ein Flohmarkt ohne Geld, ein Schenkflohmarkt. Erst zu Hause fällt mir ein, was ich hätte antworten sollen: „Geben ist seliger als nehmen“ (Apg 20,45). Herzliche Einladung am Sonntag zum Schenkflohmarkt.

Di 22.9.20, 14:00: Die beiden haben gezögert. Die beiden haben gezittert. Aber am Ende haben sich Yvonne und Tobias doch das Ja-Wort gegeben. Nicht wie ursprünglich geplant in der Schilfdachkapelle. Aber in der größeren Christophorus-Kirche in Siemensstadt, wo die gesamte Hochzeitsgesellschaft wegen der Abstandsregeln hin umgezogen ist. Und ich habe einmal mehr erlebt, wie schön es ist, auch in diesem Jahr an ursprünglichen Plänen festzuhalten. Trotz allem. „Euer Herz soll sich freuen und eure Freude soll niemand von euch nehmen.“ Diesen Trauspruch haben sich Yvonne Abbenhaus und Tobias Wilhelm-Abbenhaus ausgesucht, für mich der Trauspruch des Jahres (Joh 16,22). Und dieses Jahr war reich an ungewöhnlichen Hochzeiten. Ich erinnere mich an eine Trauung im Autokino, bei der die Gäste im Wagen sitzen geblieben sind. Oder an eine Trauung, die ganz im Internet stattgefunden hat: „Lockdown Wedding“. Viele Paare haben ihre Hochzeit aber auch verschoben. Das zeigen die offiziellen Zahlen. Heute stand es sogar in der Zeitung: Im ersten Halbjahr wurden bundesweit 140.000 Ehen geschlossen – beinahe 30.000 weniger als im Vorjahr. Viele Paare mussten lange mit Unsicherheiten leben. Ein Bräutigam hat es so gesagt: „Es war für mich weniger die Frage, ob meine Verlobte Ja sagt, sondern ob Corona Ja sagt.“

So 20.9.20, 15:57: Was waren das für schöne Gottesdienste an diesem Wochenende! Natürlich einerseits wegen des Wetters. Aber auch, weil weitere 21 Konfirmandinnen und Konfirmanden „Ja“ gesagt haben zu einem Leben in der Gemeinde, zu einem Leben mit Gott. Gestern haben wir auf dem Gemeindegelände im Dorf acht Jugendliche konfirmiert, heute auf dem Vorplatz Schilfdachkapelle weitere 13 Konfis. Drei von vier Konfirmationen des vorigen Jahrgangs haben wir damit nun hinter uns. Und wir blicken heute auf berührende und bewegende  Momente zurück. Gottes Segen für alle Ex–Konfis!

Fr 18.9.20, 14:17: „In diesem Jahr ist alles anders.“ Ich weiß nicht, wie oft ich diesen Satz in den vergangenen Monaten gesagt habe. Und inzwischen kann ich ihn schon nicht mehr hören. Aber er stimmt leider immer wieder. Wenn ich zum Beispiel an die Konfirmationen denke: Der neue Jahrgang hat schon begonnen, aber noch haben wir längst nicht alle Konfis aus dem vorigen Jahrgang konfirmiert. Jetzt, am Wochenende, stehen die nächsten Konfirmationsgottesdienste an. Dafür haben unsere Konfis den Psalm 23 umgedichtet: „Der Herr ist mein Beschützer, er passt auf mich auf.“ So beginnt er nun. Als ein Bekenntnis, das in diesem Jahr, in dem wir gemeinsam durch so manch „finsteres Tal“ gewandert sind, eine besondere Bedeutung bekommen hat. Auch, weil wir miteinander erfahren haben, dass wir trotz allem behütet und begleitet sind, getragen und geführt von einem, den wir den „guten Hirten“ nennen. – Herzliche Einladung zu den beiden Konfirmationsgottesdiensten. Auch die Gemeinden können teilnehmen. Der erste Gottesdienst findet morgen um 11 Uhr auf dem Gemeindegelände im Dorf statt. Den zweiten Gottesdienst feiern wir am Sonntag um 11 Uhr auf dem Vorplatz der Schilfdachkapelle. Beide Gottesdienste werden draußen sein. Dadurch werden wir gemeinsam singen können und sind in Hinblick auf die Besucherzahl weniger eingeschränkt.

Do 17.9.20, 10:34: Die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen hat in diesem Jahr spürbar gelitten. Das ist ein persönlicher Eindruck. Aber nicht nur. Denn das wird inzwischen auch von immer mehr Studien belegt. Dass bei Kindern, die sowieso schon ängstlich waren, durch Corona die Ängste deutlich zugenommen haben. Dass bei Jugendlichen, die vorher häufig schlecht gelaunt waren, sich Unruhe und depressive Verstimmungen entwickelt haben. Und dass Kinder mit Lernschwierigkeiten von allem am stärksten betroffen sind. Corona ist dabei meist nicht die Ursache, aber der Auslöser. Kein Wunder, dass Kinder- und Jugendpsychiatrien einen Anstieg der Fälle um rund 20 Prozent vermelden. Was das für uns als Kirchengemeinden in Kladow bedeutet? Dass es wichtig ist, die regionale Konfi- und Jugendarbeit so normal wie möglich fortzuführen. Und was das konkret bedeutet, haben wir gestern Abend erleben können. Mit unseren mehr als 40 Konfis und Teamern des neuen Jahrgangs haben wir nicht nur, aber auch im Wald gesessen, auf dem ehemaligen Spielplatz neben dem Wendekreis der Kapelle. Thema der Einheit: „Das Gebet.“ Und wo lässt sich besser beten als unter Bäumen: „Berühre mein Herz, mein Gott, dass es aus Freude an deiner Schöpfung die Welt zum Guten verändert und nicht aus Angst sich lähmen lässt.“

Mi 16.9.20, 11:21: Die Kinder haben das schöne Wetter gestern genossen. Und wie. Sie sind durch den Rasensprenger gerannt, haben geplanscht und gebadet. Und ich habe gedacht: Was für ein schöner Schwitze-Hitze-Tag! Doch spätestens der Blick auf die Wetterkarte hat mich nachdenklich gemacht. Ich musste daran denken, wie häufig in den vergangenen Wochen auf das angeblich so unverantwortliche Verhalten der Jüngeren in der Corona-Krise hingewiesen worden ist. Doch: Wie unverantwortlich verhalten wir Älteren uns eigentlich angesichts der noch größeren Herausforderung durch den Klimawandel? Jeder dritte Deutsche möchte den Klimaschutz zurzeit hinten anstellen. Rund 60 Prozent wollen zwar weiterhin in den Klimaschutz investieren. Aber ich erlebe im Alltag eher ein Comeback längst abgelegter Gewohnheiten. Ich sage nur: Plastikverpackungen, Müllberge… Auch ich steige wieder häufiger ins Auto, um Bus und Bahn zu meiden. Nur: Die globalen Temperaturen steigen immer weiter. Wie zynisch, wenn der amerikanische Präsident in den Waldbrandgebieten von Kalifornien steht und über das Weltklima sagt: „Es wird wieder kühler werden, Sie werden schon sehen.“ Ich nehme heute eine Mahnung aus der Bibel mit, einen Satz aus dem Buch der Sprüche: "Wo man nicht mit Vernunft handelt, da geht es nicht gut zu“ (Sprüche 19,2). Ein Satz für alle Krisen.

Mo 14.9.20, 11:43: Ich bin grundsätzlich ein geduldiger Mensch. Finde ich. Auch wenn das alle anderen bei uns zu Hause etwas anders sehen. „Mina, kommst du? Wir müssen los!“, rufe ich heute Morgen. „Aber-aber-aber, ich muss nur noch mein Pferd satteln“, sagt meine Tochter. Sie spielt Ponyhof in ihrem Zimmer. Ihre Brüder Hannes und Mattis ziehen sich schon die Schuhe an. „Minaaaa?“ In meiner Stimme liegt ein gewisser Unterton. „Aber-aber-aber, ich muss nur noch…“ Doch ich bin schon zur Haustür raus. Schließlich sitzen alle im Auto. Alle, bis auf… „MINA, ALSO WIRKLICH!!!“ Jetzt sind auch die Nachbarn wach. Und wer wissen will, wo ich bin? Ich bin auf Hundertachtzig! Ich versuche mich zu beruhigen, damit, dass selbst Jesus manchmal etwas ungeduldig war. Mit Händlern und Wechslern, aber auch sonst. „Ihr Kleingläubigen“, schnauzt er bei Matthäus immer wieder seine Jünger an, weil sie etwas nicht gleich verstehen, müde oder mutlos sind. Zugegeben, sonst zeigt er auch eine große Geduld, wenn etwas nicht so läuft, wie er will. Und ich so? Stehe im Garten und überlege, ob ich wie Jeremia, der Prophet, 40 Jahre warten muss, bis sich meine Ankündigung erfüllt. Da springt Mina fröhlich aus dem Haus: „Können wir endlich?“

Fr 11.9.20, 12:49: Es gibt in einer Woche so manche Tage, da möchte man mit dem Kopfschütteln doch gar nicht mehr aufhören. Zum Beispiel: „Lieber Montag, wir müssen mal reden.“ Ist es wirklich nötig, dass danach noch die ganze Arbeitswoche folgt? Aber heute ist Freitag – und Freitag ist schon die wunderbare Brücke zwischen Arbeit und Erholung. Und ich rufe deshalb: „Fridayayayay“! Kein Wunder, dass der Freitag auch ein Vorname geworden ist. Immerhin 22.000 Menschen in Deutschland haben ihn. Und schon „Robinson Crusoe“ hatte schließlich seinen treuen Freitag an der Seite. Da kann der Sonntag nicht mithalten. Kaum ein Kind ist nach ihm benannt. Dabei wird der Sonntag schon in der Bibel als  „erster Tag der Woche“ (Mt 28,1) hervor gehoben. Als „Tag des Herrn“ steht er für die Auferstehung Jesu und den Geburtstag des Christentums. Deshalb feiern wir den Gottesdienst immer sonntags. Am kommenden Sonntag, übermorgen, habe ich allerdings dienstfrei. Dafür wird Pfarrer Nicolas Budde den Gottesdienst wie gewohnt um 11 Uhr in der Schilfdachkapelle feiern. Nach dem Gottesdienst spielt unser neues Bläserensemble „Südblech“ ein paar Stücke auf dem Vorplatz. Und die Kapelle ist für Pilger und Besucher des Tags des offenen Denkmals sowieso wieder von 10 bis 16 Uhr geöffnet. Herzliche Einladung!

Do 10.9.20, 8:34: Es gibt nur wenige Menschen, für die ich in den vergangenen Monaten so häufig gebetet habe wie für Basti, den Sohn von Karola und Siggi Wärk. Ich weiß nicht so genau, wann diese Serie von Aufenthalten im Krankenhaus los ging, diese Abfolge von Operationen und Not-OPs, der Wechsel von Hoffnung und Verzweiflung. Aber ich weiß, wie ich bald dachte: Was muss dieser Junge mit seinen 25 Jahren, was müssen die Eltern ertragen, wenn es mir, dem Beobachter am Rande, schon zu viel ist? „Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch“, heißt es in der Bibel (1. Petr 5,7). Ein Vers, der mir normalerweise gut durch schwere Zeiten hilft. Aber hat der liebe Gott hier auch gut gesorgt? Irgendwann habe ich Siggi und Karola angeboten, sie zu fahren, wenn sie Basti aus dem Krankenhaus holen. Denn das ist mit ihm, der mit einer autistischen Behinderung lebt, nicht so einfach. Aber Siggi hat abgelehnt: „Ich habe ihm versprochen, dass Papa ihn nach Hause bringt.“ Nach Hause, in das Wohnheim, in dem Basti lebt. Vielleicht habe ich in diesem Moment erst verstanden, wie wichtig es ist, einen Vater zu haben, der einen nach Hause bringt, allezeit und immer wieder – im Himmel wie auf Erden. Gestern war es wieder so weit. Papa und Mama waren im Krankenhaus und haben Basti nach Hause gebracht. Ich bete dafür, dass alle Narben heilen.

Mi 9.9.20, 11:28: Anstatt mich dauernd mit einem ansteckenden Virus zu beschäftigen, könnte ich mal wieder ein ansteckendes Lachen gebrauchen. So eins, unerwartet und ungeplant, das einfach glücklich macht. Kurze Szene: Gestern, auf dem Spielplatz, steht mein Sohn Hannes auf dem Startpodest einer Seilbahn. Er greift nach dem Teller, will gerade aufspringen und los sausen. Ein anderer Junge auch. Es kommt zu Handgreiflichkeiten. Hannes schubst, der andere fällt. Ich denke: Oh nein, bitte nicht, und will eingreifen. Da passiert etwas Unerwartetes. Der andere Junge fängt an zu lachen. Ich schaue verdutzt. Hannes schaut verdutzt. Und dann? Lacht Hannes einfach mit. Ich frage mich noch, was hier so lustig sein soll. Aber allein, dass diese beiden vierjährigen Steppkes lachen, bringt mich selbst zum Lachen. Also lachen wir alle. Wir bekringeln und beömmeln uns. Und ich finde, die Bergpredigt bringt eins schön auf den Punkt. Sie weiß von einer Welt, in der die Tage eher zum Weinen sind. Doch sie erzählt davon, dass eine Zeit kommen wird, in der alle Tränen trocknen werden. In der wir in das fröhliche Lachen der Engel und Heiligen einstimmen. Darauf möchte ich vertrauen. Oder mit Jesus: „Selig seid ihr, die ihr jetzt weint; denn ihr werdet lachen“ (Lk 6,21).

7.9.20, 10:34: Vor ein paar Tagen habe ich gelesen, dass Forscher einmal nach dem langweiligsten Tag der Weltgeschichte gesucht haben. Sie haben einen Computer mit 300 Millionen Ereignissen gefüttert – und prompt wurde der 11. April 1954 ausgespuckt. Ein Tag, an dem weder eine berühmte Persönlichkeit geboren noch zu Grabe getragen wurde, kein Krieg ausgebrochen, kein Erdbeben geschehen ist. Und die Weltmeisterschaft hat Deutschland auch erst ein paar Wochen später gewonnen. Ein richtiger Tag zum Gähnen, wissenschaftlich erwiesen. Wie die Geschichte auf den Tag heute schauen wird, ist noch nicht klar. Aber für meinen Sohn Mattis ist es schon jetzt ein großer Tag. „Gehen wir heute wieder in die Waldallee?“, flüstert er mir morgens, es ist noch stockfinster, der Sonnenaufgang fern, ins Ohr. Denn: Nach Monaten der Sanierung des Fußbodens unseres Gemeindehauses geht es für die Kita-Kinder heute wieder zurück in die Waldallee. Damit endet der provisorische Betrieb im Gemeindehaus im Dorf. Dort wurde unsere Kita mit großer Gastfreundschaft aufgenommen. Deshalb: Noch einmal ein herzliches Dankeschön für die unkomplizierten Absprachen mit der Gemeindeleitung dort! Und ich? Sitze gerade in meinem Büro im Gemeindehaus, in dem es monatelang so unglaublich still war, und sage mir seufzend: „Ach, Kinderlärm ist Zukunftsmusik.“

Sa 5.9.20, 15:35: Heute war der erste Spandauer  Pilgersamstag. Gut, zugegeben, das Wetter hatte noch etwas Luft nach oben. Aber die Stimmung vor der Schilfdachkapelle war sehr gut. Tolle Fotos sind auch entstanden! Und zwischendurch kamen sogar immer wieder ein paar Pilger vorbei, um sich ihren Stempel im Pilgerpass abzuholen. Hier ein paar Eindrücke vom heutigen Tag. Morgen geht es weiter. Um 10 Uhr beginnt der Pilgergottesdienst in der Dorfkirche. Dann pilgern wir gegen 10.30 Uhr gemeinsam zur Schilfdachkapelle. Und bei uns geht es auf dem Vorplatz der Kapelle um 11 Uhr weiter. Herzliche Einladung!

Mi 2.9.20, 11:49: Nein, ich würde niemals behaupten, dass meine Bilanz als Verkehrsteilnehmer ohne Fehl und Tadel wäre. „Göttlich geparkt, Herr Pfarrer“, ruft mir eine Frau auf dem Fahrrad neulich zu, die ich flüchtig vom Sehen kenne. Die Ironie ist nicht zu überhören: „Einfach göttlich.“ Und wie stehe ich da? Nun, erst einmal mit einem Würstchen in der linken und einer Schrippe in der rechten Hand. Ich hatte Hunger, ich war spät dran, vor dem Bäcker war ein Parkplatz – gut, er war im Halteverbot. Und nun fühle ich mich auf frischer Tat ertappt. Da kann mich auch kaum trösten, als ich später in der Zeitung lese, dass 40 Prozent des Straßenverkehrs auf die Parkplatzsuche entfallen. Oder anders gesagt: Die Hälfte des Autoverkehrs findet nur statt, um ihn zu beenden. Verrückt. Warum fahren wir überhaupt erst los? Darüber kann ich in aller Ruhe nachdenken, als ich gestern in Pferdekutschentempo am Klausener Platz herumkurve. Auf Parkplatzsuche. Ah, dort hinten vielleicht? Im Halteverbo…. – nein, diesmal nicht, sage ich mir. Hat das heute was mit der Bibel zu tun? Eigentlich nicht. Oder, doch, als ein dicker Benz in dem Moment aus einer Lücke fährt, als ich vorbei komme, seufze ich erleichtert: „Wer suchet, der findet“ (Mt 7,8).

Mo 31.8.20, 12:01: Es hat lange gedauert, sehr lange. Umso mehr freue ich mich, dass Pfarrer Friedrich Klein von unserer Landeskirche Ekbo rehabilitiert worden ist. Er war von 1935 bis 1943 an der Immanuelkirche in Prenzlauer Berg im Dienst. 1942 wurde er vom Reichskriegsgericht auf Grundlage des so genannten Homosexuellen-Paragraphen 175 zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Angeblich wegen "Verführung eines Mannes unter 21 Jahren zur Unzucht“. Dem staatlichen Urteil folgte das damalige Konsistorium der Mark Brandenburg und entzog ihm seine geistlichen Rechte sowie alle Bezüge. Anders ausgedrückt: Er wurde aufgrund seiner sexuellen Orientierung rausgeschmissen. Der ehemalige Pfarrer kam ins Gefängnis nach Torgau. Später auf „Bewährung im Fronteinsatz" an die Ostfront. Dort verliert sich seine Spur. Im Gedenkbuch einer Kriegsgräberstätte, die sich in der Nähe von St. Petersburg befindet, ist er verzeichnet als „vermisst seit 1. August 1944“. – Der „Homosexuellen-Paragraf“ wurde 1994 in der Bundesrepublik endgültig abgeschafft. Im Jahr 2002 hat der Bundestag alle entsprechenden NS-Unrechtsurteile annulliert. Und nun hat – endlich – auch die Kirche nachgezogen und das Unrechtsurteil von damals aufgehoben. Vor diesem Hintergrund wird unser Landesbischof Christian Stäblein morgen in der Immanuel-Kirchengemeinde an Pfarrer Friedrich Klein erinnern. Gefeiert wird ein Gedenkgottesdienst.

So 30.8.20, 13:09: Heute im Gottesdienst ging es um das süße Nichtstun. Um Muße und Faulenzen. Und um die Frage: „Was will ich nicht tun?“ Hier ein Gedanke aus der Predigt von heute: „Die Jünger von Jesus hatten viel zu tun. So viel, so berichtet es Markus, der Evangelist, dass sie nicht einmal genug Zeit hatten zu essen und zu trinken. Es ist eins meiner Lieblingskapitel aus der Bibel. Vielleicht, weil Jesus sich hier einen menschlichen Blick bewahrt hat, mit dem er auf seine Helfer schaut. Und sieht, was alle um ihm herum leisten, wie sie sich Mühe geben, wie sie sich einsetzen und abhetzen. Und er sieht, dass das nicht gesund ist. ‚Geht ihr allein an eine einsame Stätte und ruht ein wenig‘, sagt er deshalb (Markus 6,31). Jesus verdonnert sie zum Nichtstun an einer einsamen Stätte. Und er weiß schon, was passiert, wenn wir die Geschäftigkeit des Alltags ablegen. Er hat das selbst erlebt, damals, in der Wüste, wenn Gedanken, Gefühle und Wünsche zum Vorschein kommen, die sonst im Hinterhof unserer Seele versteckt sind. Drei von vier Evangelien berichten von den Versuchungen, denen Jesus ausgesetzt war. Und wie wichtig es ist, sich ihnen zu stellen.“

Fr 28.8.20, 13:21: Beethoven hatte keine Eile, er hatte Zeit. Oder er nahm sie sich. Jedenfalls kann man immer wieder lesen, dass Beethoven erst beim Spazieren auf so manche Idee für seine Kompositionen gekommen ist. Und von Newton weiß man sowieso, dass der seine besten Gedanken beim Träumen unterm Apfelbaum hatte. Also eigentlich seltsam, dass der Müßiggang heute einen eher schlechten Ruf hat. Oder warum löst schon bei manchem das Lesen eines Buches ein schlechtes Gewissen aus? Und wie wäre es, einfach mal nur da zu sitzen und aus dem Fenster zu schauen? Nein, völlig undenkbar: „Oh, mein Gott, ich bin faul, was soll bloß aus mir werden?“ Vielleicht liegt es an Redensarten wie diesen: Ohne Fleiß kein Preis. Oder: Wer rastet, der rostet. Wie dem auch sei, es stellt sich die Frage: Was tun? Und da hätte ich so eine Idee: Einfach am Sonntag in den Gottesdienst kommen. Denn da wird es im Wesentlichen ums süße Nichtstun gehen, ums Dolcefarniente. Darum, wie wichtig es ist, auch mal alle fünfe gerade und den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen. Wir übertragen den Gottesdienst wie gewohnt nach draußen. Herzliche Einladung also zur Feier des gemeinsamen Nichtstuns ab 11 Uhr.

Do 27.8.20, 12:30: Die Sanierung von Gebäuden war schon im Alten Testament ein Problem. Woher soll es bloß kommen, das liebe Geld, überlegte bereits der Priester Jojada zur Zeit des Königs Joahas. Und hatte eine Idee: Er nahm eine Holzkiste, stellte sie gleich rechts neben den Altar im Tempel und "bohrte oben ein Loch hinein" (2 Kön 12,9). Die Besucher gaben dann immer etwas Geld, womit "Zimmerleute und Bauleute" bezahlt werden konnten. Die Geburtsstunde der Spendenbox. – Nun, manches ändert sich, anderes nicht. Auch wir mussten unser Gebäude sanieren. Mindestens 75.000 Euro würde es kosten, hieß es erst, den Wasserschaden im Gemeindehaus zu beheben. Am Ende konnten wir die Baukosten auf unter 13.000 Euro drücken. Aber dafür war in den vergangenen Monaten das große Engagement vieler Beteiligter nötig. Deshalb hier noch einmal: Vielen Dank! Allerdings: Als Gemeinde erhalten wir aus Kirchensteuern jährlich rund 8.000 Euro für Baumaßnahmen, wovon wir alles bezahlen müssen, was in Kapelle und Gemeindehaus so anfällt. Und wie wir es drehen und wenden – es bleibt eine Lücke. Trotz der Spenden und Kollekten, die wir bereits gesammelt haben. Deshalb erlaube ich mir heute ausnahmsweise, um weitere Unterstützung zu bitten. Wem es möglich ist: Jeder Betrag ist willkommen. Ganz herzlichen Dank!

Mi 26.8.20, 10:19: Am Wochenende, als es so schön heiß war, saß ich mit den Kindern unten an der Fähre. Jeder ein Eis in der Hand, auf einer Bank im Schatten, Blick aufs Wasser. Ach, herrlich. – Da kommt die erste Wespe. Und gleich die zweite. Bald ist es ein halbes Dutzend schwarzgelber Plagegeister. „Die tun euch nichts, wenn ihr ihnen nichts tut“, sage ich, ganz der Wespenversteher. Aber warum müssen Wespen und Kinder, was das Eisessen angeht, den gleichen Geschmack haben? Als mein Sohn Hannes beinahe mit seinem Erdbeereis eine Wespe schleckt, bekomme ich einen Schreck. Nein, so geht das nicht. Also: Platzwechsel –  die Wespen folgen. Tempowechsel – die Wespen folgen. Ich werde nervös. Mein Handy fällt aus der Tasche. Ich greife danach, vermeintlich… Autsch! Wespenstich. „Tut’s weh?“, fragt meine Tochter. „Geht“, presse ich mit zusammengebissenen Zähnen heraus. Ich könnte brüllen. Wahrscheinlich so sehr wie die Hiwiter, Kanaaniter und Hetiter, als ihnen Gott die Wespen auf den Hals schickt – und sie die Flucht ergreifen (Ex 23,28). Wir auch. Die Kinder essen ihr Eis im Auto zu Ende. Ich reibe meine Hand, als meine Tochter vorsichtig etwas Spucke darauf reibt. „Das soll helfen“, tröstet sie mich. Und, tatsächlich, es tut gar nicht mehr so weh.

Mo 24.8.20, 11:13: Gestern Abend, Champions-League-Finale. Bayern gegen Paris, ich bin dabei. Aber, bitte, wer denkt sich nur so eine späte Anstoßzeit aus? Kinderfreundlich ist das nicht. Vaterfreundlich auch nicht, finde ich und unterdrücke ein erstes Gähnen, als die Fußballer noch durch den Spielertunnel laufen. Aber wenn ich mir Thomas Müller so anschaue, ahne ich, dass wir beide nun 90 anstrengende Minuten vor uns haben. Mit dem Unterschied, dass neben mir das geöffnete Weizen steht, während sich die Bayern ihren Henkelpott erst noch verdienen müssen. Anpfiff. Das Spiel plätschert vor sich hin. Und ich habe reichlich Zeit, eigenen Gedanken nachzuhängen. Spricht der Kommentator gerade vom Duell der Trainer? Ich überlege: Wie wäre Jesus als Trainer gewesen? Eine Mannschaft hatte er, Taktik auch: „Er rief die Zwölf zu sich und fing an, sie auszusenden je zwei und zwei“ (Mk 6,7). Fairness war wichtig: „Was ihr wollt, dass euch die Leute tun, das tut ihnen auch" (Mt 7,12). Und Teamgeist erst: „Wenn jemand will der Erste sein, der soll der Letzte sein" (Mk 9,35). Und bestimmt hat Hansi Flick zur Motivation gestern auch so was gesagt wie: „Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?" (Mk 4,40). – Glückwunsch an die Bayern!

So 23.8.20, 12:56: Heute im Gottesdienst ging es auch um die Frage nach den ersten Vorbildern im Leben. Ein Gedanke aus der Predigt von heute: „Wenn wir an den Anfang des Lebens zurückgehen, hat jeder Mensch das gleiche Vorbild vor Augen, im wortwörtlichen Sinne: das Bild der eigenen Mutter. Und, mit etwas Verzögerung, wenn es gut läuft, auch das Bild des Vaters. Vorbilder, an denen sich das Selbstbild des kleinen Menschen bilden kann. Vorbilder, von denen Kinder lernen, ob es die Welt gut mit ihnen meint – oder auch nicht. So wichtig sind diese ersten Vorbilder: Mutter und Vater. Und Eltern verlangen keine Heiligen. Sollten sie jedenfalls nicht. Machen sie auch nicht. Sondern blicken mit den Augen der Liebe auf ihre Kinder. Verzeihen Fehler. Von denen keine Mutter und kein Vater will, dass die Kinder sie machen. Und doch wissen alle Eltern, dass Kinder Fehler machen. Und schauen sie trotzdem mit den Augen der Liebe an. Es hat schon einen Grund, dass wir uns den Gott, an den wir glauben, als Vater vorstellen. Und als Mutter. Das steht schon bei Jesaja, dem Propheten, der Gott sagen lässt: ‚Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet’Jesaja 66,13).“

Fr 21.8.20, 14:24: Es ist Freitag – und damit der Tag, an dem ich langsam beginne, den Blick auf den Gottesdienst am Sonntag zu richten. Also nehme ich mir trotz der Hitze die Bibel aus dem Regal und fange an zu lesen. Von Kain, der seinen Bruder Abel erschlägt – und was macht Gott? Sorgt dafür, dass dem Brudermörder kein Haar gekrümmt wird. Seltsame Geschichte. Ich lese weiter von Jakob, diesem Muttersöhnchen vor dem Herrn, der seinen Vater hinters Licht führt und seinen Zwillingsbruder ums Erbe bringt – und was macht Gott? Gibt ihm den Namen Israel und legt Segen auf ihn und alle Nachkommen. Auch seltsam. Und dann sind da noch Mose, der stammelnde und stotternde Befreier seines Volkes. Und David, der glorreiche König, der den Ehemann seiner Geliebten Bathseba umbringen lässt. Und ich denke: Gibt’s denn da im Alten Testament überhaupt keinen Helden, der ohne Fehl und Tadel ist? –  Nein. Was ist denn da bloß los mit den alten Vorbildern aus der biblischen Tradition? Oder anders gefragt: Was macht ein Vorbild eigentlich zum Vorbild? Damals wie heute? Wie gut, dass ich noch bis Sonntag habe, um eine Antwort zu finden. Herzliche Einladung zum nächsten Sommergottesdienst. Wir übertragen wieder nach draußen.

Do 20.8.20, 13:36: Ach, der Sommer ist schön. Und er könnte noch schöner sein, wenn da nicht dieses Kratzen, Beißen, Stechen wäre. Ich meine natürlich die Mücken. Gestern, kurz vorm Einschlafen, macht es: „Bsssssst.“ Nein, bitte nicht, denke ich. Ich schalte die Nachttischlampe an, greife nach der Zeitung. Warte. „Bsssst.“ Hole aus, schlage zu – Autsch. Nicht getroffen. Kurz darauf: „Bsssst.“ Mit Schwung zugeschlagen, wieder daneben. Das gibt’s doch nicht. Entnervt schalte ich irgendwann das Licht aus, bin aber hellwach. Und nicht nur ich. „Papa?“, fragt eine müde Stimme aus dem Dunkeln. Mein Sohn. Und von der anderen Seite: „Was ist denn hier los?“ Meine Tochter. Ich seufze und denke an Holofernes, den Heerführer des Königs Nebukadnezar. Der hatte sich zu biblischen Zeiten ein Mückennetz aus Purpur und Goldfäden anfertigen lassen (Jdt 10,21). Mir dagegen hätte gestern schon eins aus dem Baumarkt gereicht. Und es wundert mich, dass Mücken in der Bibel kaum erwähnt werden. Nur als eine von den sieben Plagen tauchen sie als „Stechfliegen“ auf, diese Plagegeister (Ex 8). Übrigens: Auf Altgriechisch heißt Mücke „Anopheles“, übersetzt „nutzlos“ und „beschwerlich“. Da haben sie mal was Richtiges gesagt, diese Altgriechen, denke ich und bin nun wirklich am Einschlafen. Oder was ist das?… „Bssssst.“

Di 18.8.20, 12:26: Darf ich vorstellen, hier auf dem Foto, das sind Undine und Winfried Rösler. Sie wohnen auf der anderen Seite des Wäldchens, in Hörweite unserer Glocke. Und sind, wenn ich das so sagen darf, ein bezauberndes Ehepaar. Verheiratet seit 50 Jahren. Zusammen durch dick und dünn gegangen. Und immer noch glücklich verliebt. Vorbilder. Gestern haben wir in der Schilfdachkapelle einen Gottesdienst zum goldenen Ehejubiläum gefeiert. Einen auch für mich besonderen Gottesdienst, denn gestern durften die beiden erstmals in der Kirche zueinander Ja sagen. Damals, 1970, haben sie keinen kirchlichen Segen bekommen. Sie, die geschiedene Mutter von drei Kindern, und er, römisch-katholisch, durften „nur“ standesamtlich heiraten. Und es macht mich zugleich traurig und wütend, wenn ich wieder einmal erlebe, wie sehr Wunden manchmal schmerzen, die wir als Kirche Menschen zufügen. Dabei möchte ich in Abwandlung des Jesuswortes sagen: Die Kirche ist doch für die Menschen da, nicht die Menschen für die Kirche. Es war daher ein besonders emotionaler Moment, als ich gestern den Spruch vorgelesen haben, den sich die beiden nach 50 Jahren Ehe zu ihrer Trauung ausgesucht haben: „Die Liebe erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles. Die Liebe höret nimmer auf.“ (1 Kor 13,7-8).

Mo 17.8.20, 10:15: Gestern nach dem Gottesdienst bin ich durch das Wäldchen hinter der Kapelle nach Hause gelaufen. Und schmerzlich ist mir bewusst geworden, dass ich mich noch an Zeiten erinnern kann, die unwiderruflich vergangen sind. Ich will das erklären. Früher hießen Schäferhunde selbstverständlich noch Hasso oder Rex, Dackel wurden Waldi genannt und der struppige Mischling unserer Nachbarin hieß Struppi. Ach so, und der schwarze Kater meiner Großeltern? Richtig, Mohrle. Gut, das ist politisch nicht mehr korrekt, zugegeben. Aber gewundert habe ich mich, als es gestern weithin hörbar durch das Wäldchen schallte: „Otto, nu abba ma Schluss!“ Ich dachte an einen renitenten Fünfjährigen oder so. Doch kurz darauf bog ein ausgewachsener Dobermann um die Eichen. Aug in Aug standen wir uns gegenüber. „Otto, bist ein Braver“, versuchte ich ihn mit zittriger Stimme zu beruhigen. Glücklicherweise tobte Otto kurz darauf weiter. Und mir fiel ein, dass ich gerade erst gelesen hatte, dass Hundenamen immer menschenähnlicher werden. Seltsam? Ach iwo, immerhin sind Mensch und Tier, beide, Geschöpfe Gottes. Und schon der Schöpfungsbericht gibt dem Menschen das Recht, Tieren Namen zu geben. Das hat auch Martin Luther gemacht. Der hatte einen kleinen Spitz, den er über alles liebte. Er hieß: „Tölpel.“ Allen einen sonnigen Start Wochenstart!

So 16.8.20, 12:52: Ein Wochenende mit vielen Gottesdiensten geht so langsam zu Ende. Schon am Freitagabend waren die Schulanfänger bei uns zu Gast. Unbeschwert und fröhlich war das, vielen Dank an Cindy und Martin Pohl für das schöne Foto. – Unbeschwertheit, das ist zumindest auch ein lohnendes Fernziel im jüdisch-christlichen Dialog, um den es heute im Gottesdienst ging. Hier ein Gedanke aus der Predigt: „Als Christen berufen wir uns seit 2000 Jahren auf Jesus Christus. Aber auch die jüdische Theologie beschäftigt sich seit beinahe ebenso langer Zeit mit der Deutung dieses jüdischen Wanderpredigers aus Galiläa, der die Menschen damals so fasziniert hat. Und die jüdischen Theologen versuchen zu verstehen, wer da und warum da einer aus ihrer Mitte gekommen ist und am Ende eine neue Religion begründet hat… Ich merke, wie es mich berührt, von einem wie Schalom Ben-Chorin zu hören, der Jesus zu seinem ‚Bruder’ erklärt hat und der Jesus als Rabbi bis heute einen Platz zuweist ‚an der Seite jener, welche die Revolution des Herzens in Israel vollziehen‘“.

Fr 14.8.20, 12:42: Ich schaue gerade mit bangem Blick aus dem Bürofenster des Gemeindehauses und hoffe, dass sich das Wetter hält. Heute Abend wollen wir um 18 Uhr den Gottesdienst zur Einschulung auf dem Vorplatz der Kapelle feiern. – Zugleich richtet sich mein Blick aber auch schon auf Sonntag, diesem besonderen Sonntag im Kirchenjahr, dem „Israelsonntag“. Der Sonntag jedenfalls, bei dem das Verhältnis von Juden und Christen zur Sprache kommen soll. Und ich möchte das einmal aus der Perspektive von Familienbeziehungen angehen. „Da kenne ich keine Verwandten“, ist doch so ein Sprichwort gewordener Satz, der meist bedeutet, dass einem alle Mittel recht sind. Mit diesem Satz im Hinterkopf blättere ich bis zum Gottesdienst noch ein paar „Verwandtenbücher“ durch: Darunter ein aktuelles der Präsidentennichte Mary L. Trump („Wie meine Familie den gefährlichsten Mann der Welt erschuf“) und ein weniger aktuelles von Lothar Vosseler, dem Bruder von Ex-Kanzler Gerhard Schröder („Der Kanzler, leider mein Bruder, und ich“). Aber auf alle Fälle in die Predigt hinein schafft es ein neues Buch, das wie kein zweites zum „Israelsonntag“ passt. Es ist von Walter Homolka, deutscher Rabbi, Uni-Professor. Der Buchtitel: „Der Jude Jesus – Eine Heimholung.“ Herzliche Einladung für Sonntag, wir übertragen den Gottesdienst wieder nach draußen.

Do 13.8.20, 11:13: Ich habe mich in dieser Woche mehrmals dabei ertappt, wie ich meiner Tochter nach dem Verabschieden noch gedankenverloren hinterher geschaut habe. Es mag schon sein, dass Loslassen weniger Kraft kostet als Festhalten – aber manchmal ist es trotzdem so viel schwerer. Am Ende der Woche kommt sie in die Schule. Und seit ein paar Tagen geht meine Tochter in Vorbereitung darauf in den Schulhort. Für alle Schulanfänger (und ihre Eltern) beginnt nun etwas Neues und Aufregendes. Das ist wohl jedes Jahr so. Doch in diesem Corona-Jahr kommt noch eine große Unsicherheit hinzu: Was wird kommen, was wird passieren in den nächsten Wochen und Monaten? Keiner weiß es. Pfr. Nicolas Budde und ich haben uns deshalb vorgenommen, den Gottesdienst zur Einschulung diesmal so leicht und feierlich wie möglich zu machen. Der Gottesdienst für Erstklässler und ihre Familien findet morgen um 18 Uhr auf dem Vorplatz der Schilfdachkapelle statt. Draußen fällt es uns leichter, Abstand zu wahren. Vor der Kapelle, im Freien, unter den mächtigen Eichen auf dem Vorplatz, wird es darum gehen, dass wir trotz aller Unsicherheiten behütet und beschirmt, geschützt und gesegnet durchs Leben gehen dürfen. Ich freue mich auf morgen!

Mi 12.8.20, 14:08: Wer in die Bibel schaut, kann dort reichlich Geschichten übers Altwerden lesen. Immerhin wurde gleich der erste Mensch der Weltgeschichte, Adam, 960 Jahre alt. Das ist nicht schlecht. Und eigentlich nur noch übertroffen von Methusalem, 969 Jahre. Vielleicht habe ich, derart angeregt, irgendwann begonnen, eine Liste mit Hinweisen zur Lebensführung anzulegen, gesammelt aus Gesprächen an Seniorennachmittagen. Hier eine Auswahl: Viel Rotwein. Kein Alkohol. Viel Knoblauch. Viel häkeln. Kein Sport. Tägliche Gymnastik. Früh aufstehen. Morgens ausschlafen. Wenig arbeiten. Immer arbeiten. Hm, ich werde wohl einfach alles ausprobieren. Und irgendwas wird schon helfen. Wobei mir neben der Gesundheit fast am wichtigsten erscheint, auch im Alter noch so voller Erwartung zu bleiben wie Hannah und Simeon. Prophetin die eine, Gottesfürchtiger der andere. Beide leben am Tempel von Jerusalem, um Gott nahe zu sein. Sie werden darüber alt und grau, bewahren sich aber eine große Lust aufs Leben. Das finde ich bewundernswert. Vorbilder bis heute. Und gewissermaßen als Zugabe offenbart sich ihnen Gott am Ende tatsächlich – in dem kleinen Baby von Maria und Josef aus Nazareth. Als Simeon den acht Tage alten Jesus sieht, jubelt er: „Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen“ (Lk 2,29).

Di 11.8.20, 10:43: Was bin ich froh, dass wir in unserer Gemeinde einen Förderkreis haben. Das merke ich immer wieder. Zum Beispiel, wenn wir im Gemeindekirchenrat überlegen, wie etwas finanziert werden kann, was im Haushalt nicht vorgesehen ist. Früher oder später hat dann immer einer die Idee: „Fragen wir doch den Förderkreis.“ Und oft genug ist dann doch noch manches möglich. Der Förderkreis hat zwar vor allem den Zweck, bauliche Maßnahmen unserer historisch einmaligen Schilfdachkapelle zu unterstützen – aber eben auch gemeindliche Aufgaben. Und so wäre ohne Förderkreis im Frühjahr etwa die Anschaffung der neuen  Lautsprecheranlage nicht möglich gewesen, mit der wir die Gottesdienste nach draußen übertragen. Und nun hat der Förderkreis auch die Kosten für ein weiteres Projekt übernommen. Keine große Sache, aber eine schöne: 360-Grad-Aufnahmen der Schilfdachkapelle. Im Internet ist nun ein virtueller Rundgang freigeschaltet – von den Emmausjüngern draußen bis zur Orgel auf der Empore der Schilfdachkapelle. Und ich muss sagen: Die Aufnahmen lohnen sich. Deshalb auch in dieser Gruppe einmal einen ganz herzlichen Dank an die vielen engagierten Förderkreis-Mitglieder. Vor allem an den Vorsitzenden Christoph Oeters, der die organisatorische und inhaltliche Umsetzung der 360-Grad-Aufnahmen koordiniert hat! Ach so, übrigens: Der Förderkreis freut sich über jedes neue Mitglied

Und hier ist der Link zum Rundgang.

So 9.8.20, 13:30: Heute im Gottesdienst ging es um eine mögliche Deutung dieses Corona-Jahres. Um die Mehrdeutigkeit, in der wir leben, weil die Krise alles andere als eindeutig ist. „Und darum, was wir alle in diesem Jahr erfahren haben: Wie zerbrechlich alles ist. Unser Alltag. Unsere Pläne. Das ganze Leben. Und wenn ich das sage, rede ich auch über Gott. Denn das ist gemeint, wenn wir vom Handeln Gottes sprechen. Dass wir uns und unser Leben nicht selber in der Hand haben. Das ist gemeint, wenn wir ‚Gott' sagen. Dafür steht der Begriff: Gott. Dass wir in unserem Leben einen Mitspieler erfahren, dem wir vertrauen, dass er das Gute für uns will. Und dass wir in unserem Leben manchmal auch einen Gegenspieler erfahren, der all unsere schönen Pläne durchkreuzt. Nicht nach unserem, sondern nach seinem Willen handelt. Und manchmal können wir hinterher sagen: Ja, es war gut, wie alles gekommen ist, auch wenn ich das am Anfang nicht wusste. Und manchmal können wir das ... auch nicht sagen. Auch das ist Gott. Auch wenn es schwer fällt.“ Ein Gedanke aus der Predigt von heute.

Fr 7.8.20, 12:37: Wenn ein Virus die ganze Welt auf den Kopf stellt, müsste doch eigentlich die große Stunde der Kirche schlagen. Könnte man denken, oder? Ist aber nicht so. „Sagen Sie als Pfarrer doch mal, warum die Kirchen so stumm geblieben sind“, war für mich – etwas überraschend – eine Frage, die mich durch den Urlaub begleitet hat. Und eine Antwort darauf ist gar nicht so leicht. Zumal ich den Sommer eigentlich gemütlich im gebuchten Ferienhaus in Schweden verbringen wollte. Und nicht mit theologischen Fachdiskussionen. Aber dann sind wir nicht nach Schweden, sondern nach Köln gefahren. Familie besuchen. Auch schön. Und da war sie immer wieder, die Frage nach der Rede von Gott in Zeiten von Corona. Und es stimmt: Wir können doch nicht immer von Gott als Schöpfer aller Dinge reden und gleichzeitig behaupten, dass er nichts mit Corona zu tun habe. Darum soll es am Sonntag in einem sommerlichen Gottesdienst in der Schilfdachkapelle gehen. In der Predigt geht es um Kölner Patentanten und Schwägerinnen – und um eine Nonne, die zwar nicht sterben will, aber bereit ist, auch dahin zu gehen, wo es weh tut. Herzliche Einladung zum Gottesdienst, den wir nach draußen übertragen. Ich freue mich auf den ersten Gottesdienst nach dem Urlaub.

Do 6.8.20, 10:01: Für mich kommt der Sound des Sommers, wenn ich das so sagen darf, von Khruangbin. Wie bitte…? Nein, ich bin nicht auf der Tastatur ausgerutscht. Die heißen wirklich so. Khruangbin habe ich vor ein paar Wochen zufällig im Radio entdeckt. Und bin immer noch begeistert von dieser Mischung aus – Achtung, jetzt kommt’s: jamaikanischem Dub, Thai-Funk und Wüstenrock. Klingt gewöhnungsbedürftig? Ist es nicht. Bei mir läuft Khruangbin zurzeit rauf und runter. Also, schön wärs. Nach etlichen Stunden „Bibi und Tina“ und „Feuerwehrmann Sam“ war ich auf der Autobahn im Urlaub auch mal an der Reihe.„Papa, was heißt Teksas San?“, fragt mich meine sechsjährige Tochter skeptisch. Sie meint „Texas Sun“, meinen Lieblingssong. Und ich fange an zu erklären, irgendwas von Sehnsucht und Reisen… Dabei können das Khruangbin viel besser: „You say you like the wind blowing through your hair/ Come on, roll with me 'til the sun goes down.“ Wenn ich Khruangbin höre, bekomme ich eine Ahnung, was es bedeutet, wenn Gott unsere Füße auf weiten Raum stellt (Ps 31,9). Und von der Freiheit, die dort spürbar wird, wo der Geist Gottes zu Hause ist (2. Kor 3,17). Und für die Länge eines Popsongs ist die Welt in Ordnung.

Di 4.8.20, 9:51: Jeder Urlaub geht einmal zu Ende. Aber manche Erinnerung, die bleibt. Für mich ist es in diesem Jahr eine Straßenszene aus Köln, die wir als Familie erlebt haben. Dort, vor dem Dom, unter den Zwillingstürmen am Petrusbrunnen, war ein Straßenkünstler unterwegs. Einer, der sich vorgenommen hatte, den Kindern eine Freude zu machen. Ach, was sage ich, nicht nur den Kindern. Allen. Denn er machte Seifenblasen – kleine und große, unterschiedliche Formen und auch mal ganz viele. Und die Kinder rannten und sprangen, lachend und singend. Und die Jugendlichen, eigentlich längst zu alt für so was wie Seifenblasen, wurden noch einmal zu Kindern und waren mittendrin dabei. Und die Eltern und Erwachsenen standen drum herum und freuten sich. Über kleine Momente des Glücks. Unerwartet, plötzlich. Und dann war er endlich auch für mich da, ein   Augenblick der Unbeschwertheit, eine Ahnung der  Leichtigkeit, all das, was mir in diesem Corona-Sommer sonst so schwer fällt. Alles war auf einmal da, so leicht und unbeschwert wie eine Seifenblase. Und ich nehme mir so fest vor, mich in den Wochen und Monaten, die vor uns liegen, immer wieder an die Seifenblasen von Köln zu erinnern. „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat“ (Ps 103,2).

Mo 3.8.20, 11:32: Wir sind wieder da. Zurück aus dem Urlaub. „Die Ruhe ist vorbei“, sage ich lachend zu unserer Nachbarin und hole die letzten Koffer aus dem Auto. „Ja“, sagt sie, „das haben wir schon gehört.“ Unsere Nachbarin ist eine freundliche Frau. Und noch während sie spricht, höre ich, wie sich Hannes und Mattis, unsere beiden Vierjährigen, streiten. Lautstark. Der eine haut, der andere kratzt, beide brüllen. Unterdessen galoppiert unsere Tochter Mina wiehernd ums Haus. Sie ist dabei lauter als jedes Pferd. Meine Frau ist im Keller, um die erste Wäsche anzumachen. Aber sie kann mit Sicherheit alles hören. Und ich stehe vor unserer Nachbarin und hebe in einer hilflosen Geste die Arme. Der Maßstab für das Zusammenleben, meint der Apostel Paulus in seinem Römerbrief, soll immer der Blick für den anderen sein, für den „Schwachen“, wie er schreibt (Röm 14). Wichtig sei, den Mitmenschen allezeit im Blick zu behalten und den Frieden zu wahren. Unsere Nachbarn müssen eine große Liebe für den Frieden haben. Später steht Hannes mit einem Blumenstrauß vor der Haustür der Nachbarin. Selbst gepflückt – und zwar aus ihrem Vorgarten. Und sie? Blickt tapfer auf die abgeknickten Halme und nimmt Hannes in den Arm. Ja, wir sind wieder da.

Beiträge aus Mai bis Juli 2020 gibt es hier.

Beiträge aus März bis April 2020 gibt es hier.

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